Nachruf : Sein Herz schlug links - zum Tod von Dietmar Schönherr

Der österreichische Schauspieler und Moderator Dietmar Schönherr war ein aufklärerischer Fernsehunterhalter im besten Sinne. Seine Talkshow „Je später der Abend“ ist unvergessen wie auch sein soziales Engagement. Ein Nachruf.

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Dietmar Schönherr.
Dietmar Schönherr.Foto: pa/dpa

Wenn Fernsehunterhaltung aufklärerisch sein will, weil Fernsehunterhalter im sozialdemokratischen Sinne links sind, dann hat Dietmar Schönherr Großartiges geleistet. Seine Talkshow „Je später der Abend“, zum Starttermin übrigens die erste im deutschen Fernsehen, war fern der Dampfplauderei, Schönherr wollte von seinen Gästen was wissen, seine Gäste mussten was erzählen. Nicht im Beichtstuhlverfahren, sondern in aller Offenheit und Ehrlichkeit kontrovers. Es ging auch um Haltung im Leben, in der Politik. Dietmar Schönherr, der seine Moderatorenrolle niemals als Besänftiger interpretierte, bekam Morddrohungen; Personenschützer zogen auf. Gegen dieses Artefakt der TV-Unterhaltung wirkt „Markus Lanz“ wie ein Streichelzoo.

Dabei konnte das Publikum von diesem Gastgeber nicht überrascht sein. Schon die Fernsehshow „Wünsch Dir was“, die das ZDF von 1970 bis 1972 ausstrahlte, bot mutiges Fernsehen auf subversiver Grundlage. Die Kandidaten hatten riskante Spiele zu bestehen, beinahe wäre einer ertrunken. ZDF-Redaktion und das Moderatorenduo – das Ehepaar Vivi Bach und Dietmar Schönherr – fuhren eine subversive Linie, gegen die „heile Familie“. Familien waren nämlich Kandidaten, die Aufgaben strapazierten deren Harmonie, wer ans Gewinngeld wollte, musste sich schon mal durch Schlangen wühlen. In einer Show waren Mitglieder der „Kommune 1“ zu Gast, lange Haare, langer Bart, schockierenderweise sympathisch. Das ZDF-Publikum spaltete sich, in Schönherr-Hasser und Schönherr-Verehrer.

Seine TV-Chance war die Provokation, er war nicht so charmant wie Hans-Joachim Kulenkampff, nicht so pointenstark wie Thomas Gottschalk. Er war eine Versuchung, sein Unterhaltungsfernsehen die Absage an den steifen Anzug. Und es passte eben prima in die 1968er Jahre.

Seinen Adelstitel "Edler von Schönleiten" hat er nie getragen

Dietmar Schönherr hat sich später als „zornigen, rasenden und wütenden Menschen“ bezeichnet. Da hatte er einen sehr langen Weg hinter sich. Geboren am 17. Mai 1926 in Innsbruck als Edler von Schönleiten, ein Adelstitel, den Schönherr nie führte. Sein Vater ein General, nach dem „Anschluss“ Österreichs an NS-Deutschland in der Wehrmacht. Sein Sohn meldete sich freiwillig zum Kriegsdienst, um dann, im April 1945, sich ebenso von selbigem zu verabschieden. Schönherr desertierte aus der Wehrmacht und aus seiner NS-Jugend, immunisiert gegen jeden rechten Überschwang.

In dem Ufa-Film und Durchhaltetraktat „Junge Adler“ hatte er 1944 in Potsdam erstmals vor der Kamera gestanden. Es folgte eine solide Schauspielausbildung, Wehrmacht, wieder Schauspielerei, dann aber spannte Schönherr die Flügel aus. Beim Österreichischen Rundfunk arbeitete er bis 1952 als Sprecher, Schauspieler, Regisseur, Reporter und Autor. Wechsel nach Köln zum Westdeutschen Rundfunk, Moderator und Hörfunkdramaturg. Aber das „Schaugeschäft“ ließ ihn nicht los. Kinoerfolge wie der Willy-Birgel-Film „Rosenmontag“ von 1955, Fernsehspiele („Königliches Abenteuer“, „Schau heimwärts, Engel“ nach dem Thomas-Wolfe-Roman) ließen ihn die Schauspielerei intensivieren.

