Welt : Kai Niemanns Ost-Hymne: Der "dumme Ossi" mit dem Riesen-Erfolg

Rüdiger Strauch

"U-D-O" hat man Kai Niemann scherzhaft in Göttingen genannt. "U-D-O" - der Name des aus Sangerhausen (Sachsen-Anhalt) stammenden Jura-Studenten stand damals für "Unser dummer Ossi". Und Niemann, der vor fünf Jahren im Westen seinen Zivildienst ableistete, hat das nicht im geringsten gewurmt. "Das war Spaß und nicht so ernst gemeint", sagt der Musiker.

Heute schlägt er die Wessis mit ihren eigenen Waffen, mit kleinen Sticheleien - und meint es ebenso wenig ernst, wenn er in seinem Song den Osten und seine Bewohner in den höchsten Tönen lobt (siehe nebenstehenden Kasten). Mittlerweile ist der Erfolgshit auf Platz 4 der bundesweiten Charts angelangt und hat in den östlichen Bundesländern sogar die Spitze gestürmt. Das Augenzwinkern und der satirische Unterton des Songs scheinen im Westen jedoch nicht überall verstanden zu werden. Dem Leipziger weht aus Köln und München eine steife Brise ins Songwriter-Gesicht. Dort haben die Musiksender Viva und MTV ihren Sitz, und in deren Sendungen hatte man für Niemanns Hit bisher nur mildes Lächeln, aber auch ein klein wenig Verachtung übrig.

Bei MTV verstieg man sich zu der Bemerkung: "Im Osten sind nicht nur die Mädchen schöner. Die besseren Neonazis haben sie auch." Mola Adebisi von Viva wählte die Formulierung, Kai Niemann habe zwar die Marktwirtschaft durchschaut, aber eben noch kein Video vorgelegt. Andere Musiker wüssten dagegen, was sich gehöre. In den Ohren von Katrin Güttler aus Niemanns Management klingt das zynisch. Dass es noch immer keinen Videoclip gebe, liege an den Sendern selbst. Sie hätten schon vor Wochen Niemanns Plattenfirma Sonymusic signalisiert, dass man auf ein Video der Band "Niemann" keinen Wert lege.

"Deutsche Lieder in dieser Art sind bei uns kein Thema", war vom Musiksender Viva zu erfahren. Man spiele schließlich auch nicht Peter Maffay oder Zlatko. Mit dem Text habe die ablehnende Haltung nichts zu tun; man stoße sich einfach am Musikstil. Ein Produzent bei MTV verteidigt den Hinweis seines Senders auf die Neonazis im Osten. "Unsere Texte sind immer frech, ironisch und als Satire gedacht", merkt der Münchner an. MTV habe zum Ausdruck bringen wollen, dass man die Masche der Band, mit der alten Ost-West-Debatte zu provozieren, nicht gutheiße. Im Osten bestehe scheinbar ein Revanche-Bedürfnis. "Das wollten wir nicht unterstützen." Kai Niemann dagegen empört der Nazi-Spruch: "Mit diesem Thema muss man feinfühliger umgehen!"

Die Bemerkung, da verstehe wohl der eine die Ironie des anderen nicht und umgekehrt, lässt MTV nicht gelten. "Der Song ist im Osten doch nicht deswegen so erfolgreich, weil sein Text ironisch aufgefasst wird", ist man überzeugt. Einen anderen Eindruck hat Jens Kerner von Radio SAW in Magdeburg, wo Niemann entdeckt wurde. Die Ost-Hymne sei ein "lieber Song, mit dem man keine alten Gräben aufreißen kann" und ein Beitrag zur Normalisierung des Verhältnisses. An Harald Schmidts Ossi-Witze hat sich jeder aus den gar nicht so neuen Ländern gewöhnt. Jetzt dürfen auch mal Wessis Humor beweisen und über das kollektive Schulterklopfen der Ossis lachen.

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