Interview mit Mega-Gründer : Kim Dotcom: "Ich bin kein Gauner"

Kim Dotcom packt aus: Zum Start seiner neuen Speicherplattform Mega bezichtigt der umstrittene Megaupload-Gründer die US-Behörden der Lüge und beteuert im Interview mit Handelsblatt Online auf seinem Anwesen in Auckland in Neuseeland, er betreibe keine Piraterie. Im Gegenteil: Die Schuld habe jemand anderes.

Urs Wälterlin
"Mega" im Geschäft: Internet-Größe Kim Dotcom alias Kim Schmitz
"Mega" im Geschäft: Internet-Größe Kim Dotcom alias Kim SchmitzFoto: AFP

Herr Dotcom, sind Sie ein Gauner?
Kim Dotcom: Ich bin kein Gauner. Andere würden das zwar sagen. Ich stimme dem aber nicht zu.

Aber als Sie noch in Deutschland lebten waren Sie im Gefängnis. Und hier in Neuseeland haben Sie einen Lebensstil, der an den eines Gangsters erinnern könnte. Das Luxusanwesen „Dotcom Mansion“ hier in Auckland. Die Bodyguards. Der feldgraue Hubschrauber. Auch Ihr Auto mit dem Nummernschild „Mafia“ sagt ja einiges.
Ich hab einfach ein großes Kind in mir und ich habe Spaß am Leben. Was Sie genannt haben, sind Dinge, die sich daraus ergeben. Nur weil man einen etwas extravaganten Lebensstil führt, ist man ja nicht automatisch ein Gauner.

Aber Sie waren in Deutschland im Gefängnis …
Ja, vor langer Zeit war ich wegen Insider-Handels in Untersuchungshaft. Dieses Verfahren wurde ja dann mit einem Angebot der Staatsanwaltschaft beendet. Damit war der Fall erledigt. Heute bin ich überhaupt nicht vorbestraft. In Deutschland gilt das Gesetz, dass solche Straftaten nach sieben Jahren getilgt werden. Das war bei mir der Fall. Wenn Sie heute in mein deutsches Vorstrafenregister schauen, dann sagt das „keine Einträge“.

Von verschiedenen Leuten – allen voran den amerikanischen Justizbehörden und der Filmindustrie – werden Sie als potentieller Straftäter gesehen, als Internet-Pirat. Die Erstürmung Ihres Hauses vor genau einem Jahr durch die schwer bewaffnete neuseeländische Polizei mit Unterstützung der Amerikaner zeigte das ja deutlich.
Ich muss jetzt mal klarstellen: Das was die USA machen, ist als Testfall zu verstehen. So einen Fall hat es in dieser Form noch nie gegeben. Hunderte Konkurrenten, die genau dasselbe anbieten wie damals Megaupload, sind nach wie vor online. Die amerikanischen Behörden wollen uns als Serviceanbieter für das Verhalten unserer Benutzer verantwortlich machen.

Es gibt Gesetze, die einen Serviceanbieter eigentlich schützen sollten. Das sogenannte „Safe-Harbour“-Gesetz. Diese Gesetze wurden in unserem Fall komplett ausgehebelt. Die amerikanische Regierung hat gesagt, jetzt machen wir für die Filmindustrie in Hollywood einen Testfall und schauen, wie weit wir das Copyright-Gesetz ausdehnen können, um gegen Piraterie vorgehen zu können. Das ist aber ein falscher Ansatz. Man kann ja auch nicht das Postamt plattmachen, weil irgendwelche Leute in ihren Briefen etwas Illegales verschicken.

Sie streiten also nicht ab, dass über Megaupload viel Illegales verbreitet wurde?
Nein. Prozentual liegen damit aber sicher nicht über dem Durchschnitt des Internets. Jeder Internet Service Provider (ISP) hat dieses Problem. Es gibt Spekulationen, wonach 20 bis 25 Prozent des Internetverkehrs heute irgendwie mit Piraterie zu tun haben. Da liegen wir voll in der Statistik. Sogar die Deutsche Telekom hat das Problem. Wenn man sich deren Verkehr mal anschaut, wird die wahrscheinlich genauso viel dieses illegalen Verkehrs haben wie Megaupload hatte. Aber keiner schaltet deswegen die Telekom aus. Das ist das Bedenkliche: Wenn man anfängt, Dienstleister abzuschalten.

Was haben Sie, was hat Megaupload gegen die Piraterie auf Ihren Servern unternommen?
Wir haben klare Regeln an unsere Nutzer vergeben. Und wir haben uns an die Gesetze gehalten. Wir haben die Dokumente, die uns als Urheberrechts-Verfehlungen gemeldet wurden, immer runtergenommen. Und wir haben den Content-Anbietern sogar einen so genannten „Direct-Delete“-Anschluss gegeben. Die konnten also direkt auf unsere Server rauf und Dinge runternehmen, die ihnen nicht gefallen haben. Ohne dass wir in irgendeiner Form nachgefragt hätten. Das wurde von den Content-Anbietern millionenfach genutzt. Wir haben Emails erhalten, die uns dafür dankten. Außerdem sagten sie, es wäre ja schön, wenn die anderen Plattform-Anbieter das auch tun würden. Die haben uns also gelobt und auf der anderen Seite das Messer in den Rücken geschoben und gesagt: „Ihr seid ja ganz schlimm“.

