Moldau : Brüderlein, trink

Das kleine Land Moldau, einst Weinberg der Sowjetunion, hat Krach mit Moskau - und kommt doch nicht von Russland los.

Matthias Meisner[Chisinau]
Moldau
Nationalfeiertag: Der Weintag wird in Moldau seit fünf Jahren gefeiert - um das Ansehen des einheimischen Weinbaus zu heben. -Foto: Kummer

Das Trinkgelage ist staatlich verordnet. Mit Regierungsbeschluss Nummer 1005-XV vom 19. April 2002 hat die Regierung der Republik Moldau beschlossen, dass Jahr für Jahr im Oktober ein nationaler Weintag gefeiert wird. In diesem Jahr unter besonderen Vorzeichen: Das Land hofft, nach fast zweijährigem Handelsembargo, auf das Ende des „Weinkriegs“ mit Russland, mit entsprechender Inszenierung. Vor dem Regierungsgebäude in Chisinau lässt die Staatsspitze ein gewaltiges Spektakel für sich aufführen, bevor das Volk an die Weinstände darf. Der Weingott Dionysos sinkt von einer Hebebühne herab, Brautpaare tanzen über den Platz, Volksmusik erklingt. Auf der Bühne steht der kommunistische Staatschef Wladimir Woronin und verleiht den Staatspreis an eine der staatlichen Weinfabriken – so heißen die Großkellereien in Moldau –, goldfarbenes Konfetti regnet auf den Festplatz.

Moldawien galt einmal als Weinberg der Sowjetunion, aber das bedeutet nicht, dass Moskau mit diesem Gut immer sorgsam umgegangen ist. Im Rahmen von Michail Gorbatschows Kampf gegen den Alkoholismus wurden in den 80er Jahren fast die Hälfte der Anbauflächen von einst 265 000 Hektar gerodet. 2006 folgte der „Weinkrieg“ mit Moskau. Der 66-jährige Präsident Woronin, früher Innenminister der Sowjetrepublik, gibt sich überzeugt, dass dieser Streit nun beigelegt ist. Beim Empfang zum Weintag wechselt er als Referenz an die alten Geschäftspartner nach wenigen Sätzen von der Landessprache Rumänisch ins Russische. Vor dem „Weinkrieg“ gingen 92 Prozent der Weine in den Export, davon wiederum vier Fünftel nach Russland. So ähnlich soll es wieder werden. Persönlich habe er mit Präsident Wladimir Putin verhandelt, sagt Woronin: „Die Probleme sind beseitigt.“

Für Moldau – sonst nur noch mit Tabak nennenswert im Exportgeschäft – geht es um viel: Nach offiziellen Angaben werden in dem verarmten kleinen Land zwischen Rumänien und der Ukraine pro Jahr etwa 330 Millionen Liter Wein produziert. Ein großer Teil davon musste zuletzt billig verscherbelt werden, oft in andere Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Selbst deutsche Glühweinprozenten sollen schon in Chisinau gewesen sein. Masse statt Klasse: „Fast wie unter Bruderländern“ sei früher die Zusammenarbeit mit Russland gewesen, erklärt Anatol Cazacu, Exportdirektor des Produzenten Migdal-P. Er gibt so indirekt zu, dass die Qualität der nach Russland gelieferten Weine nicht stimmte. Dabei kann Moldau durchaus Spitzenweine produzieren. Etwa mit Cabernet Sauvignon, Chardonnay und Merlot erreichen die Hersteller zuweilen respektable Qualität – doch wie auf dem Weltmarkt bestehen? In mehr als 40 Länder wird exportiert. Der Weinbauverband hat jedes von ihnen auf einer riesigen Weltkarte im Haus des Landwirtschaftsministeriums markiert, von Armenien bis Vietnam. Über die Liefermengen sagt das gar nichts.

Vielleicht haben Idealisten wie Ion Luca recht. Der Moldauer ist erst 24, in einem vom österreichischen Bildungsministerium betreuten Projekt unterstützt er den Aufbau von Weinbauschulen in Moldau. Er setzt auf den Anbau von Rebsorten, die nur in der Region angebaut werden – Feteasca, Mädchentraube, wäre so eine, die dem Land ein eigenes Image geben könnte. In Russland sei nicht mehr viel zu wollen, vermutet Luca. Moldauischen Weinen fehle dort der Reiz des Exotischen, den etwa spanische oder italienische Weine hätten. Ein weiteres Problem: Clevere Weinproduzenten, etwa aus Südafrika und Bulgarien, haben die Lücke gefüllt, die Moldau hinterlassen hat.

Vor allem die Weinfabriken wagen sich noch nicht vorzustellen, wie es ohne das Russlandgeschäft wieder aufwärts gehen soll. Lion Gri ist eine von ihnen, eine private Firma, deren Generaldirektor Grigore Sonic seine Karriere nach der Wende machte. Früher war der heute 50-jährige Sonic Erster Sekretär des Kommunistischen Jugendverbandes Komsomol in Chisinau. Danach versuchte er sich im Handel mit Treibstoff und Zitrusfrüchten. In das 1997 gegründetes Weinbauunternehmen habe er mehr als 30 Millionen US-Dollar investiert, sagt er. Im Stollen eines ehemaligen Steinbruchs am Rande Chisinaus ist das Weinlager von Lion Gri, bald will die Firma oben auf dem Berg einen Vergnügungspark mit Hotel und Restaurants bauen. Im Tal soll ein Golfplatz entstehen.

Vom Wein soll wieder jede zweite Flasche nach Russland exportiert werden. Lion Gri hat sich schon auf Messen in Bordeaux, Brüssel, Düsseldorf und London präsentiert, auch Medaillen gewonnen. Für Sonic prägend blieb eine andere Erfahrung: „Im Westen fragt doch jeder: Wo ist Moldawien? In Russland müssen wir nichts erklären.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar