Noch drei Monate : Olympia in London - mit Sicherheit ins Chaos

Strenge Kontrollen gegen Terroristen könnten die Olympischen Spiele in London zu einem Albtraum für Besucher werden lassen.

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Für den Fall eines Luftangriffs. Luftabwehrbatterien im Olympischen Dorf.
Für den Fall eines Luftangriffs. Luftabwehrbatterien im Olympischen Dorf.Foto: AFP

Heathrow macht den Briten weniger als drei Monaten vor Beginn der Olympischen Spiele mehr als Kopfzerbrechen. Die alte Sorge, wie man Zehntausende von Sportlern und Besucher angesichts der überlasteten Londoner Infrastruktur zum Olympiagelände bringen soll, wird nun von einer neuen Sorge überschattet. Wie kommen die Besucher überhaupt ins Land?

„Schlicht unakzeptabel“, heißt es vom Unternehmerverband CBI zu den Warteschlangen vor den Passkontrollen in Heathrow. „Die üble Reputation von Heathrow beschädigt den Ruf Großbritanniens“, schimpfte Londons Bürgermeister Boris Johnson. Besorgt fragen sich Olympiaveranstalter angesichts des Chaos im Flughafen, wie lange es dauern wird, die Olympiabesucher durch die Sicherheitskontrollen in die Sportstadien zu schleusen. Sicherheit wird großgeschrieben. Ob der Ring von sechs Raketeneinheiten mit Boden-Luft-Abwehrraketen um das Olympiagelände zur Beruhigung beiträgt, steht aber auf einem anderen Blatt. Eine dieser Abschussrampen soll auf dem Dach eines Wohnblocks in Bow in Ostlondon aufgebaut werden – wenn Proteste keinen Strich durch die Rechnung machen.

Der 30. April war am Flughafen Heathrow der bisher schlimmste Tag. Im Terminal 4 mussten Ankömmlinge drei Stunden warten, bis sie die Passkontrolle erreichten, zeigt die Statistik des Flughafenbetreibers BAA. Handybilder zeigen das Getümmel. Die Stimmung sei „kurz vor dem Zusammenbruch“ gewesen, wurde berichtet. Tausende klatschten im Protest langsam in die Hände. Einige wollten an Beamten einfach vorbeistürmen. Besorgt um seinen Ruf entschuldigte sich Flughafenbetreiber BAA bei den Passagieren mit Flugblättern – und forderte die Reisenden auf, sich bei der Regierung zu beschweren. „Wer in unser Land einreist, verdient ein herzlicheres Willkommen“, stand auf dem Blatt.

An den meisten Tagen im April wurden die vorgeschriebenen Höchst-Wartezeiten überschritten. „Wir wissen, dass das nicht gut genug ist“, gab Einwanderungsminister Damien Green zu. Aber an allen Ecken und Enden fehlt Personal. Es müssen nur zwei große Airbusse bei einem der fünf Terminals gleichzeitig landen und schon stehen 1000 Menschen vor den Schaltern.

Nun wollen die Zollbeamten auch noch streiken. Am 10. Mai wollen sie gegen Sparmaßnahmen, Stellenstreichungen und Kürzungen ihrer Altersrenten protestieren. Als sei das nicht genug, ist laut „Times“ auch noch das Computersystem zusammengebrochen, das die Visumsanträge verwaltet. Ablaufende Visa zu verlängern, ist fast unmöglich. Im Visumszentrum in Croydon ist auf sechs Wochen hinaus kein Termin frei. Verlängerungsanträge per Post dauern sechs Monate. „Die Kompetenz der Regierung, eine Behörde zu führen, ist infrage gestellt“, urteilt die Zeitung.

Anfang der Woche trommelten Parlamentarier die Regierung ins Parlament. „Wir geben Milliarden für die Spiele aus, wir haben brillant gebaut, nun wird unser Ruf durch das inkompetente Management der Grenzpolizei ruiniert“, schimpfte ein Abgeordneter. Ausgerechnet an diesem Tag wurde London von der Internetseite „Trip Advisor“ zum „besten Reiseziel der Welt“ gewählt.

Wird Heathrow zu einer Chaosquelle für die Spiele? Der Flughafen ist schon lange ein Sorgenkind der Planer. Der 13. August, der Tag nach der Abschlusszeremonie, soll der umtriebigste Tag in der Geschichte des Flughafens werden. BAA baut einen Sonder-Terminal eigens für die 10 000 Sportler und Offizielle, die alle auf einen Schlag die Stadt verlassen wollen. Kritisch ist auch der Tag vor der Eröffnung. Am 26. Juli soll sich die Zahl der Passagiere um 45 Prozent erhöhen. Dabei operiert der Flughafen schon in normalen Zeiten an der Kapazitätsgrenze.

Die Regierung hat ein doppeltes Dilemma. Die Zahl der Passagiere wächst, aber aus Sparzwang wurden bei der Grenzbehörde „Border Agency“ 1000 Stellen gestrichen – zwölf Prozent. Dabei zwingt die Angst vor illegalen Einwanderern zu schärferen Kontrollen. Innenministerin Theresa May kam im November unter Druck, als herauskam, dass die Grenzbehörde nicht mehr jeden Einreisenden scharf kontrollierte, sondern sich, auch ohne Genehmigung von oben, auf „Risikogruppen“ konzentriert. Die Zahl gefälschter Pässe, die entdeckt werden, sank um 26 Prozent.

Nun werden Beamte vom Schreibtischdienst abkommandiert, flexiblere Dienstpläne eingeführt, ein „fliegendes Einsatzteam“ soll von Terminal zu Terminal geschickt werden – wo Not am Mann ist. Für die Spiele werden pensionierte Beamte aus der Altersruhe zurückgerufen. „Es wäre billiger gewesen, nicht so viele Beamte zu entlassen“, schimpfen die Gewerkschaften. Fluglinien sollen zur Kasse gebeten werden und eine bessere Ausstattung der Grenzschützer wie schnellere Lesegeräte finanzieren. Für British-Airways-Chef Willie Walsh kommt das nicht infrage. „Die nehmen bereits Milliarden durch hohe Landegebühren und Passagiersteuern ein.“

All diese Kosten sind nichts im Vergleich zu den Ausgaben für die Sicherheit der Olympischen Spiele, die sich bereits auf über eine halbe Milliarde Pfund verdoppelt haben. 12 500 Polizisten und ebenso viele Soldaten werden, neben privaten Sicherheitsbeamten, im Einsatz sein. 800 Marinesoldaten werden auf dem Kreuzer HMS Ocean in der Themse stationiert. Von dort werden auch Typhoon-Kampfflieger und Hubschrauber mit Stinger-Raketen befehligt, die den Luftraum über den Olympischen Spielen gegen mögliche Terrorattacken sichern sollen. Die umstrittenen Raketenabwehrbasen, beruhigt Olympia-Militärchef General Sir Nick Parker, seien „die letzte Verteidigungslinie“, um eventuell nach 9/11-Vorbild angreifende Flugzeuge abzuschießen. Manöverübungen mit dem Code Namen „Olympic Guardian“ haben begonnen. „Wir üben für das denkbar schlimmste, aber auch unwahrscheinlichste Szenario“, beruhigte der General. Geübt wird auch, wie der Einsatzbefehl für einen Flugzeugabschuss gegeben wird – von Premier David Cameron.

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