Welt : Nur Indianer kennen keinen Schmerz

Männer gehen nicht gerne zum Arzt. Schon als Jungen werden sie dazu erzogen, die Zähne zusammenzubeißen Unser Autor hat sich trotzdem in einem Männergesundheitszentrum untersuchen lassen und dabei manche Überraschung erlebt

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Seltener Anblick. Nur 16 Prozent aller Männer gehen zu Früherkennungsuntersuchungen – wie hier mit Ultraschall. Foto: picture-alliance
Seltener Anblick. Nur 16 Prozent aller Männer gehen zu Früherkennungsuntersuchungen – wie hier mit Ultraschall. Foto:...Foto: picture-alliance / Creasource

„So, dann kommen Sie mal zur Urteilsverkündung, Herr Bünger“. Nach zwei Jahren habe ich mich endlich dazu durchgerungen, das private Männergesundheitszentrum (MGZ) in der Friedrichstraße zu besuchen. Die Ergebnisse sind schneller da: Schon nach fünf Stunden liegen die Blut- und Urinwerte vor. Der Urologe hatte mir, während er meine Prostata untersuchte, bereits angekündigt, dass der Internist am Ende meist der Spaßverderber ist. In diesem Fall heißt der „Bad Guy“ Michael Mocny. Er hat das Zentrum in Berlin vor gut einem halben Jahr eröffnet. Im abschließenden Gespräch fasst er Zahlen, Daten, Fakten zusammen: „Herr Bünger, wir sehen Sie auf einem Weg. Aber es ist der verkehrte. Sie müssen umkehren. Sie bekommen ein chronisch ,steifes Herz‘, wenn Sie so weiterleben wie bisher. Es ist aber noch nicht zu spät.“ Der Rückweg würde kein leichter sein, das hatte ich schon vor dem Gang in die Friedrichstraße geahnt.

Keine Herz- oder andere Beschwerden hatten mich zu dieser Untersuchung getrieben. Nicht einmal mein chronisches Asthma. Sondern meine Frau. „Es wird Zeit, Du bist 50 geworden“, hatte sie gesagt, immer wieder. Bis ich schließlich 51 wurde. Zwei Besucher im Wartezimmer sagen: „So war es bei mir auch.“ Männer lassen sich nicht gerne drängen. Und sie gehen auch nicht gerne zum Arzt. Besonders unbeliebt sind Besuche beim Urologen, der ihnen sehr persönliche Fragen stellt und dann auch noch besonders intim wird: Nicht einmal ein Viertel der Männer nutzen die Vorsorgeuntersuchung der Prostata. Männer betreiben lieber Reparaturmedizin. „Sie gehen einfach riskanter mit ihrer Gesundheit um als Frauen“, beobachtet Thomas Altgeld, Geschäftsführer der Landesvereinigung für Gesundheit Niedersachsen, immer wieder. Grund sind für den Psychologen vor allem die Geschlechterrollen. Ein heute 50-Jähriger ist mit Sprüchen wie „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ oder „Ein Junge weint doch nicht!“ aufgewachsen. Ältere Jahrgänge haben noch ganz andere Durchhalteparolen zu hören bekommen. Das Verhältnis des Mannes zum eigenen Körper – es ist eher instrumentell.

Folgt man dem Gesundheitswissenschaftler Theodor Klotz, nehmen nur 16 Prozent der Männer Früherkennungsuntersuchungen wahr. Nur etwa 66 Prozent der Männer zwischen 30 und 70 kennen ihr Gewicht, nur rund 35 Prozent ihren Blutdruck. Frauen absolvieren solche Untersuchungen im Laufe ihres Lebens etwa viermal häufiger. So zynisch es klingen mag: Dies sind ideale Voraussetzungen für eine gute Geschäftsidee, nämlich private Check-up-Programme zur Vorsorge für Männer. Natürlich bieten auch gesetzliche Krankenkassen Vorsorgechecks an, aber eben nicht im Paket. Dem Argument vieler Männer, zu einem Langstreckenlauf durch verschiedene Facharztpraxen weder Zeit noch Lust zu haben, setzt man in der Friedrichstraße Hightech-Apparatemedizin und Schnelligkeit entgegen. Der Vorsorge-Parcours aus Fragebögen, urologischer Begutachtung, Ultraschalluntersuchungen der wichtigsten Organe, Lungenfunktionstest und Belastungs- EKG ist nach fünf Stunden abgeschlossen. 900 Euro kostet so ein Untersuchungs-Cocktail. „Natürlich ist das nicht billig“, sagt Mocny, „aber überlegen Sie mal, wie schnell Männer bereit sind, einige hundert Euro für ein neues Navigationsgerät auf den Tisch zu legen.“

