Jugendwort des Jahres : „Smombie“ gibt es nicht - es ist eine Erfindung

Das angebliche Jugendwort des Jahres "Smombie" gibt es offenbar gar nicht, wie Bernd Matthies herausgefunden hat. Eine Glosse.

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Das Wort "Smombie" ist am 13.11.2015 in München (Bayern) vielfach auf einem Smartphone und auf einem Zettel zu sehen. Der Langenscheidt-Verlag hat "Smombie" zum "Jugendwort des Jahres" gekürt. Es ist zusammengesetzt aus den Worten Smartphone und Zombie und beschreibt jemanden, der von seiner Umwelt nichts mehr mitbekommt, weil er nur noch auf sein Smartphone starrt.
Das Wort "Smombie" ist am 13.11.2015 in München (Bayern) vielfach auf einem Smartphone und auf einem Zettel zu sehen. Der...Foto: dpa

Niemand bestreitet, dass es im Deutschen eine Jugendsprache gibt. Aber woran erkennen wir sie? Am Tonfall, an modischen Formulierungen, an schwer erkennbaren Nebenbedeutungen? Oder an einzelnen Begriffen? Der Langenscheidt-Verlag ist 2008 auf die – aus seiner Sicht – geniale Idee gekommen, alljährlich ein „Jugendwort des Jahres“ bestimmen zu lassen. Das bringt ihm jedes Mal kostengünstige Werbung. Und uns Sprachnutzer stellt es immer wieder vor die Situation, dass uns außer einem langen, ratlosen „Hääääh?“ dazu nichts einfällt.

Also: Das Jugendwort des Jahres lautet „Smombie“. Es ist ein so genanntes Kofferwort wie „Brunch“, zusammengebaut aus Smartphone und Zombie, und soll nun also für jene stehen, die das Leben, glotzend aufs Display, stumm an sich vorüber ziehen lassen. Oh, denkt man als älterer Mensch, da ist mir wieder was entgangen, sicher ist dieses Internetz prallvoll vom Jugendwort.

Doch dann stellt sich heraus: Nichts. Sämtliche Fundstellen beziehen sich auf die Jugendwort-Wahl, und auch bei Twitter ist es vorher nie benutzt worden. Mündlich hat es sowieso nie jemand gehört, und folglich ist wieder einmal klar: Hier hat sich einer was ausgedacht für die Jury, und die Jury dachte, hey, warum nicht mal ein Kofferwort? Man muss dieser antriebsarmen Jugend auch mal was in den Mund legen!

Alpha-Kevin fiel durch

Manchmal geht dieses Kalkül sogar auf. „Hartzen“, 2009 für „arbeitslos rumhängen“ gekürt, kommt sehr selten nun auch in der Wirklichkeit vor, ebenso wie das anerkennende „Läuft bei dir“ von 2014. Von der Erdoberfläche getilgt ist dagegen der „Niveaulimbo“, und der „Babo“ war ohnehin nur ein schwaches Hip-Hop-Späßchen.

Hätte es Alternativen gegeben? „Merkeln“, nun ja, das klingt eher nach TV-Kabarett. Und das inhaltlich ähnliche „rumoxidieren“, das mit dem echten und lebenden Jugendwort „chillen“ eigentlich schon erledigt ist, klingt zwar ganz hübsch, schmeckt aber längst nicht so muffig nach Zeitkritik, wie es sprachwissenschaftliche Juroren lieben. „Discopumper“ für jene, die für die Disco trainieren? Seufz. Und muss das „Selfie“ nun wirklich dringend vom „Ego-Shooter“ abgelöst werden? Es gab also keine Alternativen.

Ein Wort fiel übrigens schon in der Vorauswahl durch: „Alpha-Kevin“ für anerkannte Volltrottel galt als kevinfeindliche Diskriminierung. Aber wenn die Jugend nicht mal herzhaft jemanden diskriminieren darf – wofür braucht sie dann überhaupt eigene Worte?

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