Mörderische Stadt : Leben und Sterben in Ciudad Juárez

Es ist die mörderischste Stadt der Welt. 2010 werden bereits 1600 Tote gezählt - Drogengeld hat die Gesellschaft zerstört.

Arturo Chacon
Ein Bombenanschlag; Polizeihubschrauber über der Stadt; Angehörige trauern um ein
Ein Bombenanschlag; Polizeihubschrauber über der Stadt; Angehörige trauern um einFoto: REUTERS

Meine Stadt hat sich in ein Schlachthaus verwandelt. Die Mörder arbeiten rund um die Uhr, am helllichten Tag und mitten in der Nacht, auf Straßen, Plätzen und hinter verschlossenen Türen. Jede Woche exekutieren sie etwa 70 Menschen: Männer, Frauen, Jugendliche, Kinder. Die meisten werden erschossen, einige mit Klebeband auf Nase und Mund erstickt. Ihre Leichen baumeln von Brücken, an vielen haben sich die Mörder ausgetobt, manchen fehlt der Kopf. Transparente kündigen an, wer als Nächstes dran ist. „Narcomanta“ – Drogendecke – heißen diese Botschaften aus der Unterwelt, die eine überlebenswichtige Informationsquelle sind.

Rund anderthalb Millionen Menschen leben in Ciudad Juárez. Seit vier Jahren erfahren sie am eigenen Leib, was es heißt, wenn die öffentliche Ordnung verschwindet. Wenn es keine Sicherheit mehr gibt, sondern nur noch Willkür. Wenn die Gesellschaft mürbe wird und in ihre Einzelteile zerfällt. Dieser Prozess findet in Mexiko schon seit Jahren statt, aber er hat sich beschleunigt, seit unser Präsident Felipe Calderón heißt. 2006 trat er das Amt als Kandidat der neoliberalen und erzkatholischen Partei der Nationalen Aktion an. Sein großes Versprechen lautete, Arbeitsplätze zu schaffen. Schnell musste er feststellen, dass er es wegen der globalen Finanzkrise nicht würde einhalten können. Stattdessen rief er den „Krieg gegen die Drogen“ aus. Mit Unterstützung der USA erhöhte er den Militäretat und schickte die mexikanische Armee auf die Straßen der größten Städte des Landes.

Soldatenpatrouille (im Uhrzeigersinn) Fotos: Reuters, mauritius images, AFP, J. Zamora (2)
Soldatenpatrouille (im Uhrzeigersinn) Fotos: Reuters, mauritius images, AFP, J. Zamora (2)Foto: AFP

Ein Krieg ohne Fronten begann. Der Staat kämpft seitdem gegen sieben hochgerüstete Drogenkartelle, die über Milliarden von Dollars und zehntausende Kollaborateure verfügen. Die Kartelle bekriegen sich auch untereinander in wechselnden Allianzen und werden dabei wiederum von Politikern, Soldaten und Polizisten unterstützt. Allein in Ciudad Juárez wurde die Hälfte aller Polizeibeamten wegen Korruption entlassen. Welcher Beschäftigung Polizisten mit Verbindungen zur Mafia nach ihrer Entlassung nachgehen werden, fragen sich nur wenige. Der „Krieg gegen die Drogen“ gleicht einem Labyrinth ohne Ausweg.

Mehr als 30 000 Menschen sind in den vergangenen vier Jahren in Mexiko getötet worden. In meiner Heimatstadt Ciudad Juárez waren es fast 7000. Damit ist sie die mörderischste Stadt der Welt, noch vor San Salvador, Bagdad und Caracas. Doch die Hintergründe der Taten bleiben meist im Dunkeln. Nur einer von 160 Morden wird aufgeklärt.

Schuld am Krieg in meiner Stadt ist die amerikanische Sucht nach Drogen. Durch Juárez führt eine der einträglichsten Schmuggelrouten der Welt nach El Paso, unserer Schwesterstadt auf US-Seite. Kokain, Marihuana, Amphetamine und Heroin im Wert von 15 Milliarden US-Dollar passieren jedes Jahr den Río Bravo. Daher versucht das Sinaloa-Kartell von der Pazifikküste das Juárez-Kartell aus der Stadt zu vertreiben und die Route zu übernehmen. Das Sinaloa-Kartell wird von Joaquín „Chapo“ Guzmán geführt. Das Wirtschaftsmagazin „Forbes“ listet ihn auf Platz 41 der mächtigsten Männer der Welt, noch vor Nicolas Sarkozy. Das Juárez-Kartell wurde von der Familie Carrillo Fuentes gegründet und wird heute von José Luis Ledesma regiert.

