Internationaler Tag des Kusses : Die schönste Nebensache der Welt

Wieso küssen wir? Experten erklären, dass Küssen sich von der Nachwuchsfütterung aus dem Tierreich ableitet. Am Montag feiert die Welt den Kuss. Zumindest dort, wo es erlaubt ist.

Alexandra Belopolsky und Anna-Sophie Harling
25.000 Menschen haben sich bei einem Facebook-Event zum Küssen verabredet.
25.000 Menschen haben sich bei einem Facebook-Event zum Küssen verabredet.Foto: Peter Kneffel/dpa

Je mehr die Menschen küssen, desto öfter putzen sie ihre Zähne. Dieser Gedanke soll einen englischen Zahnarzt in den 1980er-Jahren dazu inspiriert haben, einen Tag des Kusses einzuführen. So jedenfalls geht eine Legende. Den Kuss-Tag gibt es aber tatsächlich - immer am 6. Juli findet der von der UN anerkannte Internationale Tag des Kusses statt – und viele küssen mit. Bei dem Facebook-Event „International Kissing Day 2015“ haben bereits mehr als 25000 Menschen zugesagt.
Wissenschaftler sind sich nicht einig, warum Menschen sich eigentlich küssen, tendieren aber zu der Erklärung, dass sich das Küssen aus der Fütterung des Nachwuchses entwickelt hat. Tiermütter übertragen gekaute Nahrungsmittel direkt von Mund zu Mund – ein Zeichen des Liebhabens.

Ein Schmatz für jeden

Bei den Menschen haben sich zahlreiche Kussarten entwickelt: der Begrüßungskuss, der Handkuss, der Bruderkuss, und natürlich – der erotische Kuss. Zu römischen Zeiten konnte eine Ehe ohne speziellen Kuss nicht offiziell genehmigt werden. Im Mittelalter, als viele Menschen nicht lesen und schreiben konnten, diente der Kuss als Siegel unter Verträgen und Geschäftsvereinbarungen. In der katholischen Kirche gilt der Kuss, der sogenannte Pax, als „Friedensgruß“.
„Der Kuss hat schon immer eine tiefe Bedeutung gehabt“, sagt die amerikanische Wissenschaftlerin Sheril Kirshenbaum, Autorin des Buches „The Science of Kissing“. „Heutzutage ist das Küssen kennzeichnend für Frieden zwischen unterschiedlichen Ländern und Kulturen der Welt“. Allerdings stellten die unzählige Bedeutungen des Küssens manchmal ein Verständnisproblem dar, konstatiert Kirshenbaum.
In der modernen westlichen Welt ist das Küssen inzwischen selbstverständlich: Wir küssen unsere Freunde, Kinder, Partner – sogar der Hund bekommt ab und zu einen Schmatzer ab. Selbst der erotische Kuss ist sichtbarer Bestandteil der Öffentlichkeit.

Küssen gesetzlich verboten

„Kulturen, die das Küssen auf Plakaten, im Film, und in der Literatur feiern, so wie es die USA oder Deutschland tun, sind es gewöhnt, das Küssen in der Öffentlichkeit zu sehen“, erklärt Kuss-Expertin Kirshenbaum die kulturelle Problematik des Kusses. „Für uns ist es etwas ganz Normales, das zelebriert wird. In anderen Teilen der Welt ist das öffentliche Verhalten sehr anders: man küsst sich nicht in der Öffentlichkeit, und deswegen wirkt es als Tabu.“ Auch wenn es gesetzlich nicht verboten sei.
In vielen Länder ist aber das Gesetz selbst der Sittenwächter. In Saudi-Arabien, wo außerehelicher Geschlechtsverkehr strafbar und jeder Kontakt zwischen Männern und Frauen, die nicht miteinander verheiratet sind, verpönt ist, kann ein öffentlicher Kuss zu mehreren Wochen Haft führen. 2013 wurden eine 31-jährige saudische Bankerin und ihr neunzehnjähriger Mitarbeiter zu jeweils einem Monat Haft verurteilt. 2010 wurden die Briten Charlotte Adams und Ayman Najafi, die angeblich in einer Kneipe Alkohol getrunken und sich geküsst haben sollen, nach einer einmonatigen Haftstrafe aus dem Land abgeschoben.

