Immer längere Fehlzeiten im Beruf : Depression wird zur Volkskrankheit

Wegen ihrer Psyche lassen sich deutsche Arbeitnehmer immer länger krankschreiben. Die Unternehmen kostet das Milliarden.

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Düstere Aussichten. Immer mehr Arbeitnehmer leiden unter Depressionen.
Düstere Aussichten. Immer mehr Arbeitnehmer leiden unter Depressionen.Foto: dpa

Deutschland versinkt in Depressionen. Einer aktuellen Studie zufolge stiegen in den vergangenen acht Jahren die Fehlzeiten von Erwerbspersonen mit dieser Diagnose um 86 Prozent – und im vergangenen Jahr erneut um 7,9 Prozent. Das ergibt, hochgerechnet, 31 Millionen Krankheitstage pro Jahr. Auch Antidepressiva werden in immer größerer Menge geschluckt, die verordneten Tagesdosen haben sich seit 2000 fast verdreifacht. Und ein Ende des Anstiegs ist, so das düstere Resümee der Autoren, bislang nicht abzusehen.

So relevant wie Rückenschmerzen

Die Zahlen stammen aus dem „Depressionsatlas“ der Techniker Krankenkasse (TK), der am Mittwoch in Berlin präsentiert wurde. Als Ursache für Krankschreibungen, so fasste es Vorstandschef Jens Baas zusammen, seien depressive Episoden inzwischen „so relevant wie Rückenschmerzen“. Bei letzteren verzeichne man zwar viermal so viele Fälle. Doch die Betroffenen fehlten nicht annähernd so lange. 13,6 Tage dauere die Arbeitsunfähigkeit bei Rückenschmerzen im Schnitt, sagte Baas. Bei einer echten Depression dagegen seien es fast drei Monate.

Für ein Unternehmen mit 250 Mitarbeitern bedeute dies, dass ein Arbeitsplatz aufgrund von Depressionen komplett unbesetzt bleibe. Geschätzte Produktionsausfallkosten: vier Milliarden Euro. Gemessen daran und an den hohen Behandlungskosten lasse sich durchaus von einer Volkskrankheit sprechen.

Sechs Prozent schlucken Antidepressiva

Insgesamt waren 1,6 Prozent aller Erwerbstätige im Jahr 2013 wegen Depressionen krankgeschrieben – fast viermal so viele, nämlich sechs Prozent, bekamen Antidepressiva verordnet. Von den 14,7 Tagen, die jeder erwerbsfähige Versicherte statistisch am Arbeitsplatz fehlte, waren 2,5 Tage mit der Psyche und einer mit Depressionen begründet.

Wobei es große Unterschiede bei den Berufsgruppen gibt. Am häufigsten blieben Callcenter-Mitarbeiter wegen ihrer Psyche zuhause. Es folgen Altenpfleger, Kindererzieher und Verwaltungsangestellte. Am wenigsten traf es Ärzte, Software-Entwickler und Uni-Dozenten. Offenbar, sagt Baas, spiele nicht nur Stress im Beruf, sondern auch fehlende Selbstbestimmtheit eine wichtige Rolle.

Frauen fast doppelt so stark betroffen

Frauen ließen sich der Studie zufolge wegen Depressionen weit häufiger krankschreiben als Männer. Sie kamen im Schnitt auf 1,3 Fehltage, Männer nur auf 0,8. Bei den Verschreibungen war der Unterschied noch auffälliger: Während 4,4 Prozent der erwerbstätigen Männer Antidepressiva verordnet bekamen, waren es bei den Frauen knapp acht Prozent.

Auf Regionen bezogen beschreibt der Atlas sowohl ein Nord-Süd- als auch ein Ost-West-Gefälle. Im Süden meldeten sich weniger Menschen depressionsbedingt krank, im Osten bekamen sie weniger Antidepressiva verschrieben. Die meisten Fehltage wurden in Hamburg verzeichnet, gefolgt von Berlin und Schleswig-Holstein. Die wenigsten Krankschreibungen hatte Baden-Württemberg.

Allerdings lässt sich daraus allein nicht die Zahl der tatsächlich Erkrankten ableiten. So lagen Rheinland-Pfalz und Bayern bei den Fehltagen teils deutlich unter dem Bundesdurchschnitt, bei den Antidepressiva-Verordnungen aber weit darüber.

Schafft das Angebot die Nachfrage?

Ob Stadt- oder Landbewohner häufiger wegen Depressionen krank seien, lasse sich nicht eindeutig ausmachen, sagte Baas. Wie man behandelt werde, hänge aber durchaus davon ab, wo man lebe. Und ein bisschen, so der TK-Chef, sei es wohl auch so, dass in Großstädten wie Hamburg oder Berlin „das Angebot die Nachfrage schafft“.

Zwar sei die Diagnostik besser geworden; vieles, was man früher als körperliche Erkrankung verbucht habe, werde nun als psychische Belastung erkannt. Mit Blick darauf, dass inzwischen jede dritte Frau einmal im Jahr eine psychische Diagnose erhalte, stelle sich jedoch schon „die Frage, wo wir die Grenze zwischen gesund und krank ziehen“.

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