Klimawandel und Wetterkatastrophen : „Harvey und Irma sind nicht normal“

Der Potsdamer Klimaforscher Stefan Rahmstorf über den Einfluss des Klimawandels auf das ungewöhnliche Wetter in diesem Jahr.

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Schwere Jachten hatten "Irma" genau so wenig entgegenzusetzen wie Armensiedlungen mit mobilen Häusern.
Schwere Jachten hatten "Irma" genau so wenig entgegenzusetzen wie Armensiedlungen mit mobilen Häusern.Foto: Joe Skipper/Reuters

Viele Menschen fragen sich angesichts der aktuellen Wetterkatastrophen: Was hat der Klimawandel mit der aktuellen Hurrikan-Saison im Atlantik zu tun?

Beide Tropenstürme, Harvey und Irma, sind nicht normal. Sondern jeder ist auf seine Art ein Rekord. Harvey hat in den Vereinigten Staaten noch nie dagewesene Regenmengen verursacht. Und auch noch nie hat ein Tropensturm irgendwo auf der Welt so lange eine Windgeschwindigkeit von 300 Stundenkilometern gehalten wie Irma. Beim Tropensturm Irma waren das 37 Stunden, der Rekord zuvor waren 24 Stunden im Tropensturm Hayan, der 2013 im Pazifik entstand und die Philippinen getroffen hat.

Warum hat die globale Erwärmung einen Einfluss auf die Stärke der tropischen Wirbelstürme?
Tropische Wirbelstürme werden durch warmes Meerwasser erst möglich und angetrieben. Denn die Wärmeenergie ist die Energiequelle für diese Stürme. Deswegen gibt es tropische Wirbelstürme erst ab 26 Grad Celsius Wassertemperatur und nicht etwa hier bei uns. Auch in den Tropen gibt es sie nur im warmen halben Jahr. Wenn es noch wärmer wird, steigt die potenzielle Intensität, das ist die maximale Windgeschwindigkeit, die ein solcher Sturm erreichen kann. Sie liegt umso höher, je wärmer die Meerestemperaturen sind. Das kann man aus einer thermodynamischen Gleichung errechnen.

Dieses Jahr ist reich an Wetterrekorden. Der Monsun in Indien und Nepal hat ebenfalls Rekordausmaße erreicht. Gibt es auch da einen Klimazusammenhang?
Sowohl die tropischen Wirbelstürme als auch der Monsun sind komplexe Vorgänge, die von Jahr zu Jahr stark schwanken können. Das sind natürliche Wetterschwankungen. Aber es gibt darunterliegende physikalische Prinzipien, die die langfristigen Trends mit erklären können. Ein Grundprinzip ist, dass eine warme Atmosphäre mehr Feuchtigkeit aufnehmen und dann auch abregnen kann. Deshalb erwartet man in einem wärmeren Klima stärkere Extremregenereignisse. Tatsächlich haben wir vor einigen Jahren am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK) eine weltweite Auswertung von Niederschlagsdaten gemacht und festgestellt, dass die Anzahl der Tagesrekorde in den vergangenen Jahrzehnten bei den Niederschlägen weltweit signifikant zugenommen hat.

Das haben wir in diesem Sommer auch in der Region Berlin-Brandenburg erlebt.

Stefan Rahmstorf, 57, erforscht am Potsdam Institut für Klimawandel seit 1996 die Rolle der Meere im Klimasystem. Er gehört zu den führenden Klimaforschern in Deutschland.
Stefan Rahmstorf, 57, erforscht am Potsdam Institut für Klimawandel seit 1996 die Rolle der Meere im Klimasystem. Er gehört zu...Foto: Uwe Zucchi/picture alliance / dpa

Das haben wir in diesem Sommer in Oranienburg erlebt, und das hat ja auch in Berlin zu Überschwemmungen geführt. Das unterstützt natürlich auch den Niederschlagsrekord beim Tropensturm Harvey. Und das wirkt sich beim Monsun in Indien aus. Beim Monsun spielt noch ein weiterer Effekt eine Rolle.

Welcher ist das?
Wenn man sich anschaut: Was treibt die Monsunregenfälle an, dann entstehen die aus dem Kontrast zwischen dem warmen Land und dem kühleren Meer im Sommer. Dadurch steigt die warme Luft über dem Land auf und saugt die feuchtigkeitsgesättigte Luft über das Land. Das ist der gleiche Effekt wie die Seebrise von der Küste im Tagesverlauf. Aber dieser Land-Meer-Kontrast verstärkt sich durch die globale Erwärmung, weil sich die Landmassen rascher erwärmen als die Meere. Deswegen - und auch weil die Modellrechnungen das so zeigen - hat der Weltklimarat IPCC in seinem fünften Sachstandsbericht zunehmende Monsunintensität als Folge der globalen Erwärmung vorhergesagt.

Auch in der Arktis reiht sich in diesem Jahr Wetterrekord an Wetterrekord. Beobachten wir da das Klima im Wandel?

Absolut. Und die Arktis wandelt sich rascher als der Rest der Welt, weil dort ein Verstärkungseffekt auftritt, nämlich die abnehmende Schnee- und Eisbedeckung. Dadurch wird vor allem im Sommer mehr Sonnenstrahlung absorbiert und nicht ins All zurückgespiegelt. Das ist ein Effekt, den wir seit Jahrzehnten beobachten. Generell ist es so, dass wir als Klimaforscher gerne auf die Langzeittrends schauen. Die Medien müssen über aktuelle Ereignisse berichten. Aber Wetterereignisse haben natürlich eine starke Zufallskomponente. Man muss also nicht unbedingt damit rechnen, dass es im kommenden Jahr wieder genausviele Wirbelstürme geben wird. Aber wenn diese Zufallsschwankungen und der darunter liegende Langzeittrend in die gleiche Richtung zeigen, dann bekommt man neue Rekordereignisse, wie wir das immer öfter erleben.

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