Krankenhausreport : Immer mehr Operationen wegen Fettleibigkeit

In Deutschland steigt nicht nur die Zahl der Fettleibigen. Sie lassen sich auch immer häufiger operieren. Krankenkassenexperten finden das bedenklich.

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Zu viel auf den Rippen. Immer mehr Deutsche leiden unter Fettleibigkeit. Foto: dpa
Zu viel auf den Rippen. Immer mehr Deutsche leiden unter Fettleibigkeit.Foto: dpa

In Deutschland leiden immer mehr Menschen an krankhaftem Übergewicht. Nach Mikrozensus-Umfragen stieg die Adipositas-Rate zwischen 2003 und 2013 von 12,9 auf 15,7 Prozent – ein Anstieg um 22 Prozent. Messwerten des Robert-Koch-Instituts zufolge sind hierzulande sogar 23 Prozent der Männer und 24 Prozent der Frauen betroffen. Im Osten ist Fettleibigkeit deutlich stärker verbreitet als im Westen, auf den höchsten Anteil kommen 60- bis 70-Jährige. 2014 ließen sich gut sieben Millionen Menschen deshalb von Ärzten behandeln – das waren 14 Prozent mehr als noch acht Jahre vorher. Und die Zahl der Operationen zur Gewichtsreduktion hat sich im selben Zeitraum verfünffacht. Sie belief sich auf 9225 Eingriffe.

150 Prozent höhere Gesundheitsausgaben

Das alles geht aus dem aktuellen Krankenhausreport der Barmer GEK vor, den die Kasse am Mittwoch in Berlin präsentierte. Fettleibigkeit sei zu einem gesellschaftlichen Problem geworden, sagte Studienautor Boris Augurzky vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung. Adipöse (laut Definition mit einem Body-Mass-Index von mindestens 30) litten nicht nur unter ihrer Krankheit und kämen deutlich früher zu Tode. Sie verursachten auch bis zu 150 Prozent höhere Gesundheitsausgaben als Normalgewichtige.

Schon im Jahr 2008 betrugen die direkten Krankheitskosten durch Adipositas und Folgeerkrankungen 8,6 Milliarden Euro. Das entspricht mehr als drei Prozent der Gesamtausgaben im deutschen Gesundheitssystem.

"Auf dem Sofa kann man nicht abnehmen"

Doch was tun? Adipositas sei vorwiegend selbst verursacht, sagt Augurzky. Die Gründe lägen, auch wenn genetische Faktoren hinzukämen, in falschem Essen und zu wenig Bewegung. Samt fehlender Einsicht. Je geringer das Bildungsniveau und das Einkommen, so lässt sich belegen, desto höher das Risiko. Daher seien Ernährungs-, Bewegungs und Verhaltenstherapien bei der Behandlung erste Wahl. „Auf dem Sofa kann man nicht abnehmen“, bringt es Barmer-Vorstandschef Christoph Straub auf den Punkt. Und warnt vor dem Trugschluss, das Problem einfach wegoperieren zu können.

Was so genannte bariatrische Eingriffe – also die operative Verengung oder Verkleinerung von Magen und Darm – betrifft, sieht der Kassenchef nämlich einen bedenklichen Trend: Es werden immer mehr. Derartige Eingriffe dürften, da sie sehr riskant seien, „nur die Ultima Ratio sein“, mahnt er. Von 1000 Operierten kämen immerhin 40 zu Tode, und in den ersten vier Jahren danach liege die Sterberate um 7,7 Prozent höher als bei Nichtoperierten. Zudem litten Patienten nach dem Eingriff öfter unter Folgekomplikationen, wie Gallensteinen, Verdauungserkrankungen, Eingeweidebrüchen. Viele müssten sich lebenslang weiter behandeln lassen.

Tendenz zu immer mehr Eingriffen

Auch ökonomisch sei die steigende Zahl von Adipositas-Operationen bedenklich, so Augurzky. Würden sich alle mit einem Body-Mass-Index von 40 und mehr unters Messer begeben, entstünden den gesetzlichen Kassen kurzfristig Zusatzkosten von rund 14,4 Milliarden Euro, rechnete er vor. Dies sei umso bedenklicher, als derartige Eingriffe für Kliniken lukrativ seien „und daher die Tendenz zu immer mehr Eingriffen besteht“.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft wies das zurück. Es sei „unredlich, aus dem Anstieg der bariatrischen Operationen den Kliniken die Erbringung unnötiger Operationen zu unterstellen“, sagte Geschäftsführer Georg Baum. Operative Eingriffe seien „immer die letzte Möglichkeit in der Behandlungskette“. Erst wenn alle anderen Versuche einer Gewichtsreduktion wiederholt gescheitert seien, kämen sie in Betracht.

Krankenhäuser fühlen sich diffamiert

Die Kliniken hielten sich streng an die Leitlinien der Deutschen Adipositas-Gesellschaft und anderer medizinischer Fachgesellschaften, so Baum. „Statt die Krankenhäuser pauschal zu diffamieren, sollte die Barmer GEK vielmehr darüber nachdenken, ob nicht eine neue Sicht auf das Krankheitsbild Übergewicht und die Behandlungsmöglichkeiten erforderlich ist.“

Straub dagegen führte ins Feld, dass Adipositas-Operationen inzwischen bundesweit an 350 Krankenhäusern angeboten werden. Zertifiziert für derartige Eingriffe seien jedoch nur 44 Kliniken. Da dort die Komplikationsrate geringer und auch das Sterberisiko um 15 Prozent reduziert sei, riet der Kassenchef allen, bei denen eine bariatrische Operation unvermeidbar sei, sie einem derart qualitätsgeprüften Zentrum vornehmen zu lassen.

Netter Nebeneffekt: Die Operationskosten sind in solchen Zentren pro Patient auch um 3800 Euro niedriger als in nicht zertifizierten Häusern.

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