Welt : Organhandel: Nieren ohne Warteliste

Ludmila Rakusan

"Setzen Sie sich über moralische und ethische Grenzen hinweg, dann gibt es für Sie, Herr Müller, die Möglichkeit der Soforthilfe". Diese Aufforderung flatterte in den letzten Wochen per Brief in hunderte, vielleicht tausende Haushalte von chronisch kranken Nierenpatienten in Deutschland. Absender ist die Prager Firma "Transpla-Cent".

Das Unternehmen präsentiert sich in dem Schreiben als "internationale Selbsthilfeorganisation für Nierenkranke", die den Kontakt zwischen lebenden Organspendern und Empfängern vermittle. In der beigefügten Werbebroschüre, worin "Vermittlung von Nierentransplantationen ohne Warteliste" versprochen wird, ist dann noch einmal von der "Modifikation der moralischen Grenzen" die Rede. Auch eine detaillierte Beschreibung der Vorgangsweise samt Rechtsbelehrung fehlt nicht.

Ihren potentielle Kunden stellt sich die Firma als Ableger einer "Internationalen Transpla-Cent Clinic" im amerikanischen Nevada vor. Im tschechischen Handelsregister dagegen wird sie seit dem 2. August 2000 als "Vermittler für Handels- und Dienstleistungen" geführt. Geleitet wird das zwielichtige Unternehmen angeblich von einem 35-jährigen Russen.

Das Geld für die Firmengründung, zirka 11 000 Mark, zahlte jedoch nach Angaben im Handelsregister ein 37-jähriger Edgar Rudolf Artz aus Schwäbisch Gmünd ein. Der Sprecher von Transpla- Cent, Jürgen Meyer, gab unumwunden zu, dass die Firma in Prag das deutsche Gesetz unterlaufe. Nach deutschem Recht dürfen Transplantationsorgane lediglich von nahen Verwandten oder von toten Spendern stammen. Ärzte und Vermittler, die dagegen verstoßen, müssen mit hohen Geldstrafen und mit bis zu fünf Jahren Gefängnis rechnen.

Veraltete Gesetzeslage

In der Tschechischen Republik dagegen wird der Bereich der Organtransplantationen noch immer durch ein inzwischen absolut unzulängliches Gesetz aus den 60er Jahren geregelt. Organhandel wird darin nicht einmal erwähnt, geschweige denn verboten.

Die tschechische Polizei nahm bereits Anfang September Ermittlungen gegen Transpla-Cent auf. Sie arbeitet laut Polizeisprecherin Ivana Zelenakova mit Kollegen in West- und Osteuropa zusammen und kam vorläufig zu dem Schluss, dass man "in der Tschechischen Republik keine unrechtmäßige Organentnahme feststellen konnte". Das wird sich auch kaum ändern, denn nach Angaben von Dr. Jürgen Meyer wolle die Firma für eine Vermittlungsgebühr von 1 000 Mark lediglich Spender und Empfänger zusammenbringen. Die Operationen aber würden "von Spezialisten in Lateinamerika oder Russland durchgeführt".

Die "Ärzte-Zeitung" mit Sitz im hessischen Neu-Isenburg hatte den Fall vor zwei Wochen veröffentlicht und damit ins Rollen gebracht. Die Deutsche Stiftung Organtransplantation hatte darauf hin das deutsche Bundeskriminalamt eingeschaltet, das nun mit den Prager Behörden zusammenarbeitet. Trotz polizeilichen Ermittlungen und dem Einschalten des Bundeskriminalamtes wurde Transpla-Cent in Prag bislang offensichtlich nicht ernsthaft behelligt.

Noch Ende Oktober verschickte die Firma ihr Werbematerial munter weiter. Auch ihre Fax- und Telefonverbindungen funktionieren immer noch. Lediglich persönliche Besuche in dem renovierten Poliklinik-Gebäude in Prag-Sporilov, wo die Firma zusammen mit anderen Unternehmen aus der Gesundheitsbranche ihren Sitz hat, finden nur nach Absprache statt.

Der Leiter des größten tschechischen Transplantationszentrum IKEM, Stefan Vitko, wurde auf Transpla-Cent bereits Ende August über Kollegen aus Deutschland aufmerksam. Er ist überzeugt, dass seine Mitarbeiter in Tschechien ihre "moralischen Grenzen" nicht modifiziert und mit Transpla-Cent bestimmt nichts zu tun hätten.

Allerdings beschäftigt sich eine Sonderkommission des tschechischen Parlaments bereits seit Monaten ergebnislos mit dem schwerwiegenden Verdacht, dass im Sommer letzten Jahres in Ostrava einem noch nicht für gehirntot erklärten Patienten Organe zu Handelszwecken entnommen wurden.

Unsichere Rechtslage ausgenutzt

Ein modernes Transplantationsgesetz, das Strafhandlungen klar definiert, wird in Tschechien seit Jahren vorbereitet, seine Verabschiedung aber verzögert sich immer wieder. Das wird zunehmend ausgenutzt. Nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation warten derzeit zirka 12 000 bis 50 000 Dialyse-Patienten in Deutschland auf eine gesunde Niere, die es ihnen ermöglichen würde, wieder ein normales Leben zu führen. Jedoch nur für 2000 von ihnen stehen jährlich Spendernieren bereit. Die durchschnittliche Wartezeit beträgt fünf Jahre.

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