Impfskandal in China : Panschen, bis der Arzt kommt

Chinas schlimmster Medikamentenskandal erschüttert das Vertrauen der Bevölkerung in Impfungen. Bislang kam es zu mehr als 200 Festnahmen.

Ning Wang
Impfung in China (Archivbild).
Impfung in China (Archivbild).Foto: REUTERS

Teile der chinesischen Bevölkerung sind immer noch stark verunsichert. „Ich möchte wissen, ob auch die Gemeinde- Klinik, die meinen Sohn behandelt, betroffen ist“, sagte Wang Zhao der Zeitung „South China Morning Post“. Der Vater aus Peking macht sich wie viele Eltern in China Sorgen um seinen dreijährigen Sohn. „Es reicht nicht aus, für uns zu wiederholen, dass die Impfstoffe sicher und effektiv sind“, sagt er. Denn genau das waren sie in den vergangenen fünf Jahren nicht.

Es ist Chinas schlimmster Medikamentenskandal. Über zwei Millionen Dosen von fast abgelaufenen oder nicht ordentlich gekühlten Impfstoffen wurden in den vergangenen fünf Jahren an Kinder aus 24 Provinzen in China verabreicht. Der Skandal hat zudem aufgedeckt, dass die Behörden schon seit April 2015 über den illegalen Handel mit den wirkungslosen Impfmitteln wussten und die Aufklärung bis zuletzt verschleppt hatten. Damals schon wurde eine Apothekerin und ihre Tochter aus der Provinz Shandong verhaftet, die seit 2011 gemeinsam mit einem Händlerring von über hundert Beteiligten 23 000 teils abgelaufene oder nicht sachgerecht gekühlte Impfstoffe im Wert von über 78 Millionen Euro an Krankenhäuser und Kliniken in ganz China verkauft hatte. Ende März erst hat die chinesische Regierung reagiert und eigene Ermittlungen aufgenommen.

202 Personen wurden verhaftet

Die chinesische Lebensmittel- und Arzneimittelbehörde (China Food and Drug Administration) arbeitet den Fall nun auf. Premier Li Keqiang musste öffentlich zugeben, dass der Fall „viele Lücken im Gesetz aufgedeckt hat“. Mindestens 29 Pharmaunternehmen und 59 Kliniken sind involviert. 357 Beamte sind in der vergangenen Woche degradiert oder rausgeworfen worden, 202 Personen wurden verhaftet. Sie alle sollen an dem illegalen Handel mit den verdorbenen Impfstoffen beteiligt gewesen sein.

Unklar ist, welchen Schaden die verdorbenen Impfstoffe angerichtet haben. Die Behörden in Guangdong untersuchen den Tod eines Vierjährigen, der Anfang März nach einer Meningokokken- und Polio-Impfung gestorben ist. Die Weltgesundheitsorganisation erklärte jedoch, dass abgelaufene und falsch gelagerte Impfstoffe dieser Art nur in äußerst seltenen Fällen toxische Reaktionen hervorrufen und gefährliche Nebenwirkungen haben.

Damit ist das Vertrauen der Bevölkerung in die chinesische Partei zum wiederholten Mal infrage gestellt worden. In den Neunzigerjahre hatten sich mindestens 55 000 Menschen beim Bluthandel mit Aids infiziert. Die chinesische Regierung verschwieg lange Zeit das Ausmaß des Skandals. Seit rund zehn Jahren gibt es immer wieder Fälle von gefälschten Medikamenten, oder mit Melamin kontaminiertem Milchpulver, an dem 2008 über 300 000 Kleinkinder erkrankten. Sechs Kinder starben daran. Beim „Gossen-Öl“ Skandal 2011 wurde bekannt, dass verwendetes Speiseöl illegal wiederverwertet und weiterverkauft wurde. In China wird regelrecht gepanscht, bis der Arzt kommt.

Impfbereitschaft nimmt ab

Chinas Impfsystem steht auf wackeligem Fundament. Es gibt einerseits die kostenlosen, staatlich finanzierten und verpflichtenden Impfungen und andererseits freiwillige Impfungen, die man zusätzlich bezahlen muss. Die Regulierung der freiwilligen Impfungen ist weniger strikt als die der Pflichtimpfungen. Zudem wurden private Unternehmen zugelassen, die in den Wettbewerb um die Produktion, den Großhandel und dem Vertrieb eingestiegen sind. Die Zulassungen dazu werden in den chinesischen Provinzen erteilt, wodurch im Riesenland ein schier undurchschaubares Geflecht an Akteuren entstanden ist. Daraus sind in den Gesundheitsbehörden der Provinzen Monopole über die dortigen Impfstoffmärkte gewachsen. Sie missbrauchen ihre Stellung nicht nur, um Preise zu kontrollieren und Preisaufschläge von bis zu 25 Prozent zu setzen. Da die Behörden aber nicht nur für die Zulassungen der Hersteller, sondern auch für die Zuteilung an verschiedenen Krankenhäusern zuständig sind, kontrollieren sie den gesamten Markt und wurden zu „Profitzentren“ – ein freundliches Wort für Korruption.

Die verheerendste Konsequenz des Impfskandals aber ist, dass viele chinesische Eltern ihre Kinder nicht mehr impfen lassen wollen, womit der kollektive Impfschirm wegbricht und epidemischen Krankheitsentwicklungen das Tor öffnet. Dieses Problem wird auch so schnell nicht heilen, denn das Vertrauen ist verspielt. Denn das Misstrauen gegenüber der eigenen Regierung sitzt bei vielen Chinesen jetzt nun noch tiefer.

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