Organspenden in Spanien : Ein Herz für den Nächsten

Spanien ist bei der Zahl der Organspenden in Europa führend und liegt damit weit vor Deutschland. Das liegt am System des südeuropäischen Landes – und am Konsens in der Gesellschaft.

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Zwei Arbeiter montieren in Hannover ein Plakat zum Thema Organspende.
Zwei Arbeiter montieren in Hannover ein Plakat zum Thema Organspende.Foto: dpa

Es wird und wird nicht besser. Auch nach den neuesten Erhebungen gibt es in Deutschland viel zu wenige Organspenden. Zwar stieg die Zahl der Spender im vergangenen Jahr ein kleines bisschen, es waren 877 und damit 13 mehr als noch 2014. Dafür sank die der gespendeten Organe (um 89 auf 2900) – was möglicherweise mit dem höheren Durchschnittsalter der Spender zu tun hat.

Deutschland bleibt damit weit abgeschlagen. Auf eine Million Einwohner kommen hierzulande nur 10,8 Spender. Der EU-Schnitt liegt bei 19,5. Und der Organspende-Primus Spanien bringt es auf eine Quote von 39,7. Das ist europäischer Rekord – und noch mal eine Steigerung um zehn Prozent. Obwohl das Land nur halb so viele Einwohner hat wie Deutschland, wurden dort im vorigen Jahr 1851 Spender gezählt. Die Zahl der transplantierten Organe lag bei 4769. Das entspreche 13 Transplantationen pro Tag, sagt der Direktor der Nationalen Organisation für Transplantationen, Rafael Matesanz.

In Spanien dürfen jedem Hirntoten Organe entnommen werden

Warum ist das katholische Spanien beim Organspenden so viel besser? Fragt man Experten, wird sofort auf die unterschiedlichen Systeme verwiesen. In Spanien dürfen jedem Hirntoten Organe entnommen werden, wenn er oder seine Angehörigen dem zuvor nicht ausdrücklich widersprochen haben. In Deutschland ist es andersherum: Hier darf gar nichts entnommen werden, wenn es vorher keine Einwilligung gab. „Die Widerspruchslösung lebt in gewisser Weise von der Passivität der Menschen, die Zustimmungslösung leidet darunter“, sagt Axel Rahmel, der Medizinische Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO). Für die hohe Quote in Spanien sei aber ein ganzes Bündel von Faktoren verantwortlich.

In Spanien seien etwa die Klinikstrukturen anders. So gebe es dort nur 186 Entnahmekliniken, in Deutschland seien es 1326. Durch die Konzentration würden Patienten, die sich als Organspender eignen, eher identifiziert. „Wenn in den meisten unserer Kliniken gerade einmal alle fünf oder sechs Jahre eine Organentnahme stattfindet, fehlt es einfach an Erfahrung“, sagt Rahmel.

Auch bei den Transplantationsbeauftragten der Krankenhäuser gibt es Unterschiede. In Spanien sind es umfassend ausgebildete Intensivmediziner, die dafür eigens freigestellt werden. In Deutschland wird diese Aufgabe oft nur quasi nebenbei erledigt. Und: In Spanien sind die Transplantationsbeauftragten der Organspendeorganisation direkt unterstellt. Hierzulande lege man, um sich nicht dem Verdacht einer Einflussnahme auf Angehörige auszusetzen, Wert auf Unabhängigkeit, sagt Rahmel. Dabei müsse es aber auch bleiben, so der DSO-Mediziner.

Einer Studie zufolge wird in Deutschland bei Todgeweihten die Therapie früher als etwa in Spanien auf reine Palliativbetreuung, also Schmerzlinderung, umgestellt. Eine nicht unwichtige Rolle spielten dabei Patientenverfügungen ohne klare Äußerung zu Organspenden, sagt Rahmel. In Spanien führe man die Intensivtherapie öfter bis zum Nachweis des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls fort – eine Voraussetzung für jede Organspende.

Hinzu kommt aus Sicht des Experten ein „ganz anderer gesellschaftlicher Konsens“. Politiker in Spanien priesen die hohe Spendebereitschaft als Beleg für den sozialen Zusammenhalt des Landes. Spanische Kliniken seien stolz darauf, viele Organspender vorweisen zu können. „Bei uns gibt es da eher eine Hemmschwelle.“ Viele Klinikmitarbeiter täten sich schwer damit, Angehörige auf die Möglichkeit einer Organspende anzusprechen. Auszeichnungen für besonderes Spenden-Engagement würden hierzulande nicht im Eingangsbereich, sondern allenfalls im Verwaltungstrakt ausgehängt – in der Sorge, Patienten und Angehörige könnten befürchten, das Klinikum sei weniger an bestmöglicher gesundheitlicher Versorgung als an der Gewinnung von Spenderorganen interessiert. Dabei sei das Gegenteil richtig, sagt Rahmel. „Häuser mit einem hohen Organspendeaufkommen haben eine Top-Intensivmedizin und setzen sich bis zuletzt ganz besonders für ihre Patienten ein.“ Ohne Spitzenmedizin seien Organspenden gar nicht möglich.

Spanien gilt bei Organspenden als Vorbild in Europa

„Wir können viel von Spanien lernen“, heißt es bei der Brüsseler EU-Kommission, die europaweit versucht, die Zahl der Organspender zu erhöhen und die Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten zu verstärken. Doch um die Spendebereitschaft zu erhöhen, dürfe man keinen Druck ausüben, warnt Rahmel. Damit erreiche man nur das Gegenteil. Wichtig sei es, noch mehr Vertrauen ins System zu schaffen und die Kliniken zu entlasten. Und sich auf die Schulung der Beauftragten in den Kliniken zu konzentrieren.

Immerhin: Mit 30 Prozent besitzen inzwischen deutlich mehr Bundesbürger einen Spenderausweis als noch vor einigen Jahren. Und die Quote derer, die Organspenden für sich strikt ablehnen, ist in Spanien auch nicht kleiner als hierzulande. Sie beträgt zehn bis 15 Prozent.

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