Klima und Malerei : Die kleine Eiszeit

Zwischen dem frühen 15. und der Mitte des 19. Jahrhunderts fielen auf der Nordhalbkugel der Erde die mittleren Temperaturen stark ab. Die Malerei wurde zum Spiegel des daraus folgenden Klimawandels.

von
Gemälde / Öl auf Leinwand (1857) von Eduard Gaertner [1801 - 1877]. Foto: bpk | Stiftung Preussische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg | Jörg P. Anders
Gemälde / Öl auf Leinwand (1857) von Eduard Gaertner [1801 - 1877].Foto: bpk | Stiftung Preussische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg | Jörg P. Anders

Ob früher wirklich mehr Lametta war, wie Opa Hoppenstedt behauptet, wissen wir nicht. Eines aber ist unbestritten: Früher war es kälter, und es fiel mehr Schnee, auch schon zu Weihnachten. Vor allem die holländische Landschaftsmalerei des 17. Jahrhunderts wurde zum Beleg eines Temperatursturzes auf der Nordhalbkugel der Erde, über deren Ursachen man erst seit wenigen Jahren mehr weiß.

Eine geringere Aktivität der Sonne und verstärkter Vulkanismus führten zu einem Absinken der Durchschnittstemperaturen um ein halbes Grad. Die Explosionen des Laki-Kraters auf Island im Jahre 1783 und des Tambora auf der indonesischen Insel Sumbawa im Jahr 1815 waren sogenannte plinianische Eruptionen, die Staub und Asche und Schwefeldioxid in große Höhen schleuderten.

Die Verschmutzungen wurden durch die Höhenströmungen um den Erdball getrieben und führten zu einer Reduzierung der Sonneneinstrahlung. Frühere Wetterphänomene, wohl durch geringere Sonnenaktivitäten ausgelöst, hatten zuvor schon zu einer lang anhaltenden Abkühlung geführt, in deren Folge sich nicht nur die Gletscher und das Packeis ausdehnten und viele schiffbare Flüsse über Monate hinweg zugefroren waren – es kam auch zu verheerenden Missernten und Hungersnöten. Die Großen Seen Nordamerikas blieben bis in den Juni zugefroren.

Heinrich Zille *10.01.1858-09.08.1929+ 'Morgenstunde hat Gold im Munde' Vor dem Restaurant Nussbaum im Berliner Nicolaiviertel - 1922 Foto: ullstein bild
Heinrich Zille *10.01.1858-09.08.1929+ 'Morgenstunde hat Gold im Munde' Vor dem Restaurant Nussbaum im Berliner Nicolaiviertel -...Foto: ullstein bild

Von diesem Elend kündet die Malerei jener Zeit kaum. Vor allem die holländischen Darstellungen wirken wie die Wiedergabe großer Volksfeste auf dem Eis, mit Menschenschlangen bei der bethlehemitischen Volkszählung zwischen zugefrorenen Teichen, mit fröhlichen Gruppen und Fuhrleuten bei der Arbeit oder Schlittschuh laufenden Kinderscharen, man sieht Vergnügungen wie Eisstockschießen und Eishockey.

Berliner Weihnachtsmarkt im 19. Jahrhundert auf einem Heimatbild in einer Berliner Morgenpost von 1935. Foto: IMAGO
Berliner Weihnachtsmarkt im 19. Jahrhundert auf einem Heimatbild in einer Berliner Morgenpost von 1935.Foto: IMAGO

Und auch der Berliner Weihnachtsmarkt des 19. Jahrhunderts auf dem Gendarmenmarkt spiegelt mehr Lebensfreude als Angst vor dem Erfrieren. Bei Heinrich Zilles erst 1922 entstandener Winterszene vor dem Gasthaus „Zum Nussbaum“ im Nikolaiviertel weiß man nicht so genau, ob man mit der dicken Frau in der Bildmitte Mitleid haben sollte oder ob man über sie doch schmunzeln darf.

Brueghel, Pieter der Jüngere, (1564 - 1638), Gemälde, "Winterlandschaft", Prado, Madrid. Foto: picture alliance / Artcolor
Brueghel, Pieter der Jüngere, (1564 - 1638), Gemälde, "Winterlandschaft", Prado, Madrid.Foto: picture alliance / Artcolor

Einige der gezeigten Bilder waren vom September 2001 bis Anfang Januar 2002 in der Berliner Gemäldegalerie am Kulturforum in einer Ausstellung über die „Kleine Eiszeit“ zu sehen, die damals in einer bemerkenswerten Kombination von Kunst und Wissenschaft nicht nur die niederländische Landschaftsmalerei des 17. Jahrhunderts präsentierte, sondern auch den modernen Geowissenschaften und ihren Erkenntnissen über den Klimawandel jener Zeit Raum gab.

The hunters in snow, 1565, by Pieter Brueghel The Elder (1525-1569), oil on panel, Detail Foto: mauritius images
The hunters in snow, 1565, by Pieter Brueghel The Elder (1525-1569), oil on panel, DetailFoto: mauritius images

Mit eines der überraschendsten Ergebnisse der Schau war das Begreifen, dass in Hollands „goldenem Zeitalter“, einer Phase blühender Kultur und schnell wachsenden Reichtums, das Wetter viel wechselhafter war als heute – denn mitten in diesen eisigen Jahrhunderten gab es durchaus auch warme Phasen. Das mag uns Heutige daran erinnern, dass ein einziger großer Vulkanausbruch im pazifischen Raum innerhalb weniger Wochen alles, was wir vom heutigen Klima zu wissen glauben, auf den Kopf stellen kann.

8 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben