Hiroshima : Ein Opfer bricht sein Schweigen

Seine Familie bat ihn: Sprich nicht, du schadest uns! Und er hielt sich daran, sechs Jahrzehnte lang. Doch weil er sieht, dass die Welt nichts lernt, erzählt Hideto Sotobayashi nun vom Abwurf der Atombombe auf Hiroshima.

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Vor 65 Jahren, am 6. August 1945, warfen die USA eine Atombombe über der japanischen Stadt Hiroshima ab. Wenige Tage später, am 9. August 1945 wurde über Nagasaki die zweite Atombombe abgeworfen.Weitere Bilder anzeigen
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05.08.2010 22:43Vor 65 Jahren, am 6. August 1945, warfen die USA eine Atombombe über der japanischen Stadt Hiroshima ab. Wenige Tage später, am 9....

Wenn die Temperatur steigt, 30, 35 Grad und mehr, wenn die Sonne brennt, dann wird es kritisch. Hideto Sotobayashi hat nichts gegen den Sommer. Aber die Hitze bringt Erinnerung.

Sie kriecht durch seine Haut, die schwitzt und heiß wird, durch seine Schädeldecke unter dem wenigen feinen, grauschwarzen Haar. Sie stiehlt sich leise und langsam durch seinen 80 Jahre alten Körper. Sie rührt am feinen Erinnerungsbewältigungskonzept, das er sich zurechtgelegt hat.

Hideto Sotobayashi möchte an diesem Tag im Hochsommer bitte dort sitzen, wo es eine Klimaanlage gibt. Wenn er schon über das spricht, was er am 6. August vor 65 Jahren erlebte, dann muss er Herr seiner Erinnerung sein. Er hat sie sortiert und notiert, damit er geordnet davon erzählen kann. Es ist, als müsse er aus seiner Haut schlüpfen, um zu erklären, was in ihm passierte. Warum er schwieg, sechs Jahrzehnte lang, bis etwas platzte in ihm und herauswollte.

Rund 150 Vorträge habe er seither schon gehalten, sagt er. In denen zeigt er Ausschnitte aus einem japanischen Dokumentarfilm. Dann liest er aus seinem Tagebuch vor, mit ruhiger Stimme und in einem Deutsch, das gebrochen ist, obwohl er in Berlin lebt seit fast 50 Jahren.

Wie er den Abwurf der Atombombe in Hiroshima überlebte.

Der August 1945 sei heiß gewesen, erzählt er in der Kühle der Klimaanlage. Ein Sommer, in dem der Zweite Weltkrieg auch in Asien ein Ende finden sollte. Monate nach der Kapitulation Deutschlands erwartete man auch Japans Aufgeben, die US-amerikanische Atombombe sollte es schließlich erzwingen. Hiroshima war eine der wenigen Städte Japans, die nicht durch vorherige Luftangriffe der Amerikaner schwerwiegend zerstört war. Tagsüber schlugen dort zum Arbeitsdienst Verpflichtete Brandschneisen durch die Stadt. Im Falle eines Bombenangriffs sollte dem Feuer ein Weg gewiesen werden. Die Stadt war weitgehend aus Holz erbaut.

Am sehr frühen Morgen des 6. August ertönten die Sirenen zum Fliegeralarm – und eine Stunde später die zur Entwarnung. Weswegen Hideto Sotobayashi, damals 16-jähriger Schüler einer Eliteschule, am 6. August wie immer zur Schule ging. Das Klassenzimmer lag im ersten Stock. Um 8 Uhr 15 zeichnete der Chemielehrer ein Benzolmolekül an die Tafel, da blitzte es. So hell, sagt Sotobayashi, „als wäre eine riesige Lampe eingeschaltet“. Es donnerte, das Gebäude stürzte ein. Die Schule lag nur 1,5 Kilometer vom Abwurfzentrum der Bombe entfernt.

