Kindermode aus Berlin : Die Kleidung mit der Superkraft

Esther Zahn entwirft Kindermode, die leuchtet, Musik macht und ihre Farbe verändert. Ihre Kleidung soll alles können, was sie sich in ihrer Kindheit gewünscht hat.

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Der Regenmantel von Esther Zahn hat Sterne, die im Dunklen leuchten und Punkte, die reflektieren.
Der Regenmantel von Esther Zahn hat Sterne, die im Dunklen leuchten und Punkte, die reflektieren.Foto: Kirsten Becken

„Mich macht es glücklich, das Prinzip infrage zu stellen“, sagt Esther Zahn. Und das der Kindermode gefällt ihr ganz und gar nicht. „Kindermode ist meistens für Erwachsene gemacht.“ Die Designerin will Kleidung entwerfen, die Kindern Spaß macht. Sie hat eine Batterie dabei, die sie an einen Mohairstoff hält – und viele winzige Punkte leuchten auf.

Die Kleidung von Esther Zahn soll alles können, was sie sich in ihrer Kindheit gewünscht hat. Deshalb hat sie ihren Kleidungsstücken Superkräfte verliehen. Der Regenmantel leuchtet im Dunkeln, das Kleid macht Musik, und das Klecksmuster auf dem Pullover wechselt die Farbe, wenn man es berührt.

Ihr Label heißt „Rainbow Warriors“. Die Berlinerin findet, dass der Name genau transportiert, was sie will: „Die Regenbogenkrieger tragen die Liebe in die Welt – und Kinder sind unsere Zukunft, denen muss man etwas bieten.“ Ihre Kleider sind bunt, beschichtet mit reflektierenden Mustern, wie der dunkelblaue Schlafanzug, der im Dunkeln wie ein Raumschiff leuchtet. Esther Zahn war wichtig, Dinge wegzulassen, die eindeutig geschlechtsspezifisch sind. Bei einer Anprobe tat ein Junge eine lilafarbene Jacke aus Mohairwolle erst als Mädchenkram ab. Aber als er sah, dass die vielen aufgestickten LED-Lämpchen im Dunklen wie ein Sternenhimmel leuchten, wollte er die Jacke gar nicht mehr ausziehen.

Mit ihrem Soundkleid können Kinder Musik machen

Zahn hat bemerkt, dass ihre Kleidung Kinder mutig und selbstbewusst macht. „Es ist doch toll, wenn Kinder Einfluss nehmen können. Sie lieben es, etwas zu verändern“, sagt die33-Jährige. Bei ihrer Diplomprüfung haben die Kinder die Kleider den versammelten Professoren ganz alleine vorgestellt. „Das war auch gut so, ich musste die ganze Zeit heulen.“

Wenn es nach Esther Zahn geht, sollen sich Mädchen nicht immer als Prinzessinnen verkleiden. Und wenn, dann soll wenigstens ein Minicomputer dranhängen wie bei ihrem „Soundkleid“. Das hat sechs aufgenähte Sensoren aus kupferbeschichtetem Stoff. Wenn man sie berührt, spielen sie Melodien und Rythmusbeats ab – so kann das Kind zum DJ werden. Später soll es möglich sein, mit einer App die so entstandene Musik zu speichern, daran arbeitet Esther Zahn noch.

Für ihre Kleidung betreibt sie Feldforschung. Um die Größen zu testen, geht sie schon mal in den Park und bittet Kinder, ihren Prototypen anzuprobieren. Oder sie fragt ihre vierjährige Tochter, was sie an Kinderkleidung doof findet. Das erste Produkt steht jetzt kurz vor der Marktreife, im Herbst will sie die blaue Regenjacke mit den leuchtenden Sternen verkaufen. Dazu kann man verschiedene herausnehmbare Futter kombinieren.

Auf einer Technikkonferenz traf sie lauter Männer mit Google-Brillen

Man nimmt Esther Zahn ab, wie ernst es ihr mit ihren „Rainbow Warriors“ ist und wie viel Spaß sie damit hat. Nach der Schule machte sie eine Ausbildung zur Schneiderin an der Deutschen Oper. Noch heute näht sie gern aufwendige Kostüme – „das ist ein bisschen wie meditieren.“ Sie wurde zum Modestudium zugelassen, obwohl sie kein Abitur hatte. „Für mich war es eine Ehre, dass ich studieren konnte.“ Deshalb probiert sie alles aus und lässt sich nicht von herrschenden Regeln beeindrucken.

Im Januar war sie auf einer Technikkonferenz eingeladen, wegen der Frauenquote. Da liefen lauter Männer mit Google-Glass-Brillen herum, für die war es völlig normal, dass da jemand Kleidung entwickelt, die Musik macht. Über die Reaktionen auf ihren Vortrag hat sie sich sehr gefreut. „Wow, warum gab es solche Kleidung noch nicht, als wir klein waren“, sagten die Technikexperten.

Das hat Esther Zahn darin bestärkt, dass sie genau das Richtige tut: „Gerade entwickelt sich die Textiltechnik so rasant, vor allem im Gesundheitsbereich.“ Auf der Konferenz wurde ein Jogginganzug vorgestellt, der misst, wie der Körper auf Sport reagiert. „Da geht es oft um eklige Selbstoptimierung, dabei ist es doch viel toller, damit zu spielen. Das ist wirklich nicht sinnlos.“

Ein einziges Produkt hat Esther Zahn entworfen, das nichts kann: eine silberfarbene Hose. „Die sieht einfach nur schön spacig aus – das ist doch auch was, oder?“

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