Im MGZ arbeiten niedergelassene Fachärzte, die in Berlin eine eigene Praxis betreiben oder in einer Gemeinschaftspraxis arbeiten. Sie eint die Überzeugung, dass fachspezifischer Egoismus abgebaut und stärker interdisziplinär gearbeitet werden muss, um ein Gesamtbild des Patienten zu zeichnen. Eine Mitte April veröffentlichte Umfrage scheint dem recht zu geben. Fast 60 Prozent empfinden die Aktivitäten der Patientenversorgung als unzureichend aufeinander abgestimmt, zwei Drittel fühlen sich nicht gut in die individuelle Gestaltung der Behandlung miteinbezogen.

Das ist im Männergesundheitszentrum erkennbar anders. Die Kunden sind ja auch vor allem Privatversicherte und Beihilfeberechtigte. Es kommen aber auch Selbstzahler. Die lebensrettende Vorsorgeindustrie beackert ein großes Umsatzfeld. Die Erlösgrenzen nach oben sind theoretisch offen. Niemand kann einem Patienten garantieren, dass die erbrachten ärztlichen Leistungen allein von medizinischen Überlegungen bestimmt sind.

Angebote, wie sie das Männergesundheitszentrum macht, gibt es immer mehr. Ein Preisvergleich lohnt sich. Gesetzlich versicherte Privatzahler finden Privatpraxen, die Gesundheitschecks ab 400 Euro anbieten. Das Konzept scheint jedenfalls aufzugehen, auch international. Im MGZ spricht man auch Russisch und Arabisch. Mit mir spricht man Tacheles. „Sie haben erhöhten Blutdruck, Ihr Herz pumpt zu viel“, so Mocny. Er deutet auf den Monitor, während der Ultraschallkopf über meinen Brustkorb glitscht. „Unbehandelter hoher Blutdruck, ein leichtes Übergewicht von 85 Kilogramm bei 179 Zentimetern Körpergröße, nicht fit, dann Ihr Asthma – da kommt eins zum andern. Metabolisches Syndrom nennen wir das. Sie sind auf dem Weg zum Herz- und Schlaganfall. Außerdem beginnt Ihre Bauchschlagader zu verkalken und Ihr Stoffwechsel könnte Ihnen entgleisen.“ Meine Gesichtszüge waren bereits entgleist. Meine Frau hatte recht („Geh’ zur Vorsorge, sonst bist Du bald fällig“). In meiner Silhouette erkannte ich mit Schrecken die Figur meines Großvaters wieder. Der war vor vierzig Jahren von einer Sekunde auf die andere tot zusammengesackt, während er gerade mit großem Schwung eine Rede gehalten hatte.

Die meisten Männer gehen mit einer therapiebedürftigen Diagnose nach Hause, sagt der Internist. Oft nehmen sie die für Laien schlecht überprüfbare Aussage mit, dass sie von ihrem Hausarzt nicht so behandelt werden, wie es dem neuesten Stand der Forschung entspräche. An diesem Vormittag sind drei von vier Patienten „unbehandelt krank“, wie es die Ärzte ausdrücken. Auch ich gehöre dazu. „Eine letzte Frage noch: Wie steht es um meine Restlaufzeit?“ – „Sie haben eine ganz normale Lebenserwartung“, sagt Urologe Jörg Schröder, „wenn Sie Ihren Lebensstil ändern und sich behandeln lassen.“

Männergesundheitszentrum an der Meoclinic, Friedrichstraße 71, Tel. 0800/0020600, www.mgz-berlin.de

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