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Nach tödlicher Tigerattacke in Münster : Dürfen Raubkatzen im Zoo leben?

Ein 56-jähriger Tierpfleger ist im Münsteraner Zoo von einem Tiger getötet worden. Der Tiger konnte durch eine offene Luke ins Gehege gelangen und den Pfleger ins Genick beißen. Nun flammt die Debatte über die Haltung von Großkatzen in Zoos wieder auf: Ist Raubtierhaltung Arterhalt oder Quälerei?

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Tiger Rasputin blickt durch die Gitterstäbe seines Geheges. Zuvor hatte er einen Pfleger getötet.
Tiger Rasputin blickt durch die Gitterstäbe seines Geheges. Zuvor hatte er einen Pfleger getötet.Foto: dpa

Es ist ein Spiel mit der Gefahr, war es schon immer. Einer der ersten Tiger in Gefangenschaft wurde nur „der Menschenfresser“ genannt. Um 1903 wurde er in einem Zoo im indischen Kalkutta gehalten. Die Informationstafel verlautete, das Tier habe über 200 Männer, Frauen und Kinder auf dem Gewissen.
Hundert Jahre später, 2003, kam das Tigermännchen Rasputin im Zoo Leipzig zur Welt. Das Tier ist ein Sibirischer Tiger, die größte aller Raubkatzenarten. 2005 wechselte Rasputin in den Allwetterzoo Münster. Dort tötete er am Donnerstag einen 56-jährigen Tierpfleger.
Der Tote sei ein langjähriger und erfahrener Pfleger gewesen, sagte Zoodirektor Jörg Adler in einer Pressekonferenz. Besucher hätten den Unfall beobachtet und die Zooleitung alarmiert, berichtete der Zoodirektor weiter. Kollegen des Tierpflegers lockten daraufhin den Tiger zurück in den Käfig. Die Rettungskräfte kamen aber zu spät. „So ein Zusammentreffen mit einem Tiger ist nicht zu überleben“, sagte Adler. Der Zoo wurde nach dem Unglück geschlossen. Notfallseelsorger kümmerten sich um Mitarbeiter des Zoos und Besucher. Der Zoo hat Angehörige des alleinstehenden Pflegers in Frankfurt am Donnerstag informiert.
Die Staatsanwaltschaft Münster geht von persönlichem Verschulden aus. „Wir konnten bei einem ersten Check nach dem Vorfall keinen Fehler an der Anlage finden“, sagte Oberstaatsanwalt Heribert Beck. Der Pfleger soll demnach vergessen haben, eine Klappe zwischen Außen- und Innengehege elektrisch zu schließen. Der zehnjährige Tiger war daraufhin bei der Fütterung durch die offene Luke nach außen gelaufen und hatte den 56-jährigen Pfleger angegriffen.

Die Raubtierhaltung in deutschen Zoos müsse beendet werden
Man dürfe nie vergessen, dass ein Tiger immer ein wildes Raubtier bleibe, sagt Martina Stephany vom Tierschutzverein „Vier Pfoten“. „Selbst in Gefangenschaft geborene Tiere haben einen natürlichen Jagdtrieb.“ Die Stiftung setzt sich für ein Ende der Raubtierhaltung in Zoos und Zirkussen ein. Gerade Tiger seien Einzelgänger und durchstreifen in der Wildbahn ein Areal von über 1000 Quadratkilometern. Hier nun seien sie „auf der Fläche einer Zweizimmerwohnung eingesperrt“, sagt Stephany. Sie geht davon aus, dass in Deutschland über 1000 Raubtiere in Zoos leben.

Das Unglück von Münster ist kein Einzelfall. Im Kölner Zoo war im August vergangenen Jahres eine Tierpflegerin von einem Sibirischen Tiger angefallen und getötet worden. Die Pflegerin soll ebenfalls vergessen haben, eine Tür zu schließen. Der Zoodirektor hatte das Tier nach der Attacke erschossen, weil es neben der schwer verletzten Frau sitzen blieb. Auch im März 2012 brach ein Gepard im Kölner Zoo aus seinem Gehege aus.
Es sei egal, wie sicher man einen Zoo mache, sagt Stephany, das Risiko eines menschlichen Fehlers bleibe immer bestehen. „Und ein Zoo ist nun mal darauf ausgelegt, dass sich Mensch und Tier nahe kommen.“

Stephany kritisiert zudem, dass viele Zoos Wert auf Zuchterfolge legen - ein süßes Tierbaby sorge rasch für Zuschauer - aber dann nicht genügend Platz für die Tiere hätten. "Oft erleben wir, dass dann Tiere an Zoos im Ausland verkauft werden, die sehr schlechte Standards aufweisen." Unter anderem deckte "Vier Pfoten" auf, dass die Giraffe Moritz, die vor zwei Jahren im Berliner Tierpark geboren wurde, im umstrittenen indonesischen Zoo Surabaya auf der Insel Java gelandet ist. In dem weltweit kritisierten Zoo kommt es wieder zu Todesfällen unter den Wildtieren. Zwar habe der Tierpark die Giraffe an einen anderen Safaripark verkauft, doch konnte nicht verhindert werden, dass das Tier weiterverkauft wurde. "Ein Zoo solle nur so viele Tiere züchten, wie er selber fassen kann", kritisiert Stephany.

Zoos können zur Erhaltung bedrohter Arten beitragen
Der Dompteur Christian Walliser, der vor Jahren einen lebensbedrohlichen Tigerangriff überlebt hatte, verteidigte dennoch die Arbeit der Tierparks. Einige Tigerarten lebten nur noch in Zoos und nicht mehr in freier Wildbahn, die Zoos trügen so auch zur Arterhaltung bei, sagte Walliser in einer Radiosendung. Walliser war 2009 vor den Augen seiner Zuschauer während einer Show gestolpert und von drei Tigern angefallen worden. Er kam mit lebensgefährlichen Verletzungen in eine Klinik. "Ein gewisses Risiko bleibt immer, weil man darf nie vergessen: Es ist ein Wildtier, es ist ein Raubtier, und die haben natürliche Instinkte und Reflexe, die man auch nicht abtrainieren kann“, sagte Walliser. Der Tiger sei es nicht gewohnt gewesen, dass ein Mensch in seinem Gehege war. „Das war das Revier des Tigers.“
Martina Stephany von „Vier Pfoten“ will jedoch das Argument der Arterhaltung nicht gelten lassen. Arterhaltung beginne in der Natur, mit dem Aufbau von Reservaten und dem Schutz vor Wilderern. Nicht aber im Zoo: „Ich kenne keinen Fall, in dem je ein Zootiger ausgewildert wurde.“

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