Internet-Lexikon : Wikipedia in der Kritik

Die Online-Enzyklopädie Wikipedia gehört wohl zu den populärsten Internetadressen der Welt. Doch seit kurzem ist eine Diskussion um den Wahrheitsgehalt des Lexikons entbrannt.

Hamburg - Der amerikanische Journalist John Seigenthaler schrieb Ende November in einem Kommentar für die Zeitung «USA Today», in der englischsprachigen Ausgabe von Wikipedia sei über ihn zu lesen gewesen, er habe im Verdacht gestanden, in die Ermordung von John F. Kennedy und Robert Kennedy verwickelt gewesen zu sein. «Im Alter von 78 Jahren dachte ich, ich sei weit darüber hinaus, überrascht oder gekränkt zu sein, wenn jemand etwas Negatives über mich sagt. Ich habe mich geirrt», schrieb er.

Und Seigenthaler spricht etwas an, was bislang als die Stärke von Wikipedia galt: Jeder kann neue Einträge verfassen, Artikel verändern, korrigieren und verbessern. Aber auch gezielt falsche Informationen lassen sich so über Wikipedia verbreiten - ganz anonym. Denn die Einträge können ohne Angaben von persönlichen Daten geändert werden. Niemand weiß, wer einen Beitrag wirklich editiert hat.

Zumindest die englischsprachige Wikipedia will das Publikationsverfahren jetzt ändern. Neue Artikel sollen nur noch nach einer Registrierung freigeschaltet werden, sagt Projektsprecher Arne Klempert. Für die deutschsprachige Wikipedia sei das bislang noch nicht geplant. «Es gibt Unterschiede zwischen der englisch- und der deutschsprachigen Wikipedia», erläutert Klempert. In der deutschen Ausgabe gebe es die Tendenz, eher bestehende Artikel zu verbessern als neue zu schreiben.

Wikipedia erscheint in mehr als 100 Sprachen. Beim Grimme Online Award ist das Projekt in diesem Jahr gleich mit zwei Preisen ausgezeichnet worden und erntete viel Lob. Die englische Version ist mit derzeit mehr als 850.000 Artikeln die größte, gefolgt von der deutschen Ausgabe mit rund 324.000 Beiträgen.

«Stell Dir eine Welt vor, in der jeder Mensch auf dem Planeten freien Zugang zur Summe des menschlichen Wissens hat» - mit dem Ziel, eine Art digitales Gehirn zu kreieren, gründete der Amerikaner Jimmy Wales Anfang 2001 Wikipedia. Doch er weiß auch um die Gefahren. «Meinungsfreiheit ist gefährlich», sagt er, «aber auch unglaublich mächtig und nützlich.»

«Wikipedia ist eine offene Plattform. Wir können nicht ausschließen, dass so etwas passiert», sagt auch Klempert zu dem falschen Artikel über Seigenthaler. «Wir werden uns jetzt in Ruhe und konzentriert überlegen, wie wir mit dem Problem umgehen, ohne unsere Freiheit aufzugeben», sagt Klempert. Denn die Offenheit der Plattform sei nicht zuletzt auch die Stärke des Projekts.

Doch auch die deutschen Wikipedianer kämpfen derzeit mit den Tücken des Systems: Irgendein Nutzer hatte zwischen Dezember 2003 und Mitte November 2005 in größerem Umfang anonym Artikel eingestellt, die Texte aus DDR-Lexika enthielten. Zum einen sind die Texte urheberrechtlich geschützt, zum anderen sind auch die Inhalte in Teilen umstritten.

Dieser Fall zeige aber, meint Klempert, dass die Kontrollfunktion bei Wikipedia funktioniere. Immerhin habe ein anderer Wikipedia-Autor den Textklau entdeckt - und das, obwohl die fraglichen DDR-Lexikonartikel nur in gedruckter Form verfügbar seien und nicht mittels Suchmaschinen einfach gefunden werden könnten.

Wikipedia-Gründer Wales betont seit jeher, wie wichtig Offenheit und Korrektheit des Projekts seien. Wikipedia verstehe sich als «äußerst demokratische» Organisation. Gleichzeitig schränkt er ein: «Überall, wo sich die Allgemeinheit frei äußern kann ohne jede vorherige Absprache, ist es gefährlich.» Der deutsche Projektsprecher Klempert gesteht zu: «Hundertprozentig vertrauen sollte man keiner Quelle.» (Von Christiane Link, dpa)

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