Welt : "Im Grenzland": Konterbande

Meike Fessmann

Wer dieses Buch betritt, begibt sich auf vermintes Gelände. Orientierungslosigkeit, wohin man blickt. Eine Landschaft, wüstenähnlich, orientalisch kodiert. Ein Trauerfall. Doch wo befindet sich das Haus, in dem man einen Toten beklagt? An welchem Ort, zu welcher Zeit? Wer sind all diese Leute, "der zugereiste Gast", "der Schmuggler", "die nur aus Erzählungen bekannte Tante" und was da sonst noch durchs Gemäuer huscht? Der Leser wünscht sich bald, eine der Minen möge in die Luft fliegen. Damit endlich etwas passiert in dieser Textwüste. Und man wüsste, worum es geht.

Da atmet man auf, als das Stichwort "Länderdreieck" fällt - Iran, Irak, Türkei. Wenigstens findet man sich jetzt zurecht (so meint man im ersten Moment). "Grenzland" ist alles andere als ein realistischer Roman. Sherko Fatah, 1964 als Sohn eines irakischen Kurden und einer deutschen Mutter in der DDR geboren, seit 1975 in der Bundesrepublik lebend, wollte mit seinem Debüt keine literarische Verarbeitung der beiden Golfkriege liefern. Sein Interesse richtet sich weder auf die Verwüstungen einer vom Krieg zermürbten Region noch auf die politischen Folgen. Worauf dann?

Man übersteht dieses Buch nur, wenn man sich immer wieder zur Ordnung ruft. Auch Kafkas Welten waren schließlich nicht konkret! Auch Reinhard Lettau entwarf Text-Topographien, wunderbar abgerückt von jeder Realität und doch überaus treffend! Doch Kafka und Lettau, um nur zwei Beispiele für eine Poetik des Fremden zu nennen, waren Stilisten. Das ist Sherko Fatah nicht. Am Ende des Romans hat man das Projekt immerhin verstanden. Das führt zu wohltuender Entspannung und zu einem gewissen Respekt: Da hat sich einer seine Schreibgeschichte erfunden, mit der er zum Autor werden kann.

"Grenzland" handelt weder von der Golfregion, noch allegorisiert der Roman das Leben in einer Diktatur. Die Geschichte vom Schmuggler, der aus Überlebensgründen das verminte Gelände bei jedem Gang über die Grenze so vorbehaltlos wahrnehmen muss wie ein System von Zeichen, dessen Regeln er nicht kennt, geht erst dann auf, wenn man sie als Geschichte vom Lesen und Schreiben begreift. Neugierig macht der Roman immer dort, wo er seine eigene Poetologie entwickelt. Dass sie sich verblüffend mit der Lektüreerfahrung deckt, spricht für die Bewusstheit, mit der Sherko Fatah seine Mittel handhabt. Unsere Qual war gewollt! Das ist ein Trost. Hier des Autors kleine Poetologie der Mine; es geht um die Schriftzeichen, die beim Entschärfen einer Mine zu sehen sind: "Diese Zeichen, was immer sie anzeigten, hatten nichts Zierendes. Sie lagen in der kleinen, grünbraunen Fläche wie nicht zum Lesen vorgesehene Reste einer uralten Inschrift an unzugänglichem Ort, bedeckt von Erde, dazu bestimmt, in der Explosion, in der Wunde und im Schmerz zu verschwinden und so ihre Botschaft zu überbringen. Sie waren wie ein erstarrter Countdown vor der Detonation."

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