Häusliche Gewalt : Wenn der Mann zum Opfer wird

Mal greifen sie zum Messer, mal drohen sie mit Kindesentzug: Häusliche Gewalt von Frauen gegen Männer ist immer noch ein Tabuthema. In Stuttgart will ein Pilotprojekt den Partnern helfen.

Dominique Leibbrand
Etwa zehn Prozent der Opfer häuslicher Gewalt sind männlich.
Etwa zehn Prozent der Opfer häuslicher Gewalt sind männlich.Foto: Bodo Marks/dpa

Günter F., Mitte 40, verheiratet. Im Streit geht seine Frau immer wieder auf ihn los, schlägt ihn, nimmt dafür auch Gegenstände zur Hand, zum Beispiel eine Latte. Er lässt es über sich ergehen, denkt an seinen Vater, der einst die Mutter prügelte. Er will es anders machen, nicht zurückschlagen. Doch auch der Ausweg Trennung kommt nicht infrage. Wegen der Kinder.

Ein Fall, der stellvertretend für viele steht: Etwa zehn Prozent der Opfer häuslicher Gewalt sind männlich. Zu diesem vorläufigen Ergebnis kommt das Stuttgarter Pilotprojekt „Gewaltschutz für Männer“ unter der Leitung der städtischen Stabstelle für Chancengleichheit. Im Zuge des Projekts wurde im Frühjahr 2014 eine extra Beratungsstelle für misshandelte Männer eingerichtet. Es handle sich um einen der wenigen Anlaufpunkte für Männer bundesweit, sagte die Leiterin der Stabstelle, Ursula Matschke, am Donnerstag.

Viele Männer trauen sich nicht, Hilfe in Anspruch zu nehmen

Demnach stehen in Deutschland 435 Frauenhäuser drei Männerhäusern gegenüber. Und Beratungsstellen, sofern es sie gibt, werden ehrenamtlich betrieben. Das Thema sei immer noch tabuisiert, stellte Matschke fest. Männliche Opfer und weibliche Täter – das entspreche nicht den Rollenbildern. Männer kämpften daher mit einer doppelten Problematik. Matschke: „Sie sind Opfer von Gewalt und werden zusätzlich als Weichei stigmatisiert.“ Viele suchten aus Scham, von der eigenen Frau misshandelt zu werden, erst gar keine Hilfe. Man vermute eine hohe Dunkelziffer. Dazu passt auch, dass in Stuttgart seit Start des Projekts erst 14 Männer nach Unterstützung fragten. Der vermutete Bedarf liege jedoch bei etwa 130 pro Jahr in Stuttgart, sagt der Projektleiter Jürgen Waldmann.

16 Prozent weibliche Täter

Aktuellen Zahlen aus Stuttgart zufolge gab es in der Stadt zuletzt 485 Fälle von häuslicher Gewalt. 289 Mal wurde dabei ein Platzverweis ausgesprochen, rund sieben Prozent der Täter waren weiblich. Eine Studie der Bundesregierung aus dem Jahr 2004 geht generell von 77 Prozent männlichen und 16 Prozent weiblichen Tätern aus. Bei ihrer Arbeit greifen die Projektverantwortlichen auf Erfahrungswerte aus Hannover zurück, wo es schon länger ein Männerbüro gibt. 178 Kontakte zu misshandelten Männern gab es dort im Jahr 2014, wobei 172 davon proaktiv zustande kamen. Sprich: Die Büromitarbeiter erhielten eine Mitteilung von der Polizei und gingen gezielt auf die Opfer zu.

Die psychische Gewalt ist schwer nachzuweisen

Bereits seit 2004 gibt es in Stuttgart eine Beratung für Täterinnen unter dem Dach der Stuttgarter Ordnungspartnerschaft gegen häusliche Gewalt („Stop“). Die Frauen üben den Verantwortlichen zufolge zum einen körperliche Gewalt aus, wobei sie häufig im Affekt handelten und Messer oder andere Gegenstände zur Hand nähmen, um ihre Unterlegenheit auszugleichen. Zum anderen machten weibliche Täter weitaus häufiger als männliche massiv psychischen Druck, kontrollierten Handys, seien extrem eifersüchtig, drohten mit Selbstmord oder dem Entzug der Kinder. Eine Form der Gewalt, die schwer nachzuweisen sei, sagte Waldmann.

Auf diese Problematik aufmerksam zu machen und mit alten Rollenklischees zu brechen, das ist das erklärte Ziel des Projekts. Einen Ansatzpunkt für die Enttabuisierung des Themas sehen die Initiatoren bei der Polizei. Die Ordnungshüter seien oft in überholten Vorstellungen gefangen, schauten weg, wenn Frauen zuschlügen. Man wolle darauf einwirken, dass Polizisten künftig speziell geschult würden, kündigte Ursula Matschke an.

Noch bis Ende des Jahres ist das Projekt und damit die Beratungsstelle in Stuttgart finanziert. Die Initiatoren setzen darauf, dass die Stadt im nächsten Haushalt Mittel bereitstellt. Etwa 50 000 Euro wären jährlich vonnöten, um eine feste Einrichtung mit Fachpersonal zu etablieren. Auch drei Schutzräume für männliche Opfer sollen geschaffen werden.

Zum Beispiel für Männer wie Günter F. Obwohl es ihm geraten wurde, konnte er seine Frau bislang nicht verlassen. Stattdessen hat er lange im Internet recherchiert und schließlich die Stuttgarter Beratungsstelle gefunden. Zwei Termine hatte er dort schon.



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