Mehr Deutsch, bitte : Max Raabe begeistert Israel

23.10.2010 22:50 UhrVon Fredy Gareis
Das alte Berlin als Sehnsuchtsort. Max Raabe lässt mit Liedern jüdischer Komponisten eine vergangene Epoche auferstehen. Foto: dapd
Das alte Berlin als Sehnsuchtsort. Max Raabe lässt mit Liedern jüdischer Komponisten eine vergangene Epoche auferstehen. - Foto: dapd

Deutsche Lieder aus dem alten Berlin in Israel? Minutenlang applaudiert das Publikum im Jerusalemer Theater. Bravo, Bravo. Viele der älteren Menschen, die an diesem Abend gekommen sind, fühlen sich an ihrer Jugend erinnert, haben Tränen in den Augen.

Max Raabe, der Mann mit Frack, Fliege und pomadisierten Haaren hat mit seinem Charme und seiner feinen Ironie das Publikum schnell auf seine Seite gezogen. Zum ersten Mal trat er mit seinem Palastorchester in Israel auf, gab Konzerte in Tel Aviv, Jerusalem und Haifa. „Eine besondere Tour“, sagt Max Raabe vor dem Jerusalemer Konzert im Gespräch, denn viele der Lieder, die sie spielen, sind Lieder jüdischer Komponisten aus den 20er und 30er Jahren. Darunter Mischa Spolinsky, Walter Juhrmann und Werner Richard Heymann. „Es ist ein schwarzes Kapitel“, sagt Max Raabe, bevor er auf die Bühne geht. „Hier aufzutreten hat eine ganz andere Dramatik.

Das ist nicht einfach – aber gleichzeitig aufregend.“ Das akkurate deutsche Auftreten des Orchesters eröffnet eine Zeitepoche, die verloren schien. Überallhin auf der ganzen Welt hat es das Orchester schon verschlagen, und jetzt, „endlich“, wie Max Raabe sagt, auch nach Israel.

Er betritt die Bühne und begrüßt sein Publikum auf hebräisch: „Erev Tov lekulam“ – Guten Abend alle zusammen. Im Frack steht er auf der Bühne, der 47-jährige, und schon nach ein paar Minuten fühlt sich das Publikum in die Vorkriegszeit versetzt. Der schwarze Humor und die teilweise frivolen Texte, sie werden begeistert aufgenommen.

„Immer, wenn wir im Ausland auftreten“, sagt Max Raabe, „gibt es diesen Moment der Irritation, wenn sich die Leute nicht sicher sind, ob wir das ernst meinen oder ironisch.“ Hier in Israel sei das besonders gefährlich, „aber die Menschen erkennen schnell, was das Orchester da auf der Bühne treibt“.

Raabe singt auch englische Lieder, aber der Großteil ist auf Deutsch. Klassiker wie „Mein kleiner grüner Kaktus“, „Marie“, „Abschiedskuss“ oder „Du bist meine Greta Garbo“.

Drei Damen in Reihe 10 singen jeden deutschen Text leise mit. Später sagen sie, dass sie sich gewünscht hätten, Max Raabe hätte mehr Deutsch gesprochen. Sie und andere fühlen sich in ihre Jugend versetzt, hören das Lied, zu dem sie sich verliebt haben. Sagen, dass es ihr schönster Abend in 40 Jahren war, dass sie den Klang der deutschen Sprache vermisst haben. Viele ältere Menschen hier im Jerusalemer Theater hätten am liebsten im Saal getanzt. Sie sind bewegt. Für viele ist es eine Reise in ihre Vergangenheit in Deutschland, die Zeit vor der Machtergreifung der Nazis.

Deutschland als Sehnsuchtsort – das ist kein neues Phänomen in Israel. Für viele Israelis ist Berlin einer der hippsten Orte der Welt und unter jungen Menschen ist kaum einer zu treffen, der nicht entweder schon dort war, oder hin will.

Als liberal, offen, bunt und aufregend beschreiben Israelis Berlin. In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der israelischen Touristen in Berlin verfünffacht. Israelis sind die zweitgrößte außereuropäische Besuchergruppe, gleich nach den Amerikanern – 13 000 wohnen bereits in der deutschen Hauptstadt. Am Goethe-Institut in Jerusalem sind die Deutschkurse ausgebucht, neulich haben die Toten Hosen in Tel Aviv gerockt und am Ende der Fußball-WM haben 25 Prozent der Israelis der deutschen Mannschaft die Daumen gedrückt.

Deutschland-Trend in Israel? Spricht man mit jungen Israelis, bekommt man häufig zu hören: „Wir dürfen die Geschichte auf keinen Fall vergessen. Aber es ist auch Zeit, nach vorne zu blicken, und Deutschland bietet so viele schöne Dinge und Orte, die entdeckt werden wollen.“ Speziell im Bezug auf Berlin ist das auch Max Raabe aufgefallen: „Durch unsere vielen Reisen haben wir mittlerweile einen ganz anderen Blick auf Berlin. Da sollte man meinen, dass Leute in Los Angeles oder New York das Glück gepachtet haben – aber die wollen alle nach Berlin.“

Eben noch in der Pause hat ein älteres Paar spontan einen Tanz im Foyer hingelegt. Er im Hut, sie im Blümchenkleid, selig lächelnd, in Erinnerung an alte Zeiten. In Sichtweite tummelt sich ein Mann in weißem Hemd und mit blonden Haaren: Der Regisseur Sönke Wortmann, der schon 2006 die deutsche Fußballnationalmannschaft mit der Kamera bei ihrem Sommermärchen begleitet hat, dreht nun einen Dokumentarfilm über die Israel-Tour des Palastorchesters.

Max Raabe kündigt das nächste Lied an, einen Walzer: „Das ist ein deutscher Walzer“, sagt er. „Nicht so elegant wie der Wiener, aber viel lauter.“ Es ist diese feine Selbstironie, die das Publikum an ihm liebt, und die seinen Erfolg ausmacht. Doch bis dahin war es ein weiter Weg. 1986 gründete der aus Westfalen stammende Raabe das Palastorchester – um sein Studium zu finanzieren. Damals konnte noch keiner ahnen, dass er mit den Schlagern der 20er und 30er Jahre die internationalen Bühnen stürmen würde. Raabe stöberte in Archiven und Antiquariaten und baute sich so langsam sein Liedrepertoire auf. Lange war das Palastorchester allerdings eher eine lokale Größe. Aber dann schrieb und komponierte er selbst, und das Lied, das dabei herauskam, half beim Durchbruch: „Kein Schwein ruft mich an, keine Sau interessiert sich für mich“, traf einen Nerv.

Es folgten die nationalen Bühnen, dann Moskau, Shanghai, die Carnegie Hall in New York. Und jetzt also Israel. Für Raabe ist das nur folgerichtig. „Wir haben schon lange darüber nachgedacht“, sagt er, „denn viele unserer Favoriten waren jüdische Komponisten“.

Das Publikum in Jerusalem verlangt nach Zugabe. Das Palastorchester gibt zwei. Beim Rausgehen zeigen sich die Menschen belustigt und bewegt, schwelgen in Erinnerungen; der Abend hätte nach ihrem Geschmack noch viel länger dauern können. Eine ältere israelische Dame, die früher einmal in Berlin gelebt hat, findet in ihren Erinnerungen ein Wort. Sie reckt ihren Daumen hoch und sagt: „Knorke!“

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