Welt : Lolle rast

Alle kennen sie als Berliner Gör – jetzt kommt die Schauspielerin Felicitas Woll mit „Abgefahren“ ins Kino

Rüdiger Suchsland

Nein, von „Lolle" soll hier nicht schon wieder die Rede sein. Oder nur ein bisschen. Ganz kommt man, wenn es um Felicitas Woll geht, nämlich nicht um ihre Hauptrolle in der derzeitigen TV-Serie „Berlin, Berlin" herum, die sie mehr als jede andere bekannt gemacht hat. „Noch habe ich keine Angst, festgelegt zu werden, fühle mich sehr frei. Doch diese Lolle-Zeit ist mit ihrem Erfolg so extrem für mich, das wird sich wieder ändern", sagt sie im Gespräch. Aber nicht so bald, schließlich dreht Felicitas Woll demnächst die vierte Staffel. Sogar den Grimme-Preis hat sie für die Lolle bekommen: Ein nettes Mädchen, das nicht erwachsen werden will, und nicht auf den Mund gefallen ist. „Ich habe mich schon gefragt: Steht mir so ein Preis überhaupt zu? Andere warten da 40 Jahre drauf." Eigentlich sieht sie sich ja noch als Lernende. „Ich will etwas ausprobieren. Mit wirklichen Herausforderungen hatte ich es ja noch nicht zu tun. Meine Rollen waren bisher immer leicht."

Frisch und burschikos

Felicitas Woll muss nicht demonstrieren, dass sie wichtig ist. Darin, in ihrer Natürlichkeit, der Coolness, mit der sie die Dinge angeht, ähnelt sie schon ihrer populärsten Rolle. Der sonstige Eindruck: Frisch. Burschikos. Was noch durch ihre kurzen Haare, die lebendigen grünen Augen verstärkt wird. Nicht immer auf dem Sprung, aber wach. Und dann überraschenderweise doch irgendwie damenhaft. Es liegt etwas Bestimmtes, Kontrolliertes, natürlich-selbstbewusstes in der Art, wie sie redet, das Felicitas Woll für ihr Alter reifer wirken lässt. Wenn man nicht dieses wirklich noch junge Gesicht vor sich sähe – sie könnte ganz locker auch eine Oberschülerin spielen –, wenn man nur ihre Stimme hörte, könnte man die gerade mal 24-Jährige auch für 28 oder 30 halten. Klar und tief klingt sie. Und man kann sich vorstellen, dass Felicitas Woll in zehn, fünfzehn Jahren auch einen wunderbaren Vamp abgeben könnte, eine lebenserfahrene und eben sehr damenhafte Femme Fatale, mit dunkler, rauchiger Stimme.

Aber noch ist es nicht soweit. Gerade ist Woll auf Kinotour. Gemeinsam mit Kollegen „promotet" sie Jakob Schäuffelens Film „Abgefahren", der am Donnerstag in die Kinos kommt, und in dem sie die Hauptrolle spielt. Einen Abend Kassel, am nächsten Abend Münster. Einsame Nächte in Provinzhotels, die sich zum Verwechseln ähnlich sehen, morgens Interviews, abends im Kino Flirten mit dem Publikum. „Das gehört zum Beruf dazu. Aber schon nach drei Tagen weiß man kaum noch, wo man gerade ist."

Auch „Abgefahren" ist keine von den „wirklichen Herausforderungen", auf die Felicitas Woll hofft. Wenn sie über den Film spricht, eine Teenie-Komödie über illegale Autorennen, spürt man, dass sie sich über dessen Qualitäten keine Illusionen macht. Und es ist sehr angenehm, dass sie es nicht nötig hat, hier irgendetwas als große Filmkunst zu verkaufen: „Ich hatte im Sommer einfach zwei Monate Zeit, und fand es schön, in einer anderen Stadt, in München, zu arbeiten. Ich hatte Lust, einmal ganz viel Auto zu fahren, und mitzubekommen, wie solche Auto-Stunts überhaupt gemacht werden."

Aber ihr hat auch gefallen, dass da eine junge Frau nicht nur Männer im Kopf hat, dass da jemand selbstbewusst um ein Ziel kämpft. Ist es dass, wonach sie sich ihre Rollen aussucht? Ihre freie Zeit verbringt Woll, die übrigens keinen Freund hat, wie sie erzählt – „ich bin als Single ganz glücklich. Aber auch mit dem Alleinsein muss ich lernen, umzugehen" –, unter anderem gern mit Drehbüchern und der Suche nach einem guten Part. „Herzklopfen" muss sie beim Lesen haben, das „Bauchgefühl". „Ich will arbeiten, Grenzen austesten, Frauen spielen, die kraftvoll sind oder vollkommen zerstört. Man muss nicht über 30 sein, um eine zu spielen, der wirklich etwas passiert ist."

Was gibt einer 24-Jährigen, die nie eine Schauspielschule besucht hat, eigentlich die Sicherheit, dass sie das alles überhaupt kann? Früher hat sie sich das auch gefragt. „Oh je, diese ersten Jahre. Ich war sehr unsicher bei den Drehs, wusste nichts." Ab und zu hat sie sich dann an früher erinnert: Ihre Kindheit in Nordhessen, mit sieben Geschwistern, drei älter, vier jünger. Noch heute nennt sie dies ihr Zuhause, in das sie zwischen den Drehs auch immer wieder zurückkehrt. „Ich habe schon als kleines Mädchen meinen Eltern und Geschwistern immer gern etwas vorgespielt. Ein gutes Training." Das etwaige Unsicherheiten zum Verschwinden bringt. „Ich weiß, dass ich etwas kann, dass ich es aber auch tatsächlich tun muss." Vielleicht hat Felicitas Woll für die Zukunft noch ein paar Überraschungen parat.

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