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Klimawandel in Deutschland : Regierung sieht für zwei Drittel der Skigebiete keine Zukunft

Der Klimawandel gefährdet den Wintertourismus in Deutschland. Die Regierung sieht trotz Kunstschnee für zwei Drittel der Skigebiete keine Perspektive mehr.

Julia Beil
Ein Skifahrer fährt in Garmisch-Partenkirchen (Bayern) am Hausberg auf einem schmalen Kunstschneeteppich an einer Schneekanone vorbei.
Ein Skifahrer fährt in Garmisch-Partenkirchen (Bayern) am Hausberg auf einem schmalen Kunstschneeteppich an einer Schneekanone...Foto: dpa

In neun von zehn deutschen Skigebieten wird man künftig ohne Schnee auskommen müssen. Und wo man vor einigen Jahren noch auf Kunstschnee zurückgreifen konnte, ist selbst mit diesem Hilfsmittel heute nichts mehr zu erreichen. In ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion konstatiert die Bundesregierung, dass "aktuell in Bayern 50 Prozent der untersuchten Skigebiete als natürlich schneesicher" gelten. "Alle weiteren Skigebiete sind mit künstlicher Beschneiungstechnik schneesicher". Erhöhe sich die mittlere Lufttemperatur um zwei Grad im Vergleich zum Beginn der Industrialisierung, nach Einschätzung der Bundesregierung ein sehr wahrscheinliches Szenario, wären nur noch neun Prozent der deutschen Skigebiete natürlich schneesicher, 30 Prozent nur noch mit künstlicher Beschneiung. Bei 61 Prozent der Gebiete könnte in diesem Fall selbst mit künstlicher Beschneiung nichts mehr erreicht werden, heißt es in der Antwort.

Und die Bundesregierung benennt eine weitere Folge eines Temperaturanstiegs: eine Verschiebung der Höhengrenze für die natürliche Schneesicherheit um 300 Meter. Das würde wiederum eine "deutlich verkürzte Wintersportsaison" nach sich ziehen, denn, so heißt es in der Stellungnahme der Regierung unter Berufung auf eine OECD-Studie aus dem Jahr 2007: "Die Anzahl der Tage mit einer Schneehöhe von mindestens 30 Zentimetern in den meisten Skigebieten" werde stark zurückgehen.

Schon im April 2013 veröffentlichte der Deutsche Alpenverein (DAV) eine Studie, die ähnliche Bewertungen enthält. Alarmierendes Ergebnis: In rund 20 Jahren seien nur noch 50 bis 70 Prozent der Skigebiete im deutschen Alpenraum schneesicher. Diese Zahl könne "auf lange Sicht bis unter fünf Prozent absinken", meint der Alpenverein. Vermutlich, so heißt es weiter, seien in 15 bis 25 Jahren - trotz Beschneiung- Fell- und Nebelhorn sowie Zugspitze die drei einzigen schneesicheren deutschen Skigebiete.

"Beschneiung kein Allheilmittel"

Kurzfristige Abhilfe verspricht der Einsatz von Kunstschnee. Angesichts der Mengen an Schnee, die produziert werden müssten - laut DAV wären das "in den bayerischen Alpen mittelfristig rund ein Drittel mehr" als heute - kann diese Strategie allerdings keine dauerhafte Lösung sein. "Angesichts der immensen Investitionen und des riesigen Verbrauchs an Wasser, Energie und Landschaft gilt es, jedes einzelne Projekt genau zu prüfen", meint Hanspeter Mair, Geschäftsbereichsleiter Hütten, Naturschutz und Raumordnung beim DAV, der in der Studie zitiert wird. Der DAV fordert daher auf seiner Webseite, keine weiteren Steuergelder in den Bau und die Instandhaltung von Schneekanonen mehr zu investieren. Neben dem Schaden, den das sensible Ökosystem der Alpen durch die künstliche Beschneiung nehmen würde, zweifelt man beim DAV auch die Wirtschaftlichkeit an: "Ob sich die Skigebiete bei deutlich steigenden Beschneiungskosten noch rentabel betreiben lassen, bedarf einer gesonderten Analyse", heißt es in der Studie.