„Blitz bedeutet in Japanisch Pika und Donner Don. Deshalb nennen die Bewohner von Hiroshima die Explosion der Atombombe Pika-Don“, sagt Sotobayashi. Etwa 140 000 Menschen waren sofort tot, Hunderttausende in den folgenden Jahren von Krankheiten betroffen. Genaue Zahlen gibt es nicht.

Hideto Sotobayashi erinnert sich nicht gern. Lange schwieg er, auch weil er der Familie in Japan keine Schwierigkeiten machen wollte. Dort, wo die Überlebenden der Bombe keine Helden waren, sondern Geächtete, wo man vor ihnen Angst hatte, vor Ansteckung und missgebildeten Kindern. Wo ihn der Bruder bat: Behalte deine Geschichte für dich, sonst wird niemand meine Kinder heiraten wollen. Aber Sotobayashi sieht, dass die Welt nichts lernt aus Katastrophen, also muss er wohl reden.

23 000 atomare Sprengköpfe existieren derzeit weltweit, ihre Kraft entspricht 150 000 Hiroshima-Bomben. „Das gefährlichste Erbe des Kalten Krieges“, nannte sie US-Präsident Barack Obama bei einer Rede in Prag, im April 2009. Er sprach von den Gefahren der „schmutzigen Bombe“, zusammengebastelt von Terroristen, von der Notwendigkeit des „Global Zero“, einer Welt ganz ohne Nuklearwaffen.

„Es ist dringend“, sagt Sotobayashi.

Die Bombe fiel Jahre bevor Kernspaltung zur Erzeugung von Energie genutzt wurde. Die Welt lernte Atomkraft als Massenvernichtungswaffe kennen, weshalb sie vielen als gefährlich gilt. Trotzdem liefert sie große Teile der heute benötigten Energie, zurzeit sind weltweit 439 Atomkraftwerke aktiv, 22 Prozent beträgt der Anteil der Kernenergie an der Stromerzeugung in Deutschland.

Als Sotobayashi wieder zu sich kam, lag er unter den Trümmern seiner Schule. Er grub sich heraus, befreite seinen Freund Komyo, dem ein Ohr nur mehr am Kopf baumelte, sah, dass rundum alles zerstört war und brannte.

„Wir haben uns immer gewundert, warum Hiroshima nicht angegriffen wurde“, sagt Sotobayashi. Im ganzen Land waren große Städte zerbombt: Kawasaki, Tokio, Osaka, Kobe. Nun also, wusste er, war es soweit.

Als die Atombombe etwa 600 Meter über Hiroshimas Zentrum explodierte, erhitzte sich die Temperatur am Detonationspunkt innerhalb einer Milliardstelsekunde auf etwa 60 Millionen Grad, 10 000 Mal heißer als die Oberfläche der Sonne. Auf dem Erdboden herrschten mehr als 6000 Grad. In seinen Vorträgen zeigt Sotobayashi das Foto einer Treppenstufe. Auf dem grauen Stein zeichnet sich ein schwarzer Schatten ab. Es ist der eines Menschen, der dort saß, als die Bombe explodierte. Verdampft seien die Opfer, die sich im unmittelbaren Abwurfzentrum aufhielten, heißt es. „Das ist nicht ganz richtig“, meint aber Sotobayashi. „Es ist eine Art Röntgenaufnahme.“ Ein allerkürzester Moment extremster Strahlung. Verdampfen, das dauert länger, sagt er.

Er könnte das wissenschaftlich erklären, denn er ist Professor der Physikalischen Chemie. Er kennt sich aus in den Wissenschaften, die auch Ende der 30er Jahre zusammentrafen, als die Physikerin Lise Meitner und der Chemiker Otto Hahn die Kernspaltung entdeckten – und so jede spätere Forschung an atomaren Waffen möglich machten. Vielleicht verhilft die nüchterne Wissenschaft nun auch wieder zu Abstand? Er kann das unfassbare Grauen naturwissenschaftlich erklären, ohne zu viel Gefühl.

