Welt : Masern: Impfen oder nicht impfen

Jochen Nützel

Selbst die "London Times" war da. In Coburg nämlich. Mehr als 1000 Fälle von Masern in einer deutschen Kleinstadt seit November vergangenen Jahres sind für englische Verhältnisse "incredible", unglaublich. Statistisch gesehen argumentieren die Briten von sicherem Terrain aus: Gerademal 63 Masernfälle waren dort 2001 zu verzeichnen - landesweit. Auswirkung einer stolz propagierten 95-prozentigen Impfquote.

Zum Vergleich: Bundesweit sind drei von vier Bürgern geimpft. Jährlich stecken sich etwa 10 000 Kinder und Erwachsene an der hoch infektiösen Krankheit an; in Bayern gibt es nach Erhebungen der Krankenkassen die meisten Fälle - und die meisten Ungeimpften.

Bemüht man die Statistik weiter, so kommt noch eine andere Zahl ins Spiel: Auf 1000 Masernkranke kommt es zu einer Hirnentzündung - was bleibende Schäden, ja sogar den Tod zur Folge haben kann (siehe Infokasten). "Wir erwarten in Coburg tatsächlich den ersten Todesfall", sagt Heinz Schmitt, Vorsitzender der ständigen Impfkommission (STIKO) am Berliner Robert-Koch-Institut. Man könne "von Glück reden, dass noch kein Kind gestorben ist". Im Coburger Klinikum selbst liegen derzeit keine Patienten auf Station: Die rund 35 Kinder, die dort seit Beginn der Masernwelle behandelt werden mussten, konnten nach wenigen Tagen entlassen werden.

Wie aber kam es überhaupt zur Epidemie in Coburg? Nicht nur Schmitt macht in erster Linie zwei Coburger Kinderärzte verantwortlich, die auf Grund ihrer naturheilkundlich-homöopathischen Ausrichtung von jeglicher Impfung abgeraten haben sollen. Hart ins Gericht mit ihren Coburger Kollegen geht auch Waltraut Knipping, die Vorsitzende des Landesverbandes Bayern des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte: Sie spricht von einer "Verletzung der Sorgfaltspflicht"; besagte Mediziner würden mit ihrer angeblich strikten Weigerung die Richtlinien der deutschen Impfkommission missachten. Sie ist überzeugt: "Es wäre Aufgabe des Staates, diese Ärzte abzumahnen."

Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Bayern soll den Impfgegnern gegenüber mit Disziplinarmaßnahmen gedroht haben. Die für Coburg zuständige KV-Bezirksstelle Oberfranken möchte das nicht so drastisch formuliert wissen: "Die AOK Bayern hat uns auf die Problematik aufmerksam gemacht und uns gebeten, ein Gespräch mit den beiden Kinderärzten zu führen. Das haben wir anberaumt", drückt es Geschäftsführer Ludwig Frankenberger aus. Seitens der Krankenkasse verlautet, dass die KV "auf die Mediziner einwirken soll". Darüber hinaus gelte es, sukzessive eine 90- bis 95-prozentige Impfrate anzustreben, um die Erkrankung auszurotten. Allein im ersten Halbjahr 2001 habe die AOK Bayern landesweit knapp 100 000 Euro zahlen müssen für die stationäre Behandlung von Masernpatienten. Die Epidemie in Coburg sei logische Konsequenz, wenn die erforderlichen Schutzmaßnahmen unterblieben.

Starker Tobak, wie Karl Fromme, einer der beiden in die Schusslinie geratenen Kinderärzte, meint. "Die Diskussion wird unsachlich geführt", verteidigt er sich. "Immerhin besteht in Deutschland keine Impfpflicht." Nicht abzuschätzen seien nach seinem Dafürhalten die Risiken einer verpatzten Schutzimpfung, die ungleich schwerere Schäden nach sich ziehen könnte.

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