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Im Wortlaut : Hans Christian Andersens neuentdecktes Märchen „Die Talgkerze“ in einer Übersetzung

14.12.2012 00:00 UhrVon Richard Ostwald
Der Stil ist noch holprig. Das Manuskript „Die Talgkerze“.Bild vergrößern
Der Stil ist noch holprig. Das Manuskript „Die Talgkerze“. - Foto: Simon Fals/POLFOTO/dpa

Ein Historiker hat in einem dänischen Archiv zufällig ein frühes Märchen von Hans Christian Andersen gefunden – der Tagesspiegel veröffentlicht eine Übersetzung des Textes.

Für Madam Bunkeflod

von Ihrem hingebungsvollen

H. C. Andersen

Es brodelte und brauste, während das Feuer unter dem Topf aufflammte, dies war die Wiege der Talgkerze – und hinaus aus der warmen Wiege glitt die Kerze formvollendet, fertig gegossen, strahlend weiß und schlank, sie war auf eine Weise gemacht, die alle, die sie sahen, an ein Versprechen für eine lichte und strahlende Zukunft denken ließ – und dass sie die Verheißungen, die alle sahen, wirklich einhalten werde und erfüllen möge.

Das Schaf – ein niedliches kleines Schaf – war die Mutter der Kerze und der Schmelztopf war ihr Vater. Von der Mutter hatte sie den blendend weißen Leib und eine Ahnung vom Leben geerbt; vom Vater jedoch hatte sie die Lust am flammenden Feuer mitbekommen, welches ihr einst durch Mark und Bein gehen sollte – um ihr ein Leben lang zu „scheinen“.

Ja, so war sie geschaffen und entwickelt, als sie sich mit den besten, den lichtesten Hoffnungen hinaus ins Leben stürzte. Dort traf sie so wundersam viele Mitgeschöpfe, mit denen sie sich einließ; denn sie wollte das Leben kennenlernen – und vielleicht dabei den Platz finden, an den sie selbst am besten passte. Doch sie glaubte allzu Gutes von der Welt; diese sorgte sich nur um sich selbst und überhaupt nicht um die Talgkerze; denn sie konnte nicht verstehen, wozu diese gut sein sollte, und deshalb suchte sie sie nun für sich auszunutzen und hielt sie ganz falsch, die schwarzen Finger hinterließen immer größere Flecken auf der reinen Unschuldsfarbe; diese schwand allmählich gänzlich dahin und wurde ganz von Schmutz zugedeckt, durch die Umwelt, die in allzu grobe Berührung mit ihr gekommen war, viel enger, als es die Kerze ertragen konnte, da sie das Reine nicht vom Unreinen zu unterscheiden vermochte – doch noch immer war sie in ihrem Innersten unschuldig und unverdorben.

Da sahen die falschen Freunde, dass sie ihr Innerstes nicht erreichen konnten – und zornig warfen sie die Kerze fort wie ein unnützes Ding.

Die äußere schwarze Schale hingegen hielt all die Guten ab, – sie fürchteten, sich an der schwarzen Farbe zu beschmutzen, selbst schwarze Flecken zu bekommen – und so blieben sie ihr fern.

Nun stand die arme Talgkerze so einsam und verlassen da, sie wusste nicht ein noch aus. Sie sah sich von den Guten verstoßen und entdeckte nun, dass sie nur ein Werkzeug zur Beförderung des Schlechten gewesen war, und da fühlte sie sich so unendlich unglücklich, denn sie hatte ihr Leben nutzlos zugebracht, ja sie hatte vielleicht sogar das Bessere in ihrer Umgebung geschwärzt – sie konnte nicht begreifen, warum und wozu sie eigentlich geschaffen worden war, warum sie auf Erden leben sollte – wo sie vielleicht sich und andere dabei zerstörte.

Mehr und mehr, tiefer und tiefer grübelte sie, und je mehr sie nachdachte, desto größer wurde ihr Missmut, da sie einfach nichts Gutes, keinen wirklichen Inhalt für sich finden konnte – oder das Ziel gewahr wurde, das ihr bei ihrer Geburt mitgegeben worden war. Es war gleichsam, als habe die schwarze Umhüllung auch ihre Augen verschleiert.

Doch da traf sie eine kleine Flamme, ein Feuerzeug; das kannte die Talgkerze besser, als sie sich selbst kannte; denn das Feuerzeug sah so klar – mitten hindurch durch die äußere Schale – und darinnen fand es so viel Gutes; deshalb näherte es sich ihr, und helle Ahnungen wurden bei der Kerze geweckt; sie wurde entfacht, und ihr schmolz das Herz.

Die Flamme strahlte hell auf – wie ein Freudenfeuer der Vermählung, alles rundherum wurde hell und klar, und sie beleuchtete den Weg für ihre Umgebung, ihre wahren Freunde – die nun mit Glück im Schein der Kerze die Wahrheit finden konnten.

Doch auch der Leib war kräftig genug, das flammende Feuer zu nähren und zu tragen. Tropfen um Tropfen liefen wie Keime neuen Lebens hinab und versammelten sich fest um den Stamm und bedeckten mit ihren Leibern – den Schmutz der Vergangenheit.

Sie waren nicht nur das körperliche, sondern auch das geistige Ergebnis ihrer Vermählung.

Und so hatte die Talgkerze ihren richtigen Platz im Leben gefunden – und bewiesen, dass sie eine richtige Kerze war, die lange zur Freude für sich selbst und ihre Mitgeschöpfe leuchtete.

H. C. Andersen.

Übersetzung: Richard Ostwald

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