Nato und Atomschlag : Die Rede der Queen zum Dritten Weltkrieg

Das britische Nationalarchiv hat das vorbereitete Manuskript vom 4. März 1983 veröffentlicht, mit dem Königin Elizabeth II. im Falle eines bevorstehenden Atomkriegs vor die Nation getreten wäre.

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Sie hat die Rede wohl nie gesehen. Königin Elizabeth II. 1983.
Sie hat die Rede wohl nie gesehen. Königin Elizabeth II. 1983.Foto: picture alliance / empics

Die Rede endet wie immer: Mit einem „God Bless you all“ – Gott beschütze euch. Aber man braucht sich die jüngere Stimme der Queen gar nicht vorstellen und spürt schon die Schauer, die den Briten über den Rücken gelaufen wären, hätten sie die Rede gehört, wäre sie tatsächlich gehalten worden. Es ist die Rede, mit der die Queen ihr Volk auf den Untergang vorbereitet.

Zwei lachsfarbene, getippte Schreibmaschinenseiten bringen die bizarre Atmosphäre des Kalten Krieges in Erinnerung. „Text einer Botschaft an die Nation, gesendet von Ihrer Majestät der Queen mittags am Freitag, 4 März 1983“ steht darüber, aber auch „geheim“ und mehrfach: „Übung, Übung, Übung“. Die Rede ist Teil der Nato-Übung „Wintex-Cimex 83“, in der ein Ausbruch des Atomkrieges simuliert wurde.

Die Queen hat die vorbereitete Rede zum Dritten Weltkrieg wahrscheinlich nie zu Gesicht bekommen

Die Queen beschreibt in dieser Rede, wie man gerade noch Weihnachten und die Bande der Generationen untereinander feierte und leitet dann abrupt über. „Nun breitet sich dieser Wahnsinn des Krieges wieder über die Welt aus und unser tapferes Land muss sich wieder darauf vorbereiten, gegen alle Wahrscheinlichkeit zu überleben.“ Düster warnt sie: „Wir alle wissen, dass die Gefahren, die uns heute drohen, größer sind als jemals in unserer langen Geschichte. Der Feind ist nicht der Soldat mit seinem Gewehr, oder der Flieger im Himmel über unseren Städten, sondern die tödliche Gewalt missbrauchter Technologie.“ Die Queen stimmt ihre Untertanen auf die Atom-Apokalypse ein. Aber sie gibt auch einen Funken Hoffnung. „Welcher Terror auch auf uns wartet, die Charaktereigenschaften, die uns in diesem traurigen Jahrhundert schon zweimal geholfen haben, unsere Freiheit zu bewahren, werden wieder unsere Stärke sein.“

Auf rosa Geheimpapier. Ausschnitt des Redemanuskripts.
Auf rosa Geheimpapier. Ausschnitt des Redemanuskripts.Foto: The National Archive, Kew

Die Rede, die von der Queen möglicherweise nie gesehen wurde, zeigt, mit welcher Intensität und Fantasie die Kriegsspiele der Nato durchgeführt wurden. Dabei wurden in Echtzeit Kriegsszenarien durchgespielt und das Funktionieren oder Versagen der Abschreckungspolitik durchgespielt. In einem dicken Buch im britischen Nationalarchiv sind die Dokumente der Übung zusammengestellt. Zweimal im Jahr wird vom britischen Nationalarchiv bislang Geheimes aus den Regierungsstuben bekannt gemacht, in der Regel nach 30 Jahren.

1983 herrschte Kalter Krieg zwischen West und Ost

1983 war das Jahr des berühmten „Nato-Doppelbeschlusses“. Namen wie „Pershing II“ und „SS-20“-Raketen bestimmten die Debatte. Zum ersten Mal schien ein auf Europa beschränkter Nuklearkrieg vorstellbar. Der Kalte Krieg ging seinem Höhepunkt, aber auch seinem Ende entgegen. In Deutschland schwoll die Friedensbewegung an, es gab Menschenketten von Demonstranten von Stuttgart nach Ulm, 21 Kilometer lang bei Greenham Commons in England. In der Sowjetunion war der Hardliner Juri Andropow ans Ruder gekommen. US-Präsident Ronald Reagan bezeichnete die Sowjetunion als „Reich des Bösen“ und wollte mit einer Politik der Stärke die Sowjetunion zur Abrüstung zwingen. Am 1. September wurde der Korean Air Lines Flug 007 über sowjetischem Luftraum abgeschossen und 269 Personen an Bord getötet. In Regierungsamtsstuben und Generalstäben simulierte man den Ernstfall.

Bei der Übung Wintex-Cimex hatten zu diesem Zeitpunkt die Angreifer „Orange“ – direkte Referenzen auf die Warschauer-Pakt-Staaten wurden taktvoll vermieden – bereits Luftangriffe auf Großbritannien und die europäischen Partner verübt und ein Atomkrieg schien unvermeidlich. Britische Truppen sind schon im Einsatz: Die Queen nimmt auf Prinz Andrew Bezug, der sich eben im Falkland-Krieg ausgezeichnet hatte und nun mit anderen „Söhnen und Töchtern, Ehemännern und Brüdern ausgezogen ist, um seinem Land zu dienen“. Und sie erinnert sich, wie sie und ihre Schwester Margaret die Kriegsansprache ihres Vaters, König Georg VI., hörten – die in dem Film „The King’s Speech“ der dramatische Höhepunkt war. „Keinen Augenblick meines Lebens hatte ich gedacht, dass diese feierliche, schreckliche Pflicht auch einmal auf mich fallen würde.“

Teil der Übung sind auch imaginierte Zeitungsartikel. In einem wird der damals gerade neun Monate alte Prinz William gezeigt, wie er bei der Taufe von Prinz Charles gehalten wird. „Pass auf ihn auf. Wir brauchen ihn noch“, lautet die Schlagzeile.

Buckingham Palace hat keine Stellung zu der Rede genommen

Buckingham Palace hat zu der Veröffentlichung keine Stellung genommen, auch nicht dazu, ob die Queen den Redetext je zu Gesicht bekam. Die Archive geben neue Informationen über „Atomstellvertreter“ – jeder neue Premier musste drei Personen benennen, die über Atomeinsätze entscheiden konnten, sollte der Premier einem Feindangriff zu Opfer fallen. Neue Premiers mussten auch geheime Anweisungen an die Kommandeure der „Polaris“-Atom-U-Boote für den Fall geben, dass Großbritannien ausgelöscht und die U-Boot-Besatzungen die einzigen Überlebenden des Staates sind. Zum Schlimmsten kam es auch in der Übung nicht: Großbritannien kündigt in dem vorliegenden Szenario den bevorstehenden Einsatz seiner Atomwaffen an, worauf die „Orange“-Führer um Friedensverhandlungen bitten.

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