Welt : Musik: Avantgarde: Die Kunst des Lärms

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Musik nicht zum konzentrierten Zuhören, sondern als klingende Tapete: diese Idee ist viel älter als die musikalischen Berieselungsanlagen unserer Tage. Sie hat ihre Wurzeln in der musikalischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts. Als einer ihrer Vorläufer kann der französische Komponist Eric Satie gelten. Satie komponierte Klavierstücke, in denen Melodien sich ständig wiederholten und so eine Atmosphäre musikalischer Monotonie erzeugten. 1920 veröffentlichte Satie eine Denkschrift, in dem er die "musikalische Möblierung" propagierte. Hintergrundmusik sollte den Straßenlärm, das Klappern des Bestecks und die peinliche Stille beim Besuch von Gästen dämpfen.

Schon 1913 hatte der italienische Futurist Luigi Russolo in seinem Manifest "Die Kunst des Lärms" Alltagsgeräusche ästhetisch verklärt. Russolo erhob Türenschlagen, Getrappel von Menschenmassen, Lärm auf Bahnhöfen und in Fabriken, Kraftwerken und Metrostationen zur Kunst. Ein "Konzert für Fabriksirenen" entstand 1920 in der Sowjetunion. Und in Deutschland prägte Kurt Weill in den 20er Jahren den Begriff "Gebrauchsmusik", mit der die proletarischen Massen erreicht und gegen die snobistischen Genießer der Hochkultur ausgespielt werden sollten. Die "Gebrauchsmusik" kam dem, was später als einschmeichelnde Hintergrundmusik Karriere machte, in manchem schon verdächtig nahe.

Auch heute noch fasziniert die Idee der Klangtapete Musiker der Avantgarde. Am bekanntesten sind die Aufnahmen des ehemaligen Rockmusikers Brian Eno geworden. Seit Mitte der 70er Jahre entwarf Eno akustische "Landschaften", in denen nur wenig variierte, immer wiederkehrende Synthesizer-Melodien einen Klangteppich schufen. Das hielt einen Kritiker aber nicht davon ab, Enos Musik als "Avantgarde-Muzak" zu titulieren.

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