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Oberster Gerichtshof Italien : Freispruch für Amanda Knox

Amanda Knox ist vom Obersten Gerichtshof in Italien freigesprochen worden - aus Mangel an Beweisen. Das Gericht kippte damit am Freitag die Verurteilung zu langen Haftstrafen aus vorheriger Instanz. Die Urteilsberatungen hatten sich am späten Abend lange hingezogen.

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Amanda Knox trat am Freitagnacht mit ihrer Familie in Seattle vor die Presse Foto: Stephen Brashear/AFP
Amanda Knox trat am Freitagnacht mit ihrer Familie in Seattle vor die PresseFoto: Stephen Brashear/AFP

Mit einem derart günstigen Urteil hatten nicht einmal die Verteidiger gerechnet: Amanda Knox (29) und ihr früherer Freund Raffaele Sollecito (31) sind endgültig freigesprochen worden. Siebeneinhalb Jahr nach dem bestialischen Mord an der britischen Austauschstudentin Meredith Kercher befand das italienische Kassationsgericht in fünfter und letzter Instanz, Knox und Sollecito hätten „die Tat nicht begangen“. Doch restlos überzeugt scheinen nicht einmal die obersten Richter zu sein, sonst hätten sie ihrem eigentlich klaren Freispruch nicht angefügt: „aus Mangel an Beweisen.“

Knox und Sollecito erleichtert

Die Amerikanerin Knox und der Italiener Sollecito, mittlerweile mehr als nur einen Atlantischen Ozean weit voneinander entfernt, frohlockten einstimmig: Sie könnten jetzt „ihr Leben neu beginnen.“ Umso „überraschter und schockierter“ äußerte sich in England Arline Kercher, die Mutter der Ermordeten. „Schwer zu schlucken“ sei dieser Freispruch für die Angehörigen, sagte der Anwalt der Familie Kercher, der wie die meisten entweder eine Verurteilung oder zumindest den Rückverweis und damit eine erneute Verhandlung vor einem Berufungsgericht erwartet hatte.

Gleich zwei Verhandlungstage und anschließend mehr als zehn Stunden Beratungszeit hatten sich die Höchstrichter in Rom bis zum späten Freitagabend genommen – für ein Gericht, das normalerweise nur prüft, ob das Verfahren in den unteren Instanzen rechtlich korrekt abgelaufen ist, stellt das ein Novum dar. Die Richter beschäftigten sich diesmal mit der recht verworrenen Sache selbst und damit, wie die bisherigen Gerichte zu ihren diametral entgegengesetzten Urteilen gekommen waren. Im ersten Anlauf waren Knox und Sollecito verurteilt, dann freigesprochen worden. Daraufhin hatte das Kassationsgericht den Freispruch kassiert. Die folgende Neuverhandlung hatte den beiden Haftstrafen von 28,5 und 25 Jahren eingetragen.

Viele Fragen offen

Auf die neue Urteilsbegründung muss man, wie üblich in Italien, einige Wochen warten. Erst dann wird klar sein, wie die Höchstrichter zu ihrem Dreiviertel-Freispruch gefunden haben – und wie sie mit dem Widerspruch umgehen, der nun nicht mehr lösbar scheint: Der Einzige, der in dieser Sache rechtskräftig verurteilt ist – Rudy Guede (28) – hat seine 16 Jahre Haft nicht wegen Mordes, sondern nur wegen Mitwirkung an einer gemeinschaftlich begangenen Tat bekommen. Wenn aber das Kassationsgericht feststellt, dass Knox und Sollecito als Tatbeteiligte ausfallen: Wer hat dann Meredith Kercher erstochen?

Spekulationen gehen in Rom nun dahin, dass die Kassationsrichter ihren Freispruch für Knox und Sollecito eher mit dem „Fehlen an Beweisen“ begründen – und die italienische Spurensicherung heftig für die Schlampereien rüffeln werden, mit denen der Tatort untersucht und eine ordentliche Beweisführung erschwert worden ist. Das aufsehenerregendste Beispiel war jener Büstenhalter des Opfers, der in der blutverschmierten Studenten-WG von Perugia 46 Tage auf dem Boden gelegen hatte, angefasst und mit Schuhen getreten von allen möglichen Ermittlern. Auf dem Verschluss diesen BH’s hatten sich bei einer späteren Untersuchung tatsächlich DNA-Spuren von Sollecito gefunden, allerdings sehr wenige und vermischt mit anderen.

Zweifelhafte Beweise

Und während diese Spuren dem einen Gericht als hinreichender Beweis gegen den Angeklagten galt – die Rede war entweder von einem ausgearteten Sexspiel oder von gemeinschaftlicher Vergewaltigung mit „wachsender Aggressivität“ – zweifelten andere Richter die Gültigkeit eines derart malträtierten Beweisstücks radikal an. Sogar eine Gruppe amerikanischer Wissenschaftler hatte 2009 in das Verfahren eingegriffen: In einem Offenen Brief zerrissen sie den Umgang der italienischen Justiz mit dem DNA-Material – was seinerseits wieder nur eines von vielen Beispielen war für den enormen Druck aus den Vereinigten Staaten, denen sich die italienischen Gerichte ausgesetzt sahen. Amanda Knox, die nach dem ersten Freispruch 2011 ohne weiteren Verzug nach Hause gereist war, hatte ihre Landsleute durch Fernsehauftritte und sonstigen Medienwirbel weitgehend geschlossen auf ihre Seite gebracht.

Für die vier Jahre, die sie und Sollecito in Italien eingesessen haben, werden beide nun den Staat auf Entschädigung verklagen. Amanda Knox wird allerdings nicht viel bekommen: Drei Jahre ihrer Haft gelten als rechtmäßig. Sie ist dazu endgültig verurteilt worden, weil sie anfangs einen afrikanischen Musiker und Barbetreiber in Perugia für den Mord an ihrer Mitstudentin verantwortlich gemacht hatte. Es war blanke Verleumdung.

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