Kühnes Londoner Flughafenprojekt : Absage an "Boris Island"

Eine Expertenkommission lehnt das kühne Flughafenprojekt von Londons Bürgermeister Johnson in der Themse ab - doch der will nicht aufgeben..

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Der zentrumsnahe Flughafen Heathrow ist mittlerweile völlig überfordert.
Der zentrumsnahe Flughafen Heathrow ist mittlerweile völlig überfordert.Foto: AFP

Die britische Flughafenkommission hat ihre Daumen über den ehrgeizigsten Plan des Londoner Bürgermeisters Boris Johnson gesenkt: „Boris Island“, wie der brandneue Traumflughafen in der Themsebucht von den Londonern genannt wird, sei zu teuer und zu riskant. Doch Johnson gibt nicht nach. „Mein Plan ist keineswegs gestorben“, sagte der Bürgermeister am Dienstag trotzig. Mit ihrer „kurzsichtigen Entscheidung“ habe die Kommission die Debatte „um ein halbes Jahrhundert zurückgeworfen“, beklagte er, aber das letzte Wort sei noch nicht gesprochen.

Bei der kommenden Unterhauswahl will Bürgermeister Johnson in die nationale Politik zurückkehren und im Parlament für seinen Plan weiter kämpfen. Und wer weiß, vielleicht wird er eines Tages als Premierminister noch der Oberentscheider. Seit 50 Jahren werde um Heathrow und Londons Flughäfen gestritten, sagte er. Auch der neue Bericht werde Staub ansammeln wie so viele vor ihm. Solche Entscheidungen müssten von weitsichtigen Politikern, nicht von „grauen, kleinmütigen Beamten“ getroffen werden, räsonierte Johnson.

Auf der Isle of Grain, einem verlorenen, nur von Gaskesseln und Seevögeln besuchten Fleckchen an der südlichen Themsebucht, will Johnson den von den Architekten Foster & Partners entwickelten Großflughafen mit sechs Landebahnen und 24 Stunden Betrieb und der vielfachen Kapazität der überlasteten Flugdrehscheibe Heathrow bauen. Aber die eigentliche Chance sieht Johnson darin, dass die ganze Verkehrsstruktur der Stadt „umgedreht“ würde, mit neuen Verbindungen in den Ostens Londons. Heathrow würde langfristig geschlossen und Platz für dringend benötigten Siedlungsbau schaffen.

„Zu riskant“, urteilte nun die von Wirtschaftsprofessor Howard Davies geleitete Kommission und äußerte „ernsthafte Zweifel an der Machbarkeit und Operationsfähigkeit eines solchen Flughafens“. Sogar die billigste Lösung würde bis 90Milliarden Pfund kosten (114 Milliarden Euro). Die Störungen der Wirtschaftsabläufe wären „riesig“; umwelttechnische Hürden wären „nur langsam oder gar nicht zu überwinden“. Allein die Umsiedlung der Vogelkolonien würde zwei Milliarden Pfund kosten.

Die Kommission dachte nicht langfristig

Allerdings gab die Kommission auch zu, dass ihr Tempo und Machbarkeit wichtiger sind als langfristige Überlegungen: Ihr Entscheidungshorizont geht nur bis 2030. Auch über eine neue Landebahn, entweder in Heathrow oder in Gatwick, hinauszudenken, hält sie für zu riskant. Auch soll die Kommission nur eine Empfehlung abgeben – im Juni 2015, nach der Wahl. Denn ihre eigentliche Funktion war es, den seit Jahren tobenden Kampf um Heathrow auf die lange Bank zu schieben.

Schnelle Machbarkeit – oder die Korrektur eines laut Johnson vor einem halben Jahrhundert mit dem Bau von Heathrow begangenen Planungsfehlers, das ist die Alternative, vor der London steht. „Wir waren nie überzeugt, dass die Themsebucht ein bezahlbarer oder für die Mehrheit ihrer Kunden praktischer Ort wäre“, kommentierte der Interessenverband der britischen Luftlinien, Baruk. Der Wirtschaftsverband CBI warnte angesichts drängender Kapazitätsprobleme: „Wir brauchen 2020 den ersten Spatenstich.“

Da setzt Johnsons schlagendstes Argument an. Denn so bequem Flugreisende den extrem stadtnahen Flughafen Heathrow finden – die Westlondoner lehnen ihn ab, erst recht Umweltgruppen, die am liebsten Kapazitäten abbauen würden. „Eine dritte Landebahn für Heathrow ist politisch nicht machbar“, warnt Johnson deshalb. Seine Tory-Partei versprach bei der vergangenen Wahl, Heathrow nicht auszubauen, das müsse so bleiben.

Millionen Westlondoner – auch im Wahlkreis Uxbridge, wo Johnson kandidieren will – leiden unter dem Fluglärm von Heathrow. Die Anflugroute führt mitten über die Stadt. Einige warnen: Wenn es einen Crash über London gebe, wie beinahe 2008, als der Flug BA39 den Airport Heathrow mit Bruchlandung gerade noch erreichte, wäre jede Erweiterung von Heathrow vom Tisch.

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