Gottes Packesel : Papst Benedikt XVI wird 85 Jahre alt

Seit 30 Jahren bestimmt Joseph Ratzinger, der am Montag 85 Jahre alt wird, unbeirrbar den Weg der katholischen Kirche, erst als Chef der Glaubenskongregation, dann als Papst Benedikt XVI. Wohin er aber will, das verrät er nicht.

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Beide Füße fest am Boden. Wenn es ein Wort gibt, das Papst Benedikt XVI. zusammenfasst, dann ist das: Kontinuität. Seine Maxime lautet: „Vermeide jedweden Bruch.“
Beide Füße fest am Boden. Wenn es ein Wort gibt, das Papst Benedikt XVI. zusammenfasst, dann ist das: Kontinuität. Seine Maxime...Foto: picture alliance / dpa

Als der alte Augustinus spürte, dass er hinfällig wurde, setzte er sich vors Bücherregal und nahm sich sein Lebenswerk noch einmal vor. So vieles hatte er geschrieben in fast drei Jahrzehnten als Priester, als Bischof, als weltweit geachteter und gefürchteter Spitzentheologe; so viele Ketzer, einen nach dem anderen, hatte Augustinus in den Boden gerammt. Und immer wenn er glaubte, mal einen Augenblick verschnaufen zu können, dann bekam der „Packesel Gottes“, als der Augustinus sich selbst sah, gleich den nächsten Zentnersack auf den Rücken gewuchtet.

Bevor nun also der Überblick verloren ging, stellte der 73-Jährige seine Schriften in der Endform zusammen. Und auch wenn er sich selbstbewusst sagte, dass er so und so oft recht behalten hatte: Augustinus betrachtete seine Werke „wie ein Zensor“. Früher war er das bei anderen, jetzt ging er mit sich selbst ins Gericht. Da hatte er einmal „die rechten Worte nicht gefunden“, dort so „dunkel“ geschrieben, „dass ich es heute selber kaum mehr kapiere“; das eine „stellt mich überhaupt nicht zufrieden“, das andere gar, das war „kompletter, abgeschmackter Blödsinn“.

Heute, knapp 1600 Jahre später, gibt ein anderer sein theologisches Lebenswerk als Ganzes heraus. Einer, der sagt, Augustinus sei ihm „immer ein großer Freund und Lehrer geblieben“, einer, der in der Abwehr von Irrlehren gleichfalls eine Lebensaufgabe gefunden hat und der sich wie Augustinus ausdrücklich als „Packesel Gottes“ sieht, der sich nun aber vom alten Kirchenlehrer aus Nordafrika absetzt: Bei Joseph Ratzinger gibt es keine Revision. Kein Werk aus einer jugendlichen Sturm-und-Drang-Periode, das in heutiger Altersweisheit gezähmt werden müsste; keine einzige krumme Formulierung offenbar, keine wissenschaftliche Polemik, die im Eifer des Gefechts übers Ziel hinausgeschossen wäre; alles immer schon, seit 60 Jahren, wie für die Ewigkeit geschrieben. „Benedikt liest seine Arbeiten noch mal durch, hakt sie ab und gibt sie unverändert zum Druck. Lediglich die Rechtschreibung passen wir den heutigen Regeln an“, sagt Christian Schaller von dem Gremium, das die Veröffentlichung betreut.

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Nachdem Fidel Castro das katholische Oberhaupt in einem Brief um ein paar Minuten seiner Zeit gebeten hatte, gewährte ihm der Papst eine halbe Stunde. Castro hatte vor 16 Jahren bereits seinen Vorgänger getroffen.Weitere Bilder anzeigen
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Und geistige Entwicklungen, die zumindest vermerkt werden müssten? Der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller, der als Dogmatikprofessor nicht nur Chef-Herausgeber des Papstes ist, sondern gerne auch dessen Nachfolge als oberster katholischer Glaubenswächter anträte, er sagt, der Theologe Joseph Ratzinger habe „immer schon ziemlich früh vorausgeahnt, was kommt; deswegen braucht er im Nachhinein auch nichts mehr zu ändern.“

85 Jahre alt wird Joseph Ratzinger, der inzwischen Papst Benedikt XVI. ist, am morgigen Montag. Wenn es ein Wort gibt, das ihn zusammenfasst, dann heißt dies „Kontinuität“. Und die Maxime, die Benedikt daraus ableitet, die er mit aller Kraft, beinahe ängstlich verfolgt, sie lautet: „Vermeide jedweden Bruch!“

So bekommt nicht nur Ratzingers frisch erschienene Doktorarbeit, verfasst 1951 im Alter von 23 Jahren, fachlich denselben Rang wie die beiden Jesus-Bände, mit denen er als über 80-Jähriger sein wissenschaftliches Werk krönen wollte. Viel mehr als das: Genauso wie Augustinus in einer beständig brüchigen irdischen Welt, bedroht von Goten und Wandalen, die heute zwar anders heißen, nach seiner Ansicht aber die Fundamente von Zivilisation und Religion genauso ins Wanken bringen wie die Völkerwanderungsstämme von einst, will Benedikt eine andere Kontinuität hüten und verkörpern: jene des katholischen Glaubens und jene der 2000 Jahre alten Kirche als solcher.

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