Welt : Gewinner überall

Sieger des Eurovision Song Contests wollen ihr Lied übersetzen / Lena kündigt neue Tournee an / ARD ist rundum zufrieden

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Die Freude hält an. Das Gesangsduo aus Aserbaidschan, Nigar Jamal und Eldar Gasimov – genannt Ell/Nikki – feiert seinen Sieg beim Gesangswettbewerb. Foto: Eventpress Adolph
Die Freude hält an. Das Gesangsduo aus Aserbaidschan, Nigar Jamal und Eldar Gasimov – genannt Ell/Nikki – feiert seinen Sieg beim...Foto: Eventpress Adolph

Ein Uhr dreißig nachts ist keine gute Zeit für Metaebenen. Da meldet sich der Mann der Nachrichtenagentur Reuters auf der nächtlichen Gewinner-Pressekonferenz und fragt tatsächlich, ob das Schmusestück „Running Scared“ womöglich genau deshalb gewann, weil Europa so krisengebeutelt ist und sich vor allem nach einem sehne: nach ganz viel Liebe! Auf dem Podium müssen Nigar Jamal und Eldar Qasimov grinsen. Zustimmen wollen sie lieber nicht.

Als Duo Ell/Nikki haben die beiden Aserbaidschaner kurz zuvor den Eurovision Song Contest gewonnen – nicht so triumphal wie Lena vor einem Jahr in Oslo, aber doch mit deutlichem Abstand vor den Nächstplatzierten Italien und Schweden. Punkte gab es für Aserbaidschan vor allem aus dem osteuropäischen Raum, ansonsten verteilten nur Österreich, Portugal und San Marino höhere Punktzahlen an Ell/Nikki.

Von der oft beschworenen „Ostblock-Stimmmafia“ ist auf der Aftershowparty am Düsseldorfer Rheinufer trotzdem nicht die Rede. Die Länderdelegationen vor Ort sind sich weitgehend einig: Gewonnen hat diesmal schlicht der eingängigste Pop-Ohrwurm. Auf ihrer Pressekonferenz versprechen Jamal und Qasimov auch gleich, ihren Song nun international zu vermarkten und eine deutschsprachige Version von „Running Scared“ zu veröffentlichen. Sänger Qasimov hat in Deutschland Musik studiert, beherrscht die Sprache fließend. Und noch etwas verraten sie: Lena Meyer-Landrut wollen sie eher nicht nacheifern! Die Titelverteidigung im eigenen Land wird wohl ohne Ell/Nikki stattfinden.

Lena selbst wirkt nach der Show zufrieden und gelöst, sie fühle sich „wie auf Wolke 2000“, sagt sie. Obwohl ihr Auftritt in der Halle von den Fans minutenlang gefeiert wurde, reichte es am Ende bloß für einen zehnten Platz im Mittelfeld. Aus Österreich gab es zehn Punkte, ansonsten kleckerte es, schon nach den ersten Stimmübermittlungen zeichnete sich ab, dass das Projekt Titelverteidigung, von dem Lena selbst bereits seit Wochen nichts mehr hören wollte, scheitern würde. Trotzdem kündigt Lena noch in der Nacht an, dass sie in der Unterhaltungsindustrie aktiv bleiben will.

Das wird auch Sonntagmittag im Düsseldorfer Medienhafen deutlich. Die ARD hat eingeladen, um Bilanz zu ziehen – und die fällt – wenig überraschend – positiv aus. Fast 14 Millionen Zuschauer haben das Finale allein in Deutschland verfolgt, das ist nur leicht weniger als im Vorjahr. ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber kann Lenas Auftritt gar nicht genug loben, da „konnte man nichts besser machen“, sagt er. Angeblich will der Sender die 19-Jährige langfristig an sich binden, Schreiber bestätigt, dass es Ideen gebe. Die Produktionsfirma Brainpool, an der Lenas Mentor Stefan Raab beteiligt ist und die für die Umsetzung des Song Contests verantwortlich war, gibt preis: Noch diesen Herbst, spätestens aber im kommenden Frühjahr, liebäugelt Lena mit einer neuen Tournee, die diesmal wohl in kleinere Hallen führen soll. Außerdem wolle Lena als Schauspielerin arbeiten.

ARD und ProSieben wollen auch im kommenden Jahr gemeinsam einen aussichtsreichen Kandidaten für den Song Contest finden. Viel Lob schüttet ARD-Mann Thomas Schreiber am Sonntag auch über die Moderatoren des Wettbewerbs aus: einerseits für Stefan Raab, der zur Eröffnung der Show mit Big Band eine alternative Version von Lenas „Satellite“ auf die Bühne brachte. Andererseits für Anke Engelke und ihren Witz. Wenn es nach Schreiber geht, soll Anke jetzt jedes Mal moderieren, egal in welchem Land.

Ganz so harmonisch, wie die Veranstaltung auf dem Bildschirm wirkte, ging es in der Düsseldorfer Arena aber offenbar nicht zu. Ein Mitarbeiter der Produktionsfirma berichtet von „emotionalen Diskussionen“ mit diversen Teilnehmerländern während der Vorbereitung, vor allem mit Großbritannien und Russland, die zunächst mit den LED-Wänden als Kulisse unzufrieden waren. Die Schweden wiederum hatten Angst, dass ihr Glaskasten auf der Bühne nicht wie geplant zersplittern und Sänger Eric Saade darin für den Rest des Liedes eingesperrt bleiben würde. In den Proben war genau das passiert. Die Spanier fanden ihre Hintergrundbilder auf der Riesenleinwand zu dunkel, das entspräche nicht ihrer „mediterranen Lebensfreude“, hieß es.

Neben Aserbaidschan gibt es noch einen zweiten, heimlichen Gewinner des Abends. Der heißt Schweden, denn von dort kommen gleich zwei der drei topplatzierten Titel: Neben dem eigenen Beitrag „Popular“ auf Platz drei wurde auch der Siegertitel „Running Scared“ von Schweden komponiert.

Nächstes Jahr findet der Eurovision Song Contest also in Aserbaidschan statt. Das Land wird autoritär regiert und gilt als stark konservativ geprägt. Als Sieger Eldar Qasimov gefragt wird, ob in seinem Heimatland auch die schwule Community willkommen sei - sie macht einen großen Anteil der Eurovision-Fangemeinde aus - setzt Eldar sein euphorisches Siegeslächeln auf und lädt alle anwesenden Schwulen in seine Heimat ein. Das werde eine tolle Party, sagt er.

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