Foto: privat
Foto: privatFoto: mauritius images

US-Medien zufolge wird das Sinaloa-Kartell in diesem Krieg von der Armee unterstützt. Das Juárez-Kartell wiederum hat sich wie ein Krebsgeschwür in der Stadt ausgebreitet. Sein ausführender Arm nennt sich „La Linea“. Er wendet das Gesetz von „Geld oder Blei“ an. Man kann für die Mafia arbeiten – beispielsweise wird ein Taxifahrer dafür bezahlt, die Augen offen zu halten – oder man bekommt eine Kugel in den Kopf. Zur Polizei zu gehen, ist sinnlos. Und gefährlich. Erstens haben die Kartelle Informanten in den Polizeistationen sitzen. Und zweitens sind seit 2008 mindestens 140 Polizisten ermordet worden. Sich in der Nähe einer Streife aufzuhalten, gilt als lebensmüde. So ist im Schatten des Drogenkriegs auch die gewöhnliche Kriminalität gestiegen. Zwischen 2008 und 2010 gab es: 30 000 Autodiebstähle, 10 000 Raubüberfälle, 120 Banküberfälle sowie ungezählte Entführungen und Erpressungen. Die Zahl der Straßengangs schätzt man auf bis zu 900.

Als vor zwei Jahren 11 000 schwer bewaffnete Soldaten in Ciudad Juárez einzogen, leuchtete die Stadt plötzlich in Olivgrün, und auch ich hoffte, dass die Armee endlich für Ruhe sorgen würde. Doch das Gegenteil passierte. Sie verbreitete Angst und Schrecken. An ihren Straßensperren wurde die Bevölkerung misshandelt und ausgeraubt. Schon nach drei Wochen kursierte der Spruch: „Die Soldaten schießen, dann stellen sie Fragen.“ Unterdessen operierten die Kartelle unbehelligt weiter. Wir begriffen, dass es völlig egal ist, wie viele Polizisten oder Soldaten auf den Straßen sind – und dass das Problem ein ökonomisches ist. Solange es eine Nachfrage nach Drogen in den USA gibt, wird sie aus dem Süden bedient. Der Drogenhandel ist nach dem Erdölexport zum wichtigsten Wirtschaftszweig Mexikos geworden. 30 bis 50 Milliarden schmutzige Dollars kommen so jedes Jahr ins Land. Meine Stadt haben sie verseucht.

Wer es sich leisten kann, flieht in die USA. Wer hiergeblieben ist, verlässt das Haus nicht öfter als unbedingt nötig. Niemand geht mehr ins Kino, auf Konzerte, in Kneipen oder Restaurants. Das öffentliche Leben ist tot, Telefonanrufe werden nicht beantwortet, Blicke nicht erwidert. Aus Angst davor, dass man mir mein Auto stehlen oder mich in meinem Auto entführen könnte, habe ich es verkauft. Meine Eltern mussten nach 19 Jahren ihren Lebensmittelladen aufgeben – so wie 10 000 andere Kleinunternehmer auch.

Es ist normal geworden, bei privaten Abendessen über Freunde zu sprechen, die Opfer von Verbrechen geworden sind. Wir, die Überlebenden, versuchen uns unsichtbar zu machen, suchen in der Anonymität die Sicherheit, die uns der Staat nicht geben kann. Er ist ja selbst Täter. Oder völlig hilflos. Als das Juárez-Kartell 2009 damit drohte, alle 48 Stunden einen Polizisten zu töten, wenn der neue Polizeichef nicht zurücktrete, folgte dieser der Anweisung, nachdem die ersten Beamten erschossen worden waren. Nun gelang es einem Killerkommando, einen prominenten Häftling zu befreien. Juan Pablo Castillo, alias „der Kahlkopf“, saß eine Strafe von neun Jahren ab, er soll 25 Morde begangen haben. Als man ihn für eine Operation ins Krankenhaus brachte, schlugen seine Befreier zu. Jemand musste sie über den Gefangenentransport informiert haben. Selbst der Bürgermeister von Ciudad Juárez wohnt heute in El Paso – einer der sichersten Städte der USA.

Und unser Präsident? Er meldet sich nur noch zu Wort, wenn es sich nicht mehr vermeiden lässt. So wie im Februar, als im Armenviertel Villas de Salvarcar 16 Jugendliche auf einer Party erschossen wurden. Da sagte Felipe Calderón, dass es sich bei den Opfern um Gangster gehandelt habe. Das war so ungeheuerlich, dass die Mutter von zwei ermordeten Jungs ihn während einer öffentlichen Veranstaltung anschrie. Daraufhin versprach Calderón in seiner Hilflosigkeit wieder einmal Ruhe und Ordnung. Als Antwort ließen die Kartelle eine Autobombe in der Innenstadt von Ciudad Juárez hochgehen. Es war der erste Anschlag dieses Typs in Mexiko. Zwei Polizisten und ein Zivilist starben. Die Bilanz des laufenden Jahres für Juárez lautet: 1600 Tote, 17 000 Kugeln.

Noch vor drei Jahren hätte ich nie daran gedacht, meinen Job aufzugeben. Ich war Journalist, Polizeireporter bei der Zeitung „El Norte de Juárez“. Doch nun hat mein Überlebensinstinkt über die ökonomische Notwendigkeit gesiegt, Geld zu verdienen. Mexiko ist heute für Journalisten das gefährlichste Land der Welt, 65 Kollegen sind seit 2001 ermordet worden. Und die Kartelle nutzen die Medien zunehmend für ihre Botschaften. Im Juli entführte das Sinaloa-Kartell fünf Journalisten, die auf dem Weg zu einem Massaker waren. Einen von ihnen ließen die Gangster frei, er war ein Freund von mir. Die restlichen vier wollten sie töten, wenn deren Fernsehsender nicht ein Video ausstrahlen würden, in dem Polizisten unter Folter zugaben, dass sie mit einem rivalisierenden Kartell zusammenarbeiteten.

