Ladybeard : Bärtiger Mann Sieger in Japans Frauenwrestling

Ein Crossdresser aus Australien ist in Japan Champion im Frauenwrestling geworden. Ladybeard nimmt die klassischen Geschlechterrollen aufs Korn und trifft damit den Nerv vieler Menschen im Land.

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Spiel mit den Rollen. Der bärtige Muskelmann Richard Magarey, der sich Ladybeard nennt, facht die Debatten der verunsicherten Gesellschaft weiter an.
Spiel mit den Rollen. Der bärtige Muskelmann Richard M., der sich Ladybeard nennt, facht die Debatten der verunsicherten...Foto: promo/Ladybeard

Die schmächtige Frau liegt am Boden und windet sich, plötzlich sieht sie nur noch, wie sich zwei große Füße auf je einer Seite ihres Kopfes aufstellen. Einen Moment später kniet die Gegnerin nieder, und presst sich auf sie. Cherry, die Liegende, wird ausgezählt. Der Spezialgriff „Nutcracker“ von Ladybeard, Cherrys heute übermächtiger Herausforderin, geht einen Schritt zu weit. Der Kampf ist aus, Cherry bleibt regungslos auf dem Boden, Ladybeard springt triumphal auf. Sie bekommt den Championgürtel überreicht, der vor dem Kampf noch zu Cherry gehörte.

Die Halle tobt. Jeder weiß, dass sich irgendwie gerade Historisches ereignet. Denn seit jenem Titelkampf in der „Pro Wrestling Union“, einer japanischen Profiwrestlingliga, hat nicht bloß Ladybeard erstmals einen Championgürtel gewonnen. Es ist auch das erste Mal, dass ein biologischer Mann diesen Titel hält. Denn Ladybeard sieht so aus, wie der Name klingt: ein bulliger Körper, haarige Brust, Vollbart – aber dazu ein pinkweißer Bikini. Der wohl bekannteste Crossdresser Japans, der Kleidung des anderen Geschlechts trägt, ist offiziell zum Sieger in der Frauenliga geworden.

Gewissermaßen ist er das aber schon eine Weile. Seit der Australier Richard M. als Ladybeard im vergangenen Jahr nach Japan gekommen ist, ist er schnell zu einer der beliebtesten Wrestlingfiguren Japans aufgestiegen. Das war lange vor der Zeit, als Conchita Wurst mit einem ähnlichen Konzept in Europa den Eurovision Song Contest aufmischte und die ebenfalls bärtige Dragqueen, hinter der der Österreicher Tom Neuwirth steckt, auch international für Furore und erhitzte Debatten sorgte. Die Türkei boykottiert deshalb des ESC und die Russen toben vor Wut. Aber auch in Westeuropa gibt es eine Debatte, ob das Geschlecht angeboren oder anerzogen ist.

Im Kaiserreich Japan tritt Ladybeard regelmäßig in Talkshows auf und gibt Interviews, auf Facebook hat er tausende Fans. „Meine Rolle funktioniert hier echt gut“, sagt Ladybeard in ungewohnt entspannter, dunkler Stimme. Außerhalb des Rings, auf einer Straße im Tokioter Stadtzentrum, streift er sich auch nicht bemüht lasziv durch sein volles, braunes Haar. Aber über seine Reize weiß er Bescheid. „Ich biete dem Publikum einen Charakter, der die Geschlechterrollen hinterfragt. Das amüsiert die Leute.“

Ladybeard bricht mit den Geschlechterrollen

Wrestling gehört zu den beliebtesten Unterhaltungsarten in Japan. Mehrere Profiligen gibt es, die meisten, darunter auch jene von Ladybeard, werden im Fernsehen übertragen. Und in der Regel sind die Charaktere überzeichnete Ideale der Geschlechter. Die Männer sind entweder extravagante Akrobaten oder muskelbepackte Giganten. Die Frauen, von denen es deutlich weniger gibt, zeigen oft viel Haut ihrer sehr weiblichen Körper. Ladybeard bricht mit diesem Standard, und tut dies in einer Zeit, als in Japan mehr denn je über traditionelle Geschlechterrollen diskutiert wird.

Ähnliches Konzept. Conchita Wurst, Siegerin beim Eurovision Song Contest.
Ähnliches Konzept. Conchita Wurst, Siegerin beim Eurovision Song Contest.Foto: dpa

Erst vor einer Woche kam wieder eine Debatte über die Aufgaben der Frau in Japans Gesellschaft auf. Als eine junge Abgeordnete in Tokios Lokalparlament bessere Betreuungsmöglichkeiten für Kinder gefordert hatte, hagelte es Zwischenrufe männlicher Parlamentarier wie: „Kannst du etwa keine Kinder bekommen?“, oder: „Warum bist du nicht verheiratet?“ Medien berichteten über den Fall so groß, dass sich einer der vorlauten Herren öffentlich entschuldigen musste.

Über das Thema wurde auch deshalb tagelang berichtet, weil sich viele Menschen in Japans Gesellschaft seit langem unwohl mit den Geschlechterrollen fühlen. Der Anteil von Frauen, die in den Arbeitsmarkt integriert sind, ist mit 60 Prozent deutlich geringer als der Durchschnitt der Industrieländer. Die Kindererziehung ist traditionell Frauensache, in Frauenmagazinen müssen Anleitungen zur Führung der Haushaltskasse stehen. Und junge Frauen folgen auch heute oft dem Ideal einer niedlichen, in vielerlei Hinsicht dem Mann dienenden Schönheit, obwohl gleichzeitig immer mehr von ihnen Karriere machen wollen.

Ladybeard im Bikini

Ladybeard, der haarige Bulle im Bikini, der sich neben seinen Wrestlingshows noch einen Namen macht, indem er asiatische Popsongs als Metalversionen covert und damit auftritt, hält den Japanern durch seine bloße Existenz den Spiegel vor. Dass er zudem den Frauenversteher geben kann, sei seiner Beliebtheit nicht abträglich, glaubt er: „Ich kenne ja die Situation, wenn man mir unter den Rock gucken will. Ich weiß auch, wie eng so ein Bikinihöschen ist. Obwohl ich in die asiatischen Größen sowieso nicht reinpasse und alles maßschneidern lasse.“ Frauen könne er inspirieren, auch eine klassisch männliche Rolle zu leben, die bei Ladybeard unübersehbar ist.

Als dieser letzte Woche gegen die ebenfalls beliebte Cherry kämpfte, die eher wie ein klassisches, süßes Mädchen daherkommt, feuerte die Mehrzahl Ladybeard an. Er war positiv überrascht: „Die lautesten Fans waren junge Frauen.“ Und viele sahen eher aus wie die zarte Cherry.

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