Sie haben mal geschrieben, Megaupload sei nie ein Piraterie-Problem gewesen. Das veraltete Geschäftsmodell der Filmindustrie sei das Problem. Hollywood könnte das wertvollste Internet-Unternehmen besitzen. Sie nannten Hollywood „doof“. Sollen die Content-Anbieter etwa nicht selbst entscheiden können, wo und wann welche Inhalte veröffentlich werden sollen?
Natürlich kann man das selbst entscheiden. Nur: wenn man im Zeitalter des Internets ein Angebot in einem Land macht und in einem anderen erst sechs Monate später, dann hat man natürlich das Problem selber herbei geschworen. Leute sagen dann: Mann, das find‘ ich aber ungerecht, ich will das jetzt haben, und auf diese Warterei lass‘ ich mich nicht ein.

Was wäre die Alternative?
Wenn man das Angebot weltweit zeitgleich verfügbar macht, hat man diese Frustration nicht. Menschen, die bereit sind, für Inhalte zu bezahlen, die kaufen diese Inhalte ja dann auch. Es ist also das Geschäftsmodell von Hollywood, das Piraterie fördert. Man muss verstehen, weshalb die Filmindustrie so dafür kämpft, dass sich dieses Modell nicht ändert. Die haben ein internationales Netzwerk von Lizenzen. Das heißt, dass Firmen rund um die Welt Hollywood Lizenzen an ihren Filmen bezahlen. Hollywood sagt dann, wir haben diesen neuen Film, der kommt in einem Jahr raus, und Du kannst dir jetzt schon deine Rechte sichern. Hollywood sammelt also schon im Vorfeld das Geld für die Filmproduktion ein, bevor auch nur einen Tag lang etwas gedreht wurde. Damit haben die Filmer null Risiko. Die müssen selber kein eigenes Geld in die Hand nehmen.

Und diesem Modell macht die grenzenlose, unmittelbare Datenübertragung einen Strich durch die Rechnung?
Ganz genau. Jetzt aber loszugehen, und mit der Hilfe der amerikanischen Regierung und der Justizbehörden alles platt zu machen, was gegen dieses Geschäftsmodell agiert, das ist ein Fehler in der Denkweise. Denn früher oder später muss sich dieses Modell bewegen. Ansonsten wird Piraterie immer weiterbestehen. Man kann nicht mit einer Hand einen Fluss stoppen. Das ist, was hier mit uns im Moment versucht wird. Aber es funktioniert nicht. Die Filmindustrie machte nach der Schließung von Megaupload nicht mehr Geld. Im Gegenteil. Es gibt Studien von Universitäten in München und Kopenhagen, die sagen, dass für Hollywood die Verkäufe nach dem Abschalten unseres Dienstes sogar runtergegangen sind.

Wieso das?
Wahrscheinlich, weil die Mund-zu-Mund-Propaganda weggefallen ist. Die Nutzer haben dann nicht mehr ihren Freunden erzählt, was für einen tollen Film sie gerade angeschaut haben. Natürlich gibt es einige, die den Film dann gratis runterladen. Viele sagen aber: Jetzt gehe ich mit meiner Freundin ins Kino und schau mir diesen Film an. Dieses wichtige Werbemittel ist also jetzt weg. Die Industrie hat sich damit ins eigene Knie geschossen.

Sie glauben also, dass ein Dienst wie Megaupload oder jetzt auch Mega sogar eine Art Werbeplattform für die Filmindustrie ist?
Ja, insbesondere für die unabhängigen Produktionen, Filme also, die für weniger als eine Million Dollar produziert werden. Die haben keine großen Werbebudgets. Die werden nicht im Fernsehen gespielt und haben keine großen Plakate. Diesem Teil der Content-Industrie, der ja insgesamt viel grösser ist als die Blockbuster-Produzenten, diesen kleinen Anbietern ist durch die Schließung von Megaupload am meisten geschadet worden. Das ist traurig. Denn sonst weiß ja keiner von dem Film. Diesem Marksegment der Filmindustrie hat – nach Ansicht dieser Studien – Megaupload schon geholfen.

