Organisiertes Verbrechen in Italien : Wie die Mafia eine Stadt übernahm

Ostia, Lieblingsstrand der Römer, wird von kriminellen Clans und Rechtsextremisten beherrscht. Doch nun soll der Gesetzlosigkeit Einhalt geboten werden.

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Auf Nummer sicher. Die Polizei soll gegen Drogenhandel und Geldwäsche vorgehen.
Auf Nummer sicher. Die Polizei soll gegen Drogenhandel und Geldwäsche vorgehen.Foto: Filippo Monteforte/AFP

Der Angriff erfolgte vor laufender Kamera. Ein Reporter des Staatsfernsehens RAI interviewte vor wenigen Tagen in Ostia Roberto Spada, Sohn des örtlichen Mafiabosses. Mitten im Gespräch versetzte Spada dem Journalisten einen heftigen Kopfstoß; danach prügelte er mit einem Schlagstock auf den Kameramann ein, der aber flüchten konnte.

Der Reporter musste mit gebrochenem Nasenbein ins Krankenhaus gebracht werden. Der 32-jährige Spada, ein bulliger Typ, der seinem Opfer körperlich weit überlegen war, muss mit einer Anzeige wegen Körperverletzung rechnen.

Thema des Interviews waren die lokalen Wahlen vom vergangenen Wochenende in Ostia, bei denen die neofaschistische Bewegung „Casa Pound“ fast zehn Prozent der Stimmen erzielt hat. Der Reporter wollte wissen, was in Ostia ohnehin jeder weiß: Ob es denn zutreffe, dass der Spada-Clan die Neofaschisten bei den Wahlen unterstützt habe?

Der Staat hat sich zurückgezogen

Die Gewalttat gegen den Journalisten hat bis in die höchsten Reihen der Politik Empörung ausgelöst. Roms Bürgermeisterin Virginia Raggi bezeichnete die Aggression als „inakzeptabel“ und besprach sich mit Innenminister Marco Minniti. Ex-Premier Matteo Renzi erklärte, der Vorfall sei von erschreckender Symbolik.

Das ist es in der Tat. Roms Stadtteil 10, wie Ostia administrativ heißt, ist in den vergangenen Jahren immer mehr zu einem Ort des sozialen Niedergangs und der Gesetzlosigkeit geworden – ein Territorium, aus dem sich der Staat schon lange verabschiedet hat.

Vor allem die Gegend um den sogenannten Idroscalo, wo einst Pier Paolo Pasolini ermordet worden war, ist trostloses Niemandsland. Hier stehen heruntergekommene Wohnblocks aus den Siebziger- und Achtzigerjahren. Die Mauern und die Wände sind mit Graffitis und Hakenkreuzen verschmiert, Müll liegt an allen Ecken herum. Auch die unzähligen „stabilimenti balneari“, die Badeanstalten, wo an den Sommerwochenenden hunderttausende sonnenhungrige Römer einfallen, sind von deprimierenden Eintönigkeit.

Dreck, Armut und Verbrechen

Der Zerfall und der Dreck, die Armut und die Arbeitslosigkeit bilden einen Nährboden, auf dem die Mafia und die „Faschisten des 3. Jahrtausends“, wie sich die Aktivisten von „Casa Pound“ gerne nennen, gleichermaßen gut gedeihen. Welche Sozialwohnung wem zugeteilt wird, entscheidet nicht mehr die Stadtverwaltung, sondern der harte Kern der Rechtsextremisten, die sich als Schutzpatrone der Mieter aufspielen. Der Räumung einer Wohnung stellen sie sich notfalls mit Gewalt entgegen – sofern Italiener und nicht Ausländer vom Räumungsbefehl betroffen sind.

Damit und mit dem Verteilen von Lebensmittelpaketen an Arme und Rentner ist zumindest ein Teil des Wahlerfolgs von „Casa Pound“ zu erklären. „Die machen wenigstens etwas für uns. Die Politiker der anderen Parteien sieht man lediglich kurz vor den Wahlen, dann verschwinden sie wieder“ – diesen Satz hört man immer wieder in Ostia.

Der Mini-Gemeinderat des Stadtteils 10 musste von der Regierung in Rom schon im August 2015 wegen mafiöser Infiltration aufgelöst werden. Für die Entsendung eines Kommissars, wie es in den Mafia-Nestern Süditaliens üblich ist, hat es dagegen nicht gereicht.

Zustände wie im Wilden Westen

So konnten sich in Ostia die Clans weiterhin mehr oder weniger ungestört der Schutzgelderpressung, der Geldwäsche und dem Drogenhandel widmen; dabei wurden laut der Römer Staatsanwaltschaft auch enge Verbindungen zur ’Ndrangheta, zur Camorra und zur Cosa Nostra aufgebaut.

„Ostia ist das neue Corleone, die Hauptstadt der Mafia, ein Territorium der Clans und der Einschüchterung“, schrieb der Bestsellerautor und Mafiakenner Roberto Saviano nach der Aggression gegen den RAI-Reporter auf Facebook.

Zeichen setzen. Römer gehen auf die Straße, um gegen den wachsenden Einfluss der Mafia in Ostia zu protestieren.
Zeichen setzen. Römer gehen auf die Straße, um gegen den wachsenden Einfluss der Mafia in Ostia zu protestieren.Foto: imago/Pacific Press Agency

Im Moment scheint es allerdings, dass der Kopfstoß von Roberto Spada die Politik aufgerüttelt hat. Innenminister Marco Minniti hat durchblicken lassen, dass er die Wild-West-Zustände in Ostia nicht länger dulden werde. „Der Vorfall ist äußerst schwerwiegend.

Schon allein aufgrund des Kalibers des Angreifers, aber auch, weil das Ziel der Gewalt ein Vertreter der freien Presse war“, erklärte Minniti. Er werde keine gesetzlosen Zonen tolerieren; die Prinzipien der Legalität gälten ohne Ausnahmen.

Weniger dramatisch stufte Ostias Faschistenführer den Übergriff ein. „Klar, das war keine schöne Geste“, erklärte Luca Marsella, der vom Spada-Clan unterstützte Spitzenkandidat von „Casa Pound“ bei den Lokalwahlen. Aber irgendwie sei der Journalist ja auch selbst schuld.

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