Und dann, 1966 war’s, sah die Zukunft so großartig aus, wie eine Zukunft nie wieder großartiger aussehen kann. „Was heute noch wie ein Märchen klingt, kann morgen Wirklichkeit sein – hier ist ein Märchen von übermorgen“, so jubelte im September jenes Jahres der Vorspann zur Science-Fiction-Serie „Raumpatrouille – Die phantastischen Abenteuer des Raumschiffes Orion“. Schönherr spielte den Commander Allister MacLane, cool, entschlossen, ein ganzer Kerl (der Offizierssohn quasi als Wasserzeichen), ein Feind der Frogs und ein Mann der Frauen. Nur sieben Folgen brauchte die Serie, dann war der Kultstatus begründet.

Dietmar Schönherr zog daraus mächtige Dividende. Er spielte in über hundert Kinofilmen mit, machte Hunderte von Fernsehproduktionen, stand auf renommierten Theaterbühnen wie dem Schauspielhaus Zürich, war Mitinitiator der Volksschauspiele, tat sich als Synchronsprecher, Schriftsteller und Regisseur hervor. Eines seiner Bücher, „Die Präsidentenbeschimpfung“ von 1983, rekurrierte auf jene Talkshow im Schweizer Fernsehen, als Schönherr den US-Präsidenten im Nebensatz als „Arschloch“ bezeichnete. Riesenaufregung, Auftrittsverbot, aber Schönherr war, um mit seiner Lieblingsvokabel zu sprechen, das „wurscht“. So angenehm, so weich seine Stimme war, sein Charakter war gerade, ja MacLane-haft unerschrocken.

Dietmar Schönherrs Herz schlug links

Und sein Herz schlug links. Vielleicht noch wichtiger als sein künstlerisches Schaffen – enorm in der Spannweite, populär, ohne gefällig sein zu wollen – war Schönherr selbst sein soziales Engagement. Nachdem er Anfang der 1980er Jahre die deutsche Friedensbewegung unterstützt hatte, engagierte er sich vor allem in Nicaragua. In dem mittelamerikanischen Land, das zu den ärmsten der Welt gehört, baute er gemeinsam mit dem Dichter Ernesto Cardenal in der Stadt Granada die „Casa de los Tres Mundos“ auf, ein Kulturzentrum für Kinder und Jugendliche. Um das Projekt zu finanzieren, gründete Schönherr eine Stiftung, aus der 1994 der Verein Pan y Arte hervorging. Dessen Name („Brot und Kunst“) geht auf ein Zitat Schönherrs zurück: „Brot und Kunst sind die wichtigsten Lebensmittel des Menschen. Wir kümmern uns um beides.“ Für den Künstler und Menschen Dietmar Schönherr war Engagement für andere, Schwächere, kein Wort, sondern Tat. Mit seiner Entwicklungshilfe zog er einen zweiten roten Faden durch sein sehr bewegtes Leben. Konsequenter hat das nur der kürzlich verstorbene Karlheinz Böhm gemacht, als er sich zugunsten seines Engagements in Afrika von der Schauspielerei lossagte. Böhm, Österreicher wie Schönherr.

Wer Dietmar Schönherr nachruft, der darf von der Liebe nicht schweigen. Seit 1965 war er in zweiter Ehe mit der dänischen Schauspielerin, Sängerin und Malerin Vivi Bach verheiratet. „Ein großes Glück“, „eine symbiotische Beziehung“ bis zu Bachs Tod 2013 nannte Schönherr dieses unbedingte Zusammensein-Wollen mit der sanften Schönen aus Europas Norden. Und Schönherr, der auch ein Egomane bis zum Egoismus sein konnte, nahm Rücksicht. Bach fürchtete sich vor Menschenansammlungen, ihr war schon die abstrakte Größe der 30 Millionen Zuschauer bei „Wünsch Dir was“ unheimlich gewesen. Das Paar zog nach Santa Eulalia auf Ibiza.

In der Nacht zum Freitag ist der Schauspieler, Moderator und Autor Dietmar Schönherr gestorben. Im Alter von 88 Jahren, auf Ibiza. Ein Menschendarsteller, auch ein Menschenskeptiker, der aber nicht aufhörte zu glauben, dass der Mensch besser sein kann, besser werden kann im Lauf seines Lebens.

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