Sotobayashi, geboren in Nagasaki, aufgewachsen in Hiroshima, studierte Chemie an der Universität in Kyoto. Die Eltern wollten, dass er Mediziner wird. „Doch ich kann kein Blut sehen“, sagt Sotobayashi und findet das fast lustig, nach all dem Blut, das er auf Hiroshimas Straßen sah und das ihn nicht störte. 1957 kam er für zwei Jahre als Stipendiat an das Fritz-Haber-Institut der Max-Planck- Gesellschaft nach Berlin. Ein Traum, Dahlem ein wissenschaftliches Mekka. Und doch: Nur knapp 20 Jahre zuvor führte Hahn in Berlin die Versuche zur Kernspaltung durch. Als zöge es ihn hin an den Ort, wo alles begann. Was natürlich so nicht stimmt, weil ihn ja wissenschaftliches Interesse lockte. „Deutschland, das war Mercedes, Bayer, Aspirin“, sagt er.

1965 dann wieder Berlin, Assistent im Fritz-Haber-Institut. Er forscht an Polymeren, Plastikschichten, testet Materialien unter Röntgenstrahlung im Berliner Teilchenbeschleuniger Bessy I, habilitiert sich Anfang der 70er. Dass die Menschheit mit den Errungenschaften der Wissenschaft verantwortungsvoll umgeht, kann nur hoffen, wer forscht. Hideto Sotobayashi weiß, wie dumm Menschen sein können.

Japan preist die Atomenergie als Lösung für den Klimawandel, der Staat betreibt derzeit 54 Kernkraftwerke, plant weitere. „Es ist ein Trick“, sagt Sotobayashi, „den Menschen zu erzählen, dass Atomenergie ausschließlich friedlich nutzbar sei“. Und überhaupt, wohin mit dem Müll? Japan weiß es nicht, Deutschland weiß es nicht.

Die Halbwertszeit für Plutonium beträgt rund 24 000 Jahre. Dann erst ist die Hälfte der tödlichen Strahlung zerfallen. 300 Mal so lang wie Sotobayashi alt ist.

Wenn er vorträgt, dann steht er mit dem Rücken zu den Bildern, die hinter ihm an die Wand projiziert werden. Museen, die an den Bombenabwurf erinnern, besucht er nicht. „Dann wird die Erinnerung frisch“, sagt er und meint: zu emotional. Ein Moment, in dem er den stets unruhigen Blick fest auf sein Gegenüber richtet, lächelt und sagt: „Dann kann ich nachts nicht schlafen.“

Zu seinen braunen Augen beugen sich die langen Haare der Brauen. Die Lider sind ein bisschen müde, des Alters und der Hitze wegen. Mit dem Verein Hiroshima-Platz engagierte er sich für ein Denkmal in Potsdam, gegenüber der Villa, in der US-Präsident Harry S. Truman während der Potsdamer Konferenz im Juli und August 1945 wohnte. Der Präsident, der am 25. Juli 1945 den Befehl zum Abwurf der Bombe erteilte. Genau 65 Jahre später weihte der Verein den Gedenkort ein. Auf dem Platz in Babelsberg sind nun zwei originale Steine aus Hiroshima und Nagasaki zu sehen. Und Sotobayashi sagt, er könne die Seele Hiroshimas spüren.

2007 sprach er erstmals vor großem Publikum im Japanisch-Deutschen Zentrum in Berlin. Es war der 1. November, sein Geburtstag. Und es war der Tag, an dem Paul Tibbets starb, der US-amerikanische Pilot des Flugzeugs, das die Bombe über Hiroshima abwarf. Inzwischen reist Sotobayashi mit seiner Geschichte auch in Schulen und spricht mit den Kindern. Die Briefe, die sie ihm nach seinen Vorträgen senden, gefallen ihm. Sie schreiben von Respekt und Bewunderung, davon, dass sie nachdenklich wurden. „Warum machen Menschen so etwas?“, fragen sie. Oder: „Woher kam Ihr Mut?“

Mut. Zu handeln, damals, 1945, als er seinen verletzten Freund in eine Klinik brachte, von der aus dieser nach Hause reiste, wo er Tage später starb; Mut, die Stimmen zu ignorieren, die aus den Trümmern seiner Schule nach ihm um Hilfe riefen, was er tun musste, weil er sonst selbst verbrannt wäre.

Sotobayashi behielt die Bilder in sich, bis er es nicht mehr aushielt. Und nun hält er es nicht mehr aus, nicht darüber zu sprechen. Die Zurückhaltung ist Eifer gewichen, als wolle er im Alter, wo der Großteil des Lebens hinter ihm liegt, noch schnell aufräumen, alles geordnet hinterlassen. 1994 wurde er emeritiert, seitdem ist Sotobayashi Überlebender. Vom Leben, das er rundum anhäufte, will er nicht viel erzählen. Von seiner Frau Astrid etwa, die er 1965 in Berlin traf, 1988 heiratete. Die ihm zuhört und zusieht, versteht – und ihn unterstützt, wenn er doch viel Privateres teilt, die Erinnerung. Seine eigenen Bilder projiziert er an keine Wand. Sie wirken, ohne dass man sie sieht.

Eine Tagebuchnotiz: Als wir uns dem Zentrum näherten, bot sich uns allmählich ein höllischer Anblick. Durch die Verbrennungen löste sich bei den Menschen die Haut von den Armen und blieb an den Fingerspitzen lang runter hängen. Die menschlichen Körper waren ganz schwarz verfärbt. Die Leute irrten orientierungslos umher. Eine schreiende Frau hielt ihr totes Kind im Arm.

Noch bevor sich Sotobayashi gemeinsam mit dem Vater auf die Suche nach der Mutter begab, musste er einen Freund der Familie finden: Okimasu, der bei Sotobayashis wohnte. Erziehung und Höflichkeit geboten, den Gast zuerst zu suchen. Leblos trieb der im nahen Fluss, strahlenförmig lagen die Menschen auf den Ufertreppen.

Um ihn zu identifizieren, ging ich die Ufertreppe hinunter zum Fluss, wobei ich die gefallenen Menschen seitlich wegdrängen musste. Dabei stellte ich fest, dass diese Menschen keine Leichen, sondern Überlebende waren. Die Leute fassten meine Beine mit ihren Händen und baten mich um „Wasser“. Aber ich konnte leider gar nichts tun.

Er hat damals nicht geweint. „Keine Zeit“, sagt er. Aber die Menschen, die er am Fluss für Leichen hielt, greifen noch heute im Traum manchmal nach ihm.

Sie fanden die Mutter scheinbar unverletzt. Nur bewegen konnte sie sich nicht. Auf einem Fahrradanhänger brachten sie sie nach Hause. Sie starb mit 35 Jahren am 9. August 1945, als auf Nagasaki die zweite Bombe fiel. Vater und Sohn zimmerten ihr einen Sarg, äscherten sie ein – und sprachen nie wieder darüber.

Bekannte und Verwandte kamen ins Haus der Sotobayashis, das rund zwei Kilometer vom Abwurfzentrum entfernt stand und nicht zerstört worden war. Sie schienen unverletzt zu sein. Bis ihnen nach Tagen die Haare ausfielen, das Zahnfleisch zu bluten begann. Sie alle starben. Vater und Sohn Sotobayashi arbeiteten weiter, irgendwie. „Wir haben Reis gegessen“, erinnert er sich. „Doch wer hat ihn nur gekocht?“ Die Mutter war ja fort.

20 Jahre später starb der Vater an Krebs, auch Hideto Sotobayashi, dessen Blut seit 1945 jährlich untersucht wird, hatte einen Tumor im Darm. Wann das war? Ist irrelevant.

In der Geschichte von Hideto Sotobayashi geht es nicht ums Detail, es geht ums große Ganze. Er spreche nicht als Japaner, sagt er, sondern als Mensch.

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