Nationale Wohlstandsstudie : Sicherheit ist Deutschen wichtiger als Steigerung des Lebensstandards

Es muss nicht unbedingt ein Haus am Meer sein: Für die Mehrheit der Deutschen sind Stabilität und Sicherheit die wichtigsten Wohlstandskriterien

Susanne Grautmann
Zukunftsforscher Horst W. Opaschowski am Dienstag in Berlin
Zukunftsforscher Horst W. Opaschowski am Dienstag in BerlinIpsos

Die Krise hat Konjunktur. Seit der Jahrtausendwende scheint kaum ein Tag ohne Negativschlagzeilen zu vergehen. Der 11. September 2001, die Finanz- und die ökologische Krise haben dazu beigetragen, ein Klima der Verunsicherung zu schaffen.

Diese Verunsicherung spiegelt sich auch in den Ergebnissen des am Dienstag in Berlin veröffentlichten Nationalen Wohlstandsindex für Deutschland. In der repräsentativen Studie hat das Markt- und Sozialforschungsinstitut Ipsos in Zusammenarbeit mit dem Zukunftsforscher Horst W. Opaschowski erhoben, was die Deutschen heute unter Wohlstand verstehen, und wie sie ihre persönliche Wohlstandssituation einschätzen.

Die Meinungsforscher haben ökonomische, gesellschaftliche, ökologische und individuelle Aspekte von Wohlstand in ihren Erhebungen berücksichtigt, für die sie in der Zeit zwischen 2012 und 2014 rund 16 000 Deutsche befragt haben. Für die Mehrheit der Teilnehmer ist ökonomische Sicherheit das zentrale Merkmal von Wohlstand. Die drei am häufigsten genannten Kriterien für Wohlstand sind „keine finanziellen Sorgen“ (75 Prozent), „ein sicheres Einkommen“ (68 Prozent) und „ein gesicherten Arbeitsplatz“ (62 Prozent). Auch eine gute medizinische Versorgung (55 Prozent) und keine Angst vor der Zukunft zu haben (54 Prozent) gehört für die Mehrheit der Studienteilnehmer zum Wohlstand.

Für Zukunftsforscher Opaschowski zeigen die Ergebnisse, dass für die Deutschen Stabilität und Sicherheit die wichtigsten Größen für das subjektive Wohlstandsempfinden sind. Demgegenüber spiele die Erhöhung des Lebensstandards nur noch eine untergeordnete Rolle.

Die Realität der Befragten weicht von ihrem Wohlstandsverständnis allerdings oft deutlich ab: So geben nur 36 Prozent der Befragten an, keine finanziellen Sorgen zu haben, und nur 38 Prozent sagen, dass sie keine Angst vor der Zukunft haben.

Bei der Einschätzung der Jobsicherheit zeigt sich eine große Diskrepanz zwischen Ost und West: In den ostdeutschen Ländern empfindet nur gut jeder Dritte seinen Job als sicher, während in Hamburg und Bayern über 60 Prozent ihren Job für sicher halten. Die Studie steht inhaltlich in Zusammenhang mit der parteiübergreifenden Enquête-Kommission des Deutschen Bundestages, die sich von 2011 bis 2013 mit einem mehrdimensionalen Begriff von „Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität“ befasst hat. Auch die große Koalition hat sich des Themas angenommen. Nach der Kabinettsklausur am 14. Januar 2014 sagte Kanzlerin Angela Merkel, dass die Politik Antworten auf die Frage erhalten wolle, welche Ansprüche die Bürger an ein gutes Leben stellen.

Die Verfasser der Studie glauben nicht, dass allein anhand der Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts abgelesen werden kann, wie sich der Wohlstand in Deutschland entwickelt. Vielmehr bedürfe es eines Wachstums auf breiter Basis – auch in Wirtschaft und Wissenschaft, Natur und Kultur, in der Familie und im sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft.  

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