Steffen Reich, beim DAV zuständig für den Bereich Natur- und Umweltschutz, sagte dem Tagesspiegel, welche negativen Folgen sowohl Bau als auch Betrieb der Beschneiungsanlagen haben. Zunächst seien oft geschützte Gebiete - "wie beispielsweise Moore und Niedermoore" - vom Bau der Anlagen betroffen. Reich nannte das Beispiel des bayerischen Skigebiets Sudelfeld, wo im Jahr 2014 ein massiver Ausbau der künstlichen Beschneiuungsanlage stattgefunden habe: In einem Schutzgebiet wurden ein großer Speicherteich platziert und 250 Schneekanonen aufgebaut. DAV und der Bund Naturschutz (BN) klagten - und wurden abgewiesen. Begründet wurde die Entscheidung des Gerichts, so Reich, mit einem "überwiegenden öffentlichen Interesse" am Erhalt des Skigebiets Sudelfeld.

Doch nicht nur den Bau der Beschneiungsanlagen und die damit verbundenen Probleme sieht Reichert als ein Problem - auch deren Betrieb bleibt, beispielsweise für "störungsempfindliche Tierarten" nicht folgenlos. Insbesondere der Lärm, sagte Reich, sei für Tiere wie Eulen eine enorme Belastung. Die Pflanzenwelt bleibe ebenfalls nicht verschont: Die Flora gerate durcheinander, die Artenzusammensetzung verändere sich: Es siedelten sich eher Pflanzen an, die mit einer dauerhaften Schneedecke zurechtkämen, so der DAV-Mitarbeiter. Andere Arten würden verdrängt. 

"Schwierige Marktbedingungen" vor allem für Tourismusbranche

Für Unternehmen, die "in klassischen Wintersportgebieten" tätig seien, könne die Lage zudem "zu schwierigeren Marktbedingungen" führen, heißt es in der Antwort der Bundesregierung weiter. "Ohne entsprechende Anpassungsaktivitäten", sei dort ein "Rückgang von Beschäftigung und Wertschöpfung" zu erwarten. Die Bundesregierung schlägt hier gleich eine mögliche Lösung für das Problem vor: So bestehe für die entsprechenden Unternehmen die Möglichkeit, durch "alternative Angebote, etwa im Bereich des Wander- und Gesundheitstourismus" die eigene "wirtschaftliche Abhängigkeit vom Skitourismus" zu verringern.

In eine ähnliche Richtung geht auch die Argumentation von Markus Tressel, Bundestagsabgeordneter der Grünen und einer der Initiatoren der Anfrage seiner Fraktion an die Bundesregierung: "Durch weitere Investitionen in Skiinfrastruktur machen sich viele Regionen weiter wirtschaftlich vom Skitourismus abhängig. Wenn hier nicht schon heute umgedacht wird, drohen ein massiver Rückgang der Beschäftigung und der regionalen Wertschöpfung einzelne Kommunen zu ruinieren. Jede weitere Investition in Skiinfrastruktur ist in Deutschland eine Fehlinvestition und alles andere als nachhaltig. Andere Regionen in Europa haben da deutlich bessere Bedingungen", sagt der saarländische Politiker.

Vor allem von dieser Problematik betroffen ist die Tourismusbranche. In einer Studie des Bayerischen Rundfunks, in der man zur Entwicklung der Übernachtungszahlen, Gästeankünfte und Aufenthaltsdauer im bayerischen Alpenraum in den Jahren 1961 bis 2014 recherchierte, zeigt sich das: Die Stadt Bad Tölz beispielsweise verzeichnet in dieser Zeitspanne einen Rückgang der Übernachtungszahlen um 25 Prozent. Die Gäste, die kommen, bleiben im Durchschnitt nur noch für 4,6 Tage - im Jahr 1982 lag dieser Wert noch bei 14 Tagen.


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