Humor nach Ephraim Kishon : "Die Israelis sind ja schon halbe Deutsche"

Tuvia Tenenbom findet, dass viel zu viel Nähe zwischen Israelis und Deutschen gewachsen ist. In Israel wird er als der neue Ephraim Kishon gefeiert. Spurensuche in einem komplizierten Beziehungsgeflecht.

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Ephraim Kishon in den 90er Jahren in seinem Arbeitszimmer.
Ephraim Kishon in den 90er Jahren in seinem Arbeitszimmer.Foto: Schneider-Press/Erwin Schneider

Das Bild geht 1961 um die Welt: Der SS-Mann Adolf Eichmann sitzt im Jerusalemer Gerichtssaal hinter Panzerglas und wird vernommen. Eichmann war maßgeblich für die Deportation der europäischen Juden in die Vernichtungslager verantwortlich.

Auch die deutschen Zeitungen berichten über den Prozess und fragen nach Eichmanns Helfern. Doch die Mehrheit der Deutschen verdrängt und schweigt. Die wenigen jüdischen Nachbarn bleiben unter sich. Ist ja alles schwierig geworden. Wie auch sonst? Es ist erst 16 Jahre her, dass Auschwitz befreit wurde.

Da erscheint das erste Buch von Ephraim Kishon auf Deutsch: „Drehn Sie sich um, Frau Lot“. Während die Welt über Eichmanns Schuld diskutiert, lesen die Deutschen Kishon – und sind begeistert. Alle zwei Jahre bringt der israelische Satiriker ein neues Buch heraus. In Deutschland jedes Mal mit einer Auflage von 100 000 Exemplaren. Kishon veröffentlicht mehr als 50 Bücher und dreht Filme, wird mit Preisen und Golden Globes ausgezeichnet, fast hätte es für einen Oscar gereicht. Die Erzählungen über den irren Kasimir Blaumilch, die „netten Nachbarn“ oder den schlitzohrigen Jossele werden in 37 Sprachen übersetzt und verkaufen sich 43 Millionen Mal. 31 Millionen davon in Deutschland. In den 60er, 70er und 80er Jahren stehen sie in nahezu jedem bürgerlichen Bücherregal. 2004 wird Ephraim Kishon 80 Jahre alt. Fünf Monate später stirbt er an einem Herzinfarkt. Viele Nachrufe in deutschen Zeitungen fallen verhalten und floskelhaft aus. Das ist jetzt zehn Jahre her.

Der Humor hat sich verändert

Heute steht Kishon in der Bücherei im Regal „bewährter Humor“. Doch die Zwanzigjährigen kennen ihn kaum noch. Der Humor hat sich verändert. Auch das Verhältnis der Deutschen zu Israel ist sehr anders geworden. Heute lacht keiner mehr so leicht über den Alltag in Tel Aviv und Jerusalem. Wo ist die Leichtigkeit hin? Eine Spurensuche im deutsch-israelischen Beziehungsgeflecht.

Einige israelische Kritiker feiern Tuvia Tenenbom als „neuen Kishon“. An einem Januartag 2015 sitzt Tenenbom in einer Berliner Kneipe und trinkt Cola light und Whisky. Er ist Mitte 50 und in Israel aufgewachsen. Heute lebt er als Journalist und Theatermann in New York und Hamburg. Er ist in Berlin, um aus seiner Reisereportage „Allein unter Juden“ zu lesen. Für das Buch ist er vier Monate durch Israel gefahren und hat Israelis, Palästinenser und Vertreter europäischer Stiftungen und Hilfsorganisationen nach ihrem Verhältnis zu Israel gefragt. Das Buch ist recht lustig geschrieben und bietet eine knallige, verstörende Sicht auf die Dinge: Sehr viele Menschen in Israel arbeiten an Israels Untergang – auch die vermeintlich guten Europäer. In Israel und Deutschland steht es seit Monaten auf Bestsellerlisten. Ephraim Kishon und Tuvia Tenenbom trennt jedoch mehr, als sie verbindet. Kishon ist eine Generation älter. Es trennt sie auch die Erfahrung, verfolgt zu werden.

Er steigert Situationen ins Groteske, tut niemandem weh

Ephraim Kishon ist zwanzig Jahre alt, als ihn die Nazis 1944 in ein Arbeitslager stecken. Er heißt damals noch Ferenc Hoffmann, ist der Sohn eines Budapester Bankdirektors und hat gerade sein Abitur mit Bestnote bestanden. Er überlebt das Lager, weil er so gut Schach spielt. Er spielt mit dem Lagerkommandanten um sein Leben: Er darf nicht zu oft verlieren, sonst verliert der Kommandant das Interesse an ihm. Er darf nicht zu oft gewinnen, um ihn nicht zu erzürnen. Später gelingt es ihm, zusammen mit einem Freund zu fliehen und unterzutauchen. Der Freund wird nach dem Krieg verrückt. Ferenc Hoffmann wird Humorist.

1948 wandert er nach Israel aus. Aus Ferenc Hoffmann wird Ephraim Kishon. Er lernt Hebräisch und schreibt Glossen für die Zeitung „Maariv“. Kishon hätte viel zu erzählen über den Terror der Nazis. 1945 schrieb er in einem Kellerversteck seine Nazi-Parodie „Mein Kamm“. Kurz vor seiner Auswanderung nach Israel gewann er damit in Ungarn den nationalen Romanwettbewerb. Doch er will seine Leser schonen. Das Manuskript verschwindet für Jahrzehnte in der Schublade. Kishon macht sich lieber über den chaotischen Alltag in Israel lustig, über die Einwanderer, über den Kollektivismus im Kibbuz, wuchernde Bürokratie.

„Hebräisch lässt sich verhältnismäßig leicht erlernen, fast so leicht wie Chinesisch“, schreibt Kishon. „Schon nach drei oder vier Jahren ist der Neueinwanderer in der Lage, einen Passanten in fließendem Hebräisch anzusprechen: Bitte sagen Sie mir, wie spät es ist, aber womöglich auf Englisch“. Er steigert Alltagssituationen ins Groteske, ohne jemandem wehzutun.

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