Made by Refugee : Erfinder dieser Welt - viele waren Flüchtlinge

Migranten haben etliche Erfindungen gemacht - daran wollen zwei Designstudenten mit einem Projekt erinnern. Mit Postern und Stickern klären sie auf - über Potentiale, die hinter Vorurteilen schlummern.

Die ersten zehn Poster, die Quan ausgedruckt hat. Sie hängen in New York City an einer Mauer.
Die ersten zehn Poster, die Quan ausgedruckt hat. Sie hängen in New York City an einer Mauer.Foto: Kien Quan/facebook/MadeByRefugee

Diese Formel dürfte jedem bekannt sein: E = m · c². Was sie im Detail bedeutet vielleicht weniger. Albert Einsteins Relativitätstheorie revolutionierte unser Verständnis von Raum und Zeit grundlegend. Jetzt wurde sie von zwei US-amerikanischen Studenten in einen neuen Zusammenhang gesetzt – mit einem einfachen Aufkleber. „Made by refugee“, „Von einem Flüchtling gemacht“, steht unter dem Hinweisschild „Wissenschaft & Mathematik“ einer New Yorker Bibliothek neben der berühmten Einstein’schen Formel. Der 26-jährige Kien Quan hat die Aufschrift dort hingeklebt. Einstein war deutscher Jude. Nach Hitlers Machtergreifung 1933 ließ er seinen deutschen Pass zurück und ging in die USA.

„Egal, wie du über Flüchtlinge denkst. Die Wahrheit ist: Die meisten Menschen, die in Industriestaaten leben, benutzen Produkte, die Flüchtlinge erfunden haben“, sagt Quan. Für die Relativitätstheorie gilt das natürlich sogar über die Grenzen der reichen Industriestaaten hinaus. Das Projekt „Made by refugee“ ist ursprünglich nicht mehr gewesen als eine Designidee. Quan und seine 24-jährige Kollegin Jillian Young studieren beide an der Miami Ad School, allerdings an unterschiedlichen Standorten. Quan in New York, Young in Hamburg. Bei einem Seminar trafen sie in New York aufeinander und entwickelten die Idee. „Wie das jetzt sogar bis nach Berlin gekommen ist – keine Ahnung“, sagt Quan.

Asiatische Chili-Soße gab den Anstoß

Angestoßen worden sei alles mit dem Hype um die „Sriracha“-Soße. Das ist eine Art vietnamesischer Chili-Ketchup. Auch in Europa kennt man die Soße aus dem Restaurant oder dem Asia-Markt. „Wenn vietnamesische Flüchtlinge nicht in den 1970er Jahren nach Amerika gekommen wären, könnten wir heute nicht für diese Wahnsinns-Soße schwärmen“, scherzten Quan und Young. Quans Familie kommt ursprünglich ebenfalls aus Vietnam. Die Familienmitglieder der älteren Generation, wie er erzählt, seien auch Flüchtlinge gewesen. Das Projekt hatte also für ihn auch eine persönliche Note. So machten er und Young sich auf die Suche nach noch mehr Produkten von Flüchtlingen.

Sie fanden etliche und wurden überrascht. Von der Geschichte des Alexander Issigonis zum Beispiel. Issigonis war gebürtiger Grieche, geboren 1906 in Smyrna, heute Izmir in der Türkei. Er musste mit seiner Familie vor den Massakern an Griechen im Osmanischen Reich auf einem britischen Schiff nach England fliehen. Sein Vater starb auf der Überfahrt. Ähnliche Schicksale gibt es auch heute täglich. Aus Alexander Issigonis wurde in England schließlich Alec Issigonis, der zum Sir geadelt wurde, nachdem er als Automobil-Ingenieur den Mini entwickelt hatte.

Freddie Mercury von der Band Queen? Ein Flüchtling.

Auch die Geschichte von Carl Djerassi hat mit Flucht zu tun. Der 1923 in Wien geborene Bulgare entstammte einer jüdischen Familie. 1939 wanderte er in die USA aus, um dort etwas später als angesehener Chemiker mit der „Pille“ die Empfängnisverhütung zu revolutionieren.

Fans der Band „Queen“ ist es natürlich bekannt, für die jungen Design-Studenten war sie erstaunlich: die Geschichte Freddie Mercurys, der als Farrokh Bulsara im Sultanat Sansibar in einer aus Indien stammenden parsischen Familie geboren wurde. Mercury war der Sohn eines britischen Regierungsangestellten. Nachdem Sansibar 1963 von der britischen Kolonialherrschaft unabhängig wurde, kam es zu einer gewaltsamen Revolution gegen den Sultan. Die Familie flüchtete nach London. Und aus Farrokh, „Freddie“, Bulsara wurde Freddie Mercury.

„Wir haben vergessen, welche weitreichenden Veränderungen Flüchtlinge geschaffen haben“, heißt es in dem Youtube-Video von Quan. Daran wollen die beiden Studenten erinnern. Also haben sie zunächst zehn Poster gedruckt, und über hundert Aufkleber. Die Farbe Orange haben sie gewählt, da dies die Farbe der Flüchtlings-Nationalflagge ist. Orange, die Farbe von Rettungswesten. Jetzt fordern Quan und Young die Menschen auf der ganzen Welt auf, sich die Sticker selbst auszudrucken und ebenfalls zu verteilen – und beispielsweise auf Bob Marley-Platten zu kleben. Oder auf die Bibel. Schließlich ist auch Jesus ein Flüchtling gewesen.

www.facebook.com/MadeByRefugee

Mehr lesen? Jetzt gratis E-Paper testen!

Autor

11 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben