Kanada : Zwangsehe für Paare?

Eine Frau in Kanada hat ihren Ex-Freund auf Unterhalt verklagt und in zweiter Instanz gewonnen – Kritiker warnen vor Zwangsehen, sollte das Oberste Gericht diese Sicht bestätigen. Der Fall erregt auch deshalb Aufsehen, weil der Mann ein berühmter Milliardär ist.

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Darf ein Mann die Ehe verweigern? Nein, sagte das Gericht.
Darf ein Mann die Ehe verweigern? Nein, sagte das Gericht.Foto: dpa

Es begann wie ein Märchen. Ein kanadischer Milliardär trifft in Brasilien ein junges Mädchen, verliebt sich in sie und holt sie nach Quebec. Sie leben in Saus und Braus, haben drei Kinder. Nach zehn Jahren endet das Märchen in einer bitteren Trennung und einem Rechtsstreit, den jetzt Kanadas Oberstes Gericht entscheiden muss. Es geht um Versorgungsansprüche nach einer Beziehung, die keine offizielle Ehe, sondern eine Ehe ohne Trauschein war, um eine „De-facto-Ehe“, wie es in Quebec genannt wird.

Es geht um Eric und Lola. Das sind nicht ihre richtigen Namen. Die kanadische Justiz verbietet die Nennung der Namen. Jeder, der sich in Kanada für den Fall interessiert, weiß aber, wer Eric ist, der Milliardär und erfolgreiche Geschäftsmann. Die „Financial Times Deutschland“ berichtete, es handele sich um den Eigner des Cirque du Soleil. Es ist auch die schillernde Persönlichkeit Erics, die das Interesse an diesem Fall nährt.

Dieser hat aber auch grundsätzliche Bedeutung. Ein Urteil zugunsten Lolas, die millionenschwere Unterhaltsansprüche gegen Eric erhebt, hätte gravierende Folgen für die kanadische Provinz Quebec. Hier gibt es 610 000 Paare, die nicht verheiratet sind, aber zusammenleben. Das sind mehr „De-facto-Ehen“, als in jeder anderen Provinz Kanadas. Zugleich ist Quebec die einzige Region Kanadas, in der Partner nach dem Scheitern der Beziehung keine Unterhaltsansprüche gegeneinander haben und das Vermögen nicht aufgeteilt wird, egal wie lange diese Verbindung anhielt.

Lola hätte Eric gerne geheiratet, aber der wollte partout nicht. Die Ehe sei nicht sein Ding und „ich sagte ihr, dass ich nicht an die Institution Ehe glaube“, gab er zu Protokoll. Und wenn, dann nur mit Ehevertrag mit Gütertrennung. „Ich wollte mein Geschäft nicht gefährden“, erklärte er.

Es war eine bewegte Beziehung über zehn Jahre. Er war 32, sie 17, als sie sich 1992 in Brasilien trafen. Dass sie weder Englisch noch Französisch, er weder Spanisch noch Portugiesisch sprach, stand der Beziehung überhaupt nicht im Wege. 1995 zog die junge Frau nach Montreal. Es gab Trennungen und Versöhnungen, und zwischen 1996 und 2001 kamen drei Kinder zur Welt.

Sie kümmerte sich um die Kinder, versuchte sich nebenbei als Model. Es war ein Leben im Luxus, mit Reisen und generösen Parties. „Wir waren unglaublich verliebt und unsere drei Kinder wurden mit Liebe gezeugt“, erklärt Eric. Und dann war im Mai 2002 Schluss mit der Beziehung.

Im englischsprachigen Teil Kanadas sind solche Partnerschaften den regulären Ehen fast gleichgestellt, auch im Unterhalts- und Versorgungsrecht nach einer Trennung. Nicht so in Quebec, das zwischen Ehen und den ebenfalls möglichen eingetragenen Partnerschaften und außerdem „De-facto-Ehen“ unterscheidet.

Hätten Lola und Eric geheiratet, wären Unterhaltszahlungen und eine Aufteilung des auf mehr als zwei Milliarden Dollar geschätzten Vermögens von Eric fällig. Nicht aber nach einer solchen Beziehung ohne Trauschein. Dann muss wie in anderen Ländern auch nur für die Versorgung der Kinder gezahlt werden.

Nicht dass Eric knausrig ist. Er überweist der Frau für die drei Kinder pro Monat 35 000 Dollar, lässt sie in einem 2,4-Millionen-Dollar-Haus in der vornehmen Montrealer Gegend Outremont wohnen, zahlt für Kinderbetreuung, Chauffeur und noch mehr. Aber Lola fordert auch für sich Unterhalt. 50 000 Dollar im Monat und einmalig 50 Millionen Dollar. „Ich verdiene es, es ist schön, ein komfortables Leben zu haben“, sagte sie.

Lola sagt, diese Unterscheidung zwischen offiziellen und „De-facto-Ehen“ sei eine Verletzung des Gleichheitsgrundsatzes und ein Verstoß gegen das Diskriminierungsverbot. Sie will erreichen, dass Paare wie sie und Eric wie ein verheiratetes Paar behandelt werden. In erster Instanz unterlag sie, das Berufungsgericht aber gab ihr Recht. Nun muss Kanadas höchstes Gericht entscheiden, ob Quebecs Regelung verfassungswidrig ist.

Das noch in diesem Jahr zu erwartende Urteil kann weitreichende Folgen für die Gesellschaft haben. Die „De-facto-Ehen“ machen mehr als ein Drittel aller Paare in Quebec aus, 60 Prozent aller Kinder in Quebec werden nichtehelich geboren. Eric und seine Anwälte machen geltend, dass der Gesetzgeber in Quebec bewusst die Möglichkeit eröffnet habe, eine Partnerschaft ohne mögliche spätere Unterhaltsverpflichtungen einzugehen.

Auch die Provinzregierung will nicht, dass das Gericht eine Entscheidung trifft, die nach ihrer Ansicht einer Zwangsverheiratung gleichen würde. Lola und ihre Anwälte argumentieren, die Gesetzeslücke erlaube dem stärkeren Partner, späteren Verpflichtungen zu entkommen, indem er einseitig die Ehe verweigere. Vielen Partnern in „De-facto-Ehen“, vor allem Frauen, sei nicht bewusst, dass sie nach Ende der Beziehung mittellos dastehen. Es sei an der Zeit, dass die Provinz mit dem höchsten Anteil an nichtehelichen Lebensgemeinschaften diese als legitime Familien anerkenne.

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