Als Polizeireporter habe ich in den letzten Jahren auf den Tod gelauert. Dabei merkte ich kaum noch, wie ich mich veränderte. Ich wurde zu einem Wesen, das nur noch reagierte, furchtsamer und vorsichtiger wurde. Und schließlich abstumpfte. Ich habe vier Freunde und mehr als zehn Bekannte verloren. Aber ich habe immer weitergemacht. Auch nach jenem Novembertag im Jahr 2008. Ich stand gerade unter der Dusche, als neun Schüsse durch mein Viertel peitschten. Wenige Minuten später rief mein Fotografenkollege an und sagte, dass sie Armando umgebracht hätten. Armando Rodríguez war mein Nachbar und einer der besten Reporter der Grenze, wir nannten ihn „Schoko“, weil er dunkle Haut hatte. Als er seine Mörder kommen sah, schickte er seine Tochter, die er zur Schule bringen wollte, zurück ins Haus. Hinter dem Mord steckte „La Linea“, über die Armando berichtet hatte. Zu viel für ihren Geschmack.

Ich erinnere mich daran, wie ich in den Wochen und Monaten danach zu Tatorten raste. Wie ich durch Pfützen aus Blut watete und über Menschenknochen stieg. Ich erinnere mich an die Schulkinder, die vor flatternden Absperrbändern standen und lernten, wie wenig ein Menschenleben zählt. Ich erinnere mich an meinen geschockten Vater, dessen Geschäft innerhalb eines Monats drei Mal überfallen worden war. Und an das Weinen meines Cousins, als man ihm mit einer Kalaschnikow in den Fuß geschossen hatte, um seinen neuen VW zu klauen. Ich erinnere mich, wie ich zu einer Mordszene kam und noch Tage später nicht glauben konnte, dass dort einer meiner Freunde aus Kindertagen lag. Er hatte sich gegen seine Entführung gewehrt und wurde vor der eigenen Autowaschanlage niedergestreckt.

Ich erinnere mich auch an meine Angst davor, eine Morddrohung zu erhalten, nachdem ich über eine Schießerei in einer Kleinstadt in der Nähe von Juárez berichtet hatte. Dabei haben weder ich noch meine Kollegen in den letzten Jahren irgendetwas richtig recherchiert. Es hätte sich sowieso keine Zeitung getraut, eine seriöse Recherche zu veröffentlichen. In den Medien herrscht Selbstzensur, seit Journalisten zu Zielen sowohl der Kartelle als auch der Sicherheitskräfte geworden sind. Was wir Journalisten verdienen? Umgerechnet 120 Euro in der Woche.

Zuletzt traf es Mitte September den Fotografen Luís Carlos Santiago von der Zeitung „Diario de Juárez“. Der 21-Jährige wurde auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums erschossen. Die Mörder feuerten neun Kugeln auf ihn und seinen Begleiter ab, der schwer verletzt wurde. Aber niemand weiß, warum. Santiago arbeitete an keiner Story. Man vermutet daher, dass der Anschlag dem Menschenrechtler galt, dessen Auto sich Santiago geliehen hatte. Gerüchten zufolge handelte Santiago auch mit Drogen.

Nichtsdestotrotz wandte sich das „Diario de Juárez“ nach dem Mord direkt an die Kartelle. Auf der Titelseite hieß es: „Sagt uns, was ihr von uns wollt. Was sollen wir drucken und was nicht, welche Kriterien gelten? Ihr seid de facto die Autoritäten in dieser Stadt, weil der Staat nicht mehr in der Lage ist, uns zu schützen.“ Das war eine gelungene Werbung, aber auch ein verzweifelter Hilfeschrei. Die Schlagzeilen der Internetzeitung lapolaka.com der letzten Woche: Killerkommando exekutiert Mutter und Tochter. Verstümmelter aus Flugzeug geworfen. Leiche vor Grundschule abgelegt. Bombe explodiert in Pizzeria. Zweiter Verbrannter des Tages in Viertel 68.

Die wenigen Wirtschaftszweige, die in meiner Stadt florieren, sind das Bestattungsgewerbe und private Sicherheitsfirmen. Erstaunlicherweise gibt es aber keine Firma mehr, die Autos schusssicher verkleidet. Alle, die sich solche Autos leisten könnten, sind aus der Stadt verschwunden. Die, die geblieben sind, versuchen jeden Morgen zu verdrängen, dass die Wahrscheinlichkeit, abends nicht nach Hause zurückzukehren, größer ist als an jedem anderen Ort der Welt.

Mitarbeit und Übersetzung aus dem Spanischen: Philipp Lichterbeck

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