Welt : Made in China

Die Meister der Kopierkunst kommen zu Besuch nach Hallstatt (Original), in Guangdong wird schon gebaut

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Schwer imitierbar. Hallstatt am Ufer des Hallstätter Sees im Salzkammergut. Foto: imago
Schwer imitierbar. Hallstatt am Ufer des Hallstätter Sees im Salzkammergut. Foto: imagoFoto: IMAGO

Die Arbeiten haben bereits begonnen. Seit April graben und schachten hier im Kreis Boluo, Teil der 4-Millionen-Einwohner-Stadt Huizhou, Maschinen und Bauarbeiter. Fundamente müssen gelegt, eine tiefe Senke ausgehoben werden. Ein neuer Ort wird hier entstehen, auch ein kleiner See. Wenn auch noch etwas kleiner als das Original. In rund sechs Jahren, so die Planung der chinesischen Bauherren, soll die Wohnanlage fertiggestellt sein. Die Kosten belaufen sich auf sechs Milliarden Yuan (657 Millionen Euro). Die Chinesen lassen sich ihre Meisterkopien etwas kosten.

Manche Konzepte sind offenbar zu erfolgreich, Dörfer zu schön, als dass chinesische Unternehmen darauf verzichten könnten, sie zu übernehmen. So steht nicht nur in der südchinesischen Stadt Kunming ein Möbelhaus, das sowohl die Geschäftsidee und das Design von IKEA übernommen, als sich auch beim Namen des schwedischen Unternehmens bedient hat. „Yi Jia Jia Ju“ heißt IKEA auf chinesisch, die Kopie „Shi Yi Jia Ju“. Ebenfalls in Kunming ließ die Stadt gerade zwei illegale Apple-Stores schließen, nachdem ausländische Medien über die Kopien berichtet hatten. Und so überraschte im Juni auch das österreichische Hallstatt, UNESCO-Weltkulturerbe im Salzkammergut, die Nachricht, ihr Dorf würde ein zweites mal gebaut, diesmal in China. Samt Kirche und einer nicht maßstabgetreuen Version des Hallstätter Sees.

„Wukuang Hashitate“ heißt das Bauprojekt in der südchinesischen Provinz Guangdong, in dem jetzt Luxuswohnanlagen für reiche Chinesen entstehen sollen. „Hashitate“ ist der chinesische Name für Hallstatt, Wukuang die Abkürzung des ausführenden Staatsunternehmens „China Minmetals“. Ein Stahlkonzern, der neben seinem Hauptgeschäft auch auf dem Immobilienmarkt tätig ist. Über Monate hatten Mitarbeiter des Immobilienzweigs des Unternehmens offenbar heimlich Fotos und Daten des traditionsbewussten Ortes mit rund 900 Einwohnern gesammelt. Örtliche Stellen wurden zunächst nicht informiert.

Inzwischen ist man in Kontakt. Eine Delegation von „Minmetals“ wird in den nächsten Tagen in Hallstatt erwartet, um das Vorhaben Bürgermeister Alexander Scheutz vorzustellen. Im Vorfeld des Treffens beteuerte das Unternehmen nun im Gespräch mit dem Tagesspiegel, dass keine eins zu eins Abbildung Hallstatts entstehen soll. „Wir kopieren das Dorf nicht einfach. Wir bauen lediglich eine hochwertige Wohnanlage, die sich an der typisch österreichischen Architektur anlehnt“, sagte ein Pressesprecher von „Minmetals“. Einen ganzen Ort nachzubauen sei ohnehin nicht machbar, wiegelt das Unternehmen ab.

Eine allzu authentische Nachbildung Hallstatts in Südchina darf man wohl tatsächlich nicht erwarten. Die Region um Huizhou ist von Industrie geprägt, hohe Berge gibt es keine. Der Charme des geschichtsträchtigen österreichischen Ortes, umgeben von alpiner Szenerie, lässt sich gar nicht verpflanzen.

Und doch suchen chinesische Unternehmen immer wieder Inspiration im Westen, um Bauprojekte wie „Hashitate“ zu verwirklichen. So steht das Château de Maisons-Laffitte schon seit Jahren nicht mehr nur nahe Paris, sondern auch am Pekinger Stadtrand. Bei Schanghai findet man die „German Town Anting“, eine deutsche Kleinstadt inspiriert vom Bauhaus-Stil. Nachbildungen englischer Städtchen gibt es gleich zwei – in der Stadt Chengdu und bei Schanghai. Derartige Projekte heben sich von der vorherrschenden Einheitsarchitektur in den meisten Großstädten ab. Sie sind deshalb bei reichen Chinesen beliebt. Allerdings stoßen Chinas „europäische“ Dörfer schon lange nicht mehr nur auf Gegenliebe. „Chinesische Architekten haben den Unterschied zwischen Studieren und Kopieren offenbar nicht verstanden. Das ist nicht allein ein Problem der Architektur“, heißt es in einem Kommentar der englischsprachigen Staatszeitung „Global Times“. Kopien wie im Fall Hallstatt würden den Ruf Chinas als weltweites Zentrum für Nachahmungen nur verstärken. Solange ganze Dörfer kopiert, IKEA-Möbelhäuser oder Apple-Stores nachgebaut werden, wird sich daran vorerst nichts ändern.

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