Welt : Luftschlauch im Magen

Thomas Roser

Seit den Enthüllungen über den einträglichen Leichenhandel von Rettungsärzten mit Bestattungsunternehmen seien seine Mitarbeiter "vulgären" Telefonaten ausgesetzt, sagt Boguslaw Tyka, der Direktor der Lodzer Notfallzentrale. Rettungswagen wurden in den letzten Tagen mit Hakenkreuzen beschmiert und mit Steinen beworfen.

Immer höher wogt in Polen die Welle der Empörung über den Skandal, der das Land seit vergangener Woche in Atem hält. Zehn Jahre lang sollen korrupte Rettungsärzte und Sanitäter in Lodz Schmiergelder bis zu 500 Euro für jeden toten Patienten von Bestattungsunternehmen für ihre "Kundenvermittlung" kassiert, möglicherweise Patienten mit tödlichen Narkosedosen gar ums Leben gebracht haben.

Sieben Verdächtige hat die Polizei inzwischen vorläufig festnehmen lassen, gegen zwei Ärzte hat der Haftrichter wegen des Verdachts der Korruption einen Haftbefehl verhängt: Wegen Mord wird gegen sie allerdings nicht ermittelt. "Der Engel des Todes und Dr. Mengele sind verhaftet," titelte am Montag die Tageszeitung "Rzespospolita". Details über die Inhaftierten verweigert jedoch der Lodzer Polizeisprecher Jaroslaw Berger mit dem Hinweis "auf die laufenden Ermittlungen". 2500 Zeugen werden nach Berichten der heimischen Presse in den nächsten Wochen noch verhört: Einige sollen den Ermittlern bereits über die Ermordung von Patienten durch Rettungsärzte berichtet haben.

Einen "Schlüsselzeugen" präsentierte die "Gazeta Wyborcza" ihren Lesern am Montag an. Der nicht näher umschriebene Informant schildert gegenüber der Zeitung den Fall eines in Lebensgefahr schwebenden Patienten, den eine Rettungscrew bewusst ersticken ließ. "Der Sanitäter rammte dem Patienten einen Luftschlauch in den Schlund, allerdings nicht um ihn zu reanimieren", so der Zeuge. Der Sanitäter habe den Schlauch bis in den Magen gestoßen: "Der Patient erbrach sich und erstickte an seinem Erbrochenen." Einem anwesendem Angehörigen habe der Sanitäter daraufhin ein Bestattungsunternehmen vorgeschlagen: "Der Arzt stand die ganze Zeit daneben, schaute nur zu, griff nicht ein."

Doch nicht nur die Rettungsärzte von Lodz, sondern Polens Ärztestand an sich hat der Skandal um den Leichenhandel ins Gerede gebracht. Außer in Lodz sollen auch in anderen Städten Klinikärzte gegen Geld Bestattungsunternehmen Kunden vermittelt haben. Ihr Gehalt von 1000 Zloty (280 Euro) macht Ärzte oft nicht nur für kleine Präsente wie Wodka oder Whiskey-Flaschen, sondern auch dezent überreichte Umschläge empfänglich: Es gilt als offenes Geheimnis in Polen, dass ein Obulus für die schlecht bezahlten Ärzte und Krankenschwestern die Behandlung verbessert und das Warten auf Operationstermine verkürzt.

Er könne und wolle nicht glauben, sagt zum Beispiel der Warschauer Arzt Mariusz Gujski, dass Ärzte ihre Patienten ermordet haben könnten. Doch es sei ein "Warnsignal", dass die Annahme von Geschenken inzwischen gebräuchlich sei, auch unbestechliche Ärzte die Geschäfte ihrer Kollegen tolerierten: "Wir müssen die schwarzen Schafe aus unseren Reihen entfernen", sagt Gujski.

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