Welt : Mordfall Julia: Grausame Gewissheit

Jochen Lamberts

"Bitte respektieren Sie, dass Julias Eltern nicht wollen, dass ihre Emotionen an die Öffentlichkeit gelangen." Eindringlich bat gestern während der Pressekonferenz Hans Thomé, der Onkel der ermordeten Julia Hose, die anwesende Journaille, die trauernden Eltern in Ruhe zu lassen und nicht noch ihren Schmerz zu vergrößern. Kurz zuvor war offiziell bestätigt worden, was viele seit dem Vortag befürchtet hatten: Bei der aufgefundenen verbrannten Kinderleiche handelt es sich um die seit Freitagabend vergangener Woche vermisste achtjährige Julia Hose aus der mittelhessischen Gemeinde Biebertal. Doch die Bitte des Onkels, Jürgen und Brigitte Hose nicht auch noch zum Flüchten und Verstecken zu nötigen, scheint einige Pressvertreter kaum zu stören. Bereits wenig später tauchten Kamerateams vor dem Haus des Lehrerehepaares auf oder versuchten die Großmutter des ermordeten Kindes zu interviewen. Grafik: Fundort der Leiche Bewegend beschreibt Hans Thomé auch die Lage der Eltern von der Stunde des Verschwindens Julias am Freitagabend bis zur endgültigen und unwiderruflichen Nachricht vom Tod ihrer geliebten Tochter. "Brigitte und Jürgen Hose haben das tiefste Tal ihres Lebens durchwandert mit einem ständigen Wechsel zwischen Verzweiflung und Hoffnung." Und je länger die Zeit dauerte, um so geringer wurde die Hoffnung, die aber gleichzeitig durch die unzähligen Helfer immer wieder aufkeimte. Trotz der großen Trauer des gestrigen Tages wolle die Familie Hose allen danken, die durch ihren Einsatz, Menschlichkeit und Gesten Brigitte und Jürgen Hose die Gewissheit gegeben hätten, in einer funktionierenden Gemeinschaft aufgehoben zu sein.

Selbst als am Mittwochvormittag die schreckliche Nachricht vom Auffinden einer verbrannten Kinderleiche in einem Waldstück entlang der Bundesstraße 45 zwischen den beiden Niddataler Ortsteilen Kaichen und Ilbenstadt kam, hofften die Eltern, dass es sich nicht um ihre Tochter handelt. Jürgen Hose habe gesagt, er könne Eins und Eins zusammenzählen und der Verstand sage, es ist Julia, aber das Herz wolle die Hoffnung nicht aufgeben, zitierte Thomé seinen Schwager. Doch die Ergebnisse der beiden DNS-Analysen des Gerichtsmedizinischen Institutes der Universität Gießen machten am Donnerstagvormittag alle Wünschen und Hoffnungen zunichte.

Vergeblich der unermüdliche Einsatz von über 2000 Helfern von Feuerwehr, Rettungsdiensten und Polizei. Vier Tage lang hatten sie über 30 Quadratkilometer Wald, Wiesen und Ackergelände durchkämmt, um wenigsten den kleinsten Anhaltspunkt zum Aufenthaltsort der Achtjährigen zu erhalten. Rund 300 Hinweise gingen bis Dienstagabend ein, aber keiner war dabei, den man auch nur annähernd als heiße Spur hätte bezeichnen können. "Es ist gerade so, als ob sich der Boden aufgetan, das Mädchen verschluckt und gleich wieder geschlossen hat", formulierte es einer der erschöpften Helfer. Keine vier Stunden nachdem die Polizeiführung am Dienstagabend die großflächige Absuche als beendet gemeldet hatte, kam der Anruf eines Radfahrers aus Niddatal bei Feuerwehr und Polizei. Zwischen den beiden Orten Kaichen und Ilbenstadt hatte er in einem Waldstück entlang der Bundesstraße 45 Feuerschein gesehen. Als die Einsatzkräfte eintrafen, brannten dort mehrere Stapel Holz. Kaum hatte sich der Rauch etwas verzogen, so erzählte gestern während der Pressekonferenz der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Oberstaatsanwalt Reinhard Hübner, entdeckten sie zwischen den Stapeln die Leiche eines Kindes, die Leiche von Julia. Wie die Obduktion ergab, war das Kind bereits tot, als es von seinem Mörder mit Benzin übergossen und angesteckt wurde. Als Todesursache stellten die Rechtsmediziner massive Schädelverletzungen fest. Wann das Mädchen aus Biebertal getötet wurde, konnte der Oberstaatsanwalt nicht sagen. Nun geht die Suche der Sonderkommission "Julia" nach dem Täter weiter. Für Hinweise, die zu ihm führen, hat die Staatsanwaltschaft eine Belohnung von 50000 Mark ausgesetzt.

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