Ob Liebeskuss oder Bruderkuss - es gibt viele Art zu küssen.
Ob Liebeskuss oder Bruderkuss - es gibt viele Art zu küssen.Foto: Marc Tirl/dpa

Auch in Indien ist öffentliches Küssen ein Tabu. Gesetzlich ist „jedes obszönes Handeln an einem öffentlichen Ort“ verboten – was obszön bedeutet, lässt sich beliebig interpretieren. 2007 wurde aufgrund dieses Paragraphen gegen Richard Gere Anklage erhoben. Der Hollywood-Star habe gegen das Gesetz verstoßen, indem er die Bollywood-Schauspielerin Shilpa Shetty wiederholt bei einer AIDS-Veranstaltung küsste. Die Anklage wurde schließlich aber fallen gelassen.

Homosexuelle haben es schwer

Während die Anzahl der Länder, in denen das Küssen in der Öffentlichkeit verboten ist, noch relativ überschaubar ist, haben es in mehr als 70 Ländern der Erde homosexuelle Paare sehr schwer. An Orten, wo das Scharia-Gesetz in Kraft ist, wie zum Beispiel in Saudi-Arabien, Jemen oder dem Iran, droht Homosexuellen die Todesstrafe. In Gambia und Uganda werden homosexuelle Zärtlichkeiten mit fünf bis sieben Jahre Haft bestraft. In Nigeria wurde 2013 ein Gesetz zum Verbot der gleichgeschlechtlichen Ehe eingeführt. Gleichzeitig wird das „öffentliche Zeigen von gleichgeschlechtlichen Beziehungen“ mit bis zu zehn Jahre Haft bestraft. In Russland gilt seit 2013 ein Verbot von „Propaganda von nicht-traditionellen sexuellen Beziehungen unter Minderjährigen“. Das öffentliche Eintreten oder Zeigen von Homosexualität vor Minderjährigen wird mit hohen Geldbußen bestraft.

Kussverbot im Restaurant

Dagegen ist die westliche Welt für Kussfreudige – ob homo- oder heterosexuell – also eigentlich ein Kuss-Paradies, sollte man meinen. Doch auch hier gibt es Orte mit Kussverboten.
So wurde vor ein paar Jahren das Restaurant „Insieme“ in Innsbruck berühmt-berüchtigt. Dort pocht der türkischstämmige Betreiber Kerameddin Korkmaz seit dem Entstehen des Lokals vor 14 Jahren auf klare Regeln: „Werte Gäste!“, heißt es an der Wand. „Aus Respekt vor unseren Mitarbeitern und internationalen Gästen bitten wir Sie, Zärtlichkeiten in unseren Räumlichkeiten zu unterlassen.“ Laut österreichischem Gesetz darf Korkmaz die Regeln in seinem privaten Betrieb selbst bestimmen. Im Netz sind die Bewertungsseiten des Lokals inzwischen voll mit Beschwerden von Kunden, die wegen Küssen oder Umarmungen rausgeschmissen worden seien.

Wer sich küssen will, solle um das Lokal einen Bogen machen, kontert Korkmaz. „Wir haben nichts gegen Küssen“, versichert er im Gespräch mit dem Tagesspiegel. „Ich komme aus der Türkei, wir küssen gerne.“ Schnell redet er sich in Rage. „Wo fängt das an, wo hört es auf? Es ist ein internationales Restaurant, kein Bordell oder Nachtklub. Wenn jeder hier seine Sexualität ausspielen darf, dann ist es kein Restaurant mehr.“

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