Nachruf auf Harry Valérien : Wohlige Wärme

283 Mal „Sportstudio“ im ZDF: Reporterlegende Harry Valérien ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Neugierig, charmant, meistens im bunten Wollpullover – so begeisterte Valérien Zuschauer und Gäste.

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Formvollendet im Ton, doch unerbittlich in der Sache. So hat Dieter Kürten den Interviewstil seines Wegbegleiters Harry Valérien (Foto) im „Sportstudio“ beschrieben. Foto: dpa
Formvollendet im Ton, doch unerbittlich in der Sache. So hat Dieter Kürten den Interviewstil seines Wegbegleiters Harry Valérien...Foto: dpa

„Wosamma? Dosamma!“ sagte der Bayer, wenn er im Studio die Kamera suchte. „Sappradi!!“ entfuhr es ihm bei einem überraschenden Ereignis. Schon war es wohlig-warm vor dem Bildschirm. Damals, vor 30, 40 Jahren abends im ZDF, als das „Aktuelle Sportstudio“ richtig gut, richtig relevant war. Das lag nicht zuletzt an Mitbegründer und Moderator Harry Valérien. Selbst der unsportlichste Zuschauer kam bei Valérien auf seine Kosten. Beispiel: „Sie sollten ein bisschen mehr – darf ich das Ihnen sagen – gelassener sein. Geht das?“, hatte der Reporter zur Freude des TV-Publikums 1982 Paul Breitner geraten, als der Nationalspieler einen Tag vor dem Fußball-WM-Finale gegen kritische Journalisten wetterte.

Auf diese populäre, nie populistische Weise prägte Valérien über Jahrzehnte den Sportjournalismus im deutschen Fernsehen, ähnlich wie Hanns-Joachim Friedrichs den politischen Journalismus oder Hans-Joachim Kulenkampff die große Abendshow. Begonnen hatte diese Karriere nach dem Zweiten Weltkrieg und der Freilassung aus US-amerikanischer Gefangenschaft mit einer Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule, es folgte Arbeit beim „Münchner Merkur“ und seit 1949, unterstützt von Robert Lemke, ein Reporterjob beim Bayerischen Rundfunk. Dann der Ruf des ZDF. 283 Mal führte Valérien durch das „Aktuelle Sport-Studio“, von 1963 bis 1988. Neugierig, charmant, meistens im bunten Wollpullover – so begeisterte Valérien Zuschauer und Gäste. Sein Motto: „Ich mach’ keine Reportagen auf Kosten anderer, und auch bei Interviews soll keiner als Sieger oder Verlierer den Ring verlassen.“

Er erhielt für seine Arbeit zahlreiche Preise, darunter den Bambi und die Goldene Kamera sowie 2004 den Ehrenpreis beim Bayerischen Fernsehpreis. Leidenschaft für sein Metier bei Wahrung der journalistischen Distanz, das war die Devise des Moderators. „Formvollendet im Ton, doch unerbittlich in der Sache“, hat Dieter Kürten den Interviewstil seines Wegbegleiters einmal beschrieben. Dabei gab sich Valérien mit der Berichterstattung über Sport nicht zufrieden. 1973 forderte der Moderator den Olympiadritten über 200 Meter Freistil, Werner Lampe, zum Wettschwimmen auf. Valérien, damals mit 50 Jahren weit mehr als doppelt so alt wie Lampe, startete mit Schwimmflossen – und schlug eine Zehntelsekunde vor dem Spezialisten an.

Harry Valérien.
Harry Valérien.Foto: dpa

Seine große Karriere musste sich der Sohn eines Pressefotografen gegen allerlei Widerstände erarbeiten. Mit 14 Jahren war seine Mutter bei einem Autounfall gestorben, ein Jahr darauf erlag sein Vater einem Herzleiden. Neben Kollegen mit Hochschulabschluss fühlte sich der Reporter ohne Abitur oft klein, wie der gebürtige Münchner in einem Fernsehinterview zugab.

Dabei war die große Sportwelt sein Zuhause. Von 1952 bis 1996 berichtete Valérien von Olympischen Spielen. Spezialgebiet des begeisterten Skifahrers war der Wintersport. Vielseitigkeit bewies Valérien außerdem als Gastgeber der Verkehrssendung „Telemotor“, gegen Ende seiner Laufbahn moderierte er an der Seite von Amelie Fried die ZDF-Talkshow „Live“. Nur einmal dürfte Valérien seinen Arbeitgeber enttäuscht haben. 1983 schlug er das Angebot aus, Sportchef des ZDF zu werden. Reporter zu sein, sage ihm mehr zu als Verwaltungsarbeit, begründete Valérien seine Entscheidung. Eine Rückkehr zum Bayerischen Rundfunk lehnte er mit Verweis auf den „Intrigenstadl“ ebenfalls ab.

„Man hat nur das gemacht, was einem Spaß gemacht hat“, sagte „Mister Sportstudio“ 2004, als ihm der Ehrenpreis des Bayerischen Fernsehpreises überreicht wurde. „Soll man dafür noch einen Preis bekommen?“ Für jüngere Kollegen sah sich Valérien nicht als Vorbild. „Gehen Sie Ihren eigenen Weg“, riet er Günther Jauch zu dessen Einstieg beim „Sportstudio“. Nach seinem Abschied vom ZDF kommentierte Valérien bis 1997 bei Sat.1 und Premiere Golf-Turniere.

Im Privatleben musste der Bayer nach dem frühen Tod der Eltern weitere Schicksalsschläge verkraften. 2007 war seine jüngere Tochter Laila mit 42 Jahren an Brustkrebs gestorben. 1986 erlitt der begeisterte Skifahrer und Schwimmer einen Herzinfarkt. Im Fernsehen hatte man ihn in den vergangenen Jahren bei der einen oder anderen Talkshow gesehen. Mit seiner norwegischen Frau Randi lebte die Reporterlegende am Starnberger See. Seine Ehefrau war bei ihm, als Valérien am Freitagabend auf der Heimfahrt von einem Treffen mit ehemaligen Kollegen und Skirennläufern im Auto an Herzversagen starb.

„Er ist ganz friedlich eingeschlafen“, sagte der Extremkletterer Stefan Glowacz, der mit Valériens Tochter Tanja verheiratet ist. Harry Valérien wurde 88 Jahre alt. ZDF-Intendant Thomas Bellut würdigte ihn als einen der ganz Großen im Sportjournalismus: „Harry Valérien hat die Sportberichterstattung des ZDF nachhaltig geprägt. Noch heute, mehr als zwei Jahrzehnte nach seinem Abschied vom ,Aktuellen Sportstudio’, ist er eine bekannte Größe. Harry Valérien wird uns sehr fehlen.“

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