Es schwirren verschiedene Zahlen rum, was Sie mit Megaupload verdient haben. Wieviel Geld haben Sie gemacht, Herr Dotcom?
Megaupload hat in einem Jahr 100 Millionen amerikanische Dollar Umsatz gemacht. Das war also kein kleines Unternehmen. Dazu muss ich sagen, dass 85 Prozent unserer Kunden zu Fortune 500 gehörten. Jede große Firma hatte bei uns Konten. Viele Nutzer haben unseren Service für komplett legitime Zwecke verwendet. Piraterie ist eine von vielen Nutzungsmöglichkeiten. Megaupload konnte für legitime Zwecke benutzt werden, aber eben leider auch für illegitime.

Sie waren der Betreiber dieses missbrauchten Dienstes…
Ja, aber für den Missbrauch kann man mich aber nicht verantwortlich machen. Ich bin nicht hingegangen, und habe Filme hochgeladen und dann die Links rausgegeben. Ich habe nicht Leute bezahlt, die Filme hochladen und Links verbreiten. Hollywood hat den unglaublichen Fehler gemacht und gesagt, wir hätten Menschen bezahlt, damit diese Filme hochladen. Dass wir also ein Belohnungsprogramm hätten, das so was honoriert hätte. Das ist natürlich vollkommener Käse, weil wir überhaupt keine Belohnungen bezahlt haben für Datenpakete die grösser waren als 100 Megabyte. Kein Film ist kleiner als 100 Megabyte, nicht einmal eine Fernsehserie, es sei denn, man schaut sie sich im Postkartenformat an. Zu behaupten – wie dies Amerika tut – wir hätten ein Belohnungsprogramm gehabt das die Piraterie fördere, ist eine Lüge. Das wird sich vor Gericht herausstellen.

Sie warten darauf, vor Gericht die Situation erklären zu können?
Ja, das Unglaubliche ist, dass wir hier vor Gericht unsere Fakten präsentieren und das Thema hinter uns bringen wollen. Die USA aber lassen keine Möglichkeit aus, gegen alles Einspruch zu erheben. Wir haben bisher jede einzelne Auseinandersetzung mit den USA vor Gericht gewonnen – in Neuseeland, in Kanada, sogar in Deutschland.

Jedes Mal, wenn wir Erfolg haben, gehen sie in die nächste Instanz. Das machen sie, während sie auf meinem Geld sitzen und sagen, ich dürfe keinen Pfennig meines eigenen Geldes benutzen, um mich zu verteidigen. Das ist deren Strategie. Die wollen mich dehydrieren. Weil sie genau wissen, dass sie keinen Fall haben. Es ging vor einem Jahr darum, dass Barack Obama in Hollywood mit seinen Spendenbeschaffern Geld einsammeln kann für seine Wiederwahl. Die Filmindustrie in Hollywood hat 120 Millionen an seine Kampagne bezahlt. Ich glaube, soviel hätte Obama nicht bekommen, wenn er dort angekommen wäre und nichts hätte anbieten können.

Woher haben Sie denn jetzt das Geld, um Ihren aufwendigen Lebensstil zu finanzieren?
Glücklicherweise sind die Richter in Neuseeland unabhängig. Die haben gesagt: „Das gibt’s ja alles nicht, was hier abgeht.“ Und sie machten Gelder frei, damit ich meine Miete bezahlen kann, damit ich zumindest mal meine neuseeländischen Anwälte bezahlen kann. In den USA haben meine Juristen immer noch kein Geld erhalten. Ich habe auch etwas Geld, um meine Lebensunterhaltungskosten decken zu können. Das neuseeländische Justizsystem hat funktioniert und interveniert. Wie soll sich denn jemand verteidigen können, wenn die USA sagen, unser ganzes Geld sei wie die Einnahmen der Mafia und werde nun einfach mal komplett gepfändet?

Wie unterscheidet sich Ihr neues Produkt Mega von Megaupload?

Mega ist im Vergleich zu Megaupload sehr unterschiedlich. Insbesondere die Verschlüsselung. Wir bieten eine Verschlüsselung während des Hochladens an. Im Browser des Nutzers. Der muss also keine extra Software installieren. Das ist für den Nutzer sehr angenehm, weil er von der Verschlüsselung gar nichts mitbekommt. Er muss aktiv gar nichts machen. Wir nennen das „1-Klick-Verschlüsselung“. Wir glauben, diese Vereinfachung der Verschlüsselung könnte zu einem Standard werden. Wir wollen dasselbe später auch mit Emails und Voip (Internet-Telefonaten, d. Red.) anbieten, damit man mal ein bisschen mehr Sicherheit hat, was die Privatsphäre angeht. Mittlerweile ist es ja so, dass die amerikanische Regierung Milliarden Dollar in Datenzentren investiert, die nichts anderes machen, als alles aufzuzeichnen, was über ihre Leitungen geht. Da die meisten Webseiten in den USA sind und viele Leute Gmail und andere solche Dienste benutzen, wird alles erfasst. Da wollen wir mit Mega gegenwirken und ein Angebot bereit stellen für Nutzer, die sagen: „Das geht mir zu weit“.

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