Papa Rock : Von Udo lernen

Warum arbeiten jüngere Stars wie Silbermond und Jan Delay mit Udo Lindenberg zusammen?

Sebastian Handke
Lindenberg
Udo Lindenberg hilf wo er kann. -Foto: ddp

Als das Telefon damals klingelte, wollten Silbermond zunächst nicht glauben, wer dran ist. "Hallo, hier ist der Udo", nölte es vor vier Jahren aus dem Hörer. "Ich wollt‘ mal fragen, ob ihr nicht Lust habt, mit mir zu spielen." An der Stimme wäre es eigentlich sofort zu erkennen gewesen: Es war tatsächlich DER Udo am Apparat, das Urgestein des Deutschrocks, in all seiner nuschelnden Herrlichkeit.

Udo Lindenberg lässt nicht anrufen. Er greift selbst zum Hörer. Wenig später spielten Silbermond im Vorprogramm eines Lindenberg- Konzertes in Cottbus. Die junge Band aus Bautzen stand damals noch am Anfang ihres Erfolges. "Trotzdem kam Udo nicht erst am Abend, um seinen Auftritt runter zu spielen", erinnert sich Silbermond-Sängerin Stefanie Kloß. "Er war schon gegen Mittag da und hing mit uns in der Halle ab. Es war sehr persönlich." Seitdem telefoniert man gelegentlich, schreibt sich eine SMS oder trinkt gemeinsam einen Kräutertee, erzählt sie. Als Lindenberg dann für ein neues Album ins Studio ging, ließen Silbermond sich nicht lange bitten.

Auch Juli, Jan Delay und andere junge Erfolgsmusiker fanden sich ein. Vor drei Wochen wurde "Stark wie zwei" veröffentlicht. Seit dem steht das Album an der Spitze der deutschen Charts. Hat der Pate des Deutschrock den überraschenden Erfolg möglicherweise seinen musikalischen Enkeln zu verdanken? Stefanie weist das empört zurück. "Also mal ehrlich, der Udo hat ein Hammeralbum hingelegt. Der schafft das schon alleine."

Eine Platte von Lindenberg mag vielleicht nicht zwangsläufig auf Platz Eins schießen, nur weil Silbermond, Juli oder Jan Delay dabei sind. Sie wird aber anders wahrgenommen. "Stark wie zwei" findet Gehör weit über den Kreis alter Udo-Anhänger hinaus: Die erste Single "Wenn Du durchhängst" läuft auf MTV rauf und runter, die Klingeltöne verkaufen sich gut und "Bravo" wollte Lindenberg sogar für die nächste "Bravo Supershow" auf die Bühne holen. Was aber nach sorgfältigem Marketing aussieht, ist einfach nur das Prinzip Udo: Lindenberg hat immer ein offenes Ohr für junge deutsche Musiker, und was ihm gefällt, das wird gefördert. Damals wie heute schwärmt er von seiner Residenz, dem Hotel Atlantic, aus in die Hamburger Nacht und schart seine „Lindianer“ um sich.

Mit Jan Delay etwa verbringt er öfter mal eine Nacht in der Bar. Für den nicht minder näselnden Hiphop- und Funk-Musiker war Lindenberg immer das Vorbild: Delay ist zwar kein Rocker, aber mit seiner urbanen Interpretation von „cool“ ein würdiger Nachfolger für Udos "Mach-dich-mal-locker"-Rock. Mittlerweile sind die beiden so gut befreundet, dass Jan Delay ihn höflich, aber bestimmt, dazu ermahnen konnte, von der "Porno-Orgel" (Delay) und anderen musikalischen Altlasten diesmal die Finger zu lassen. "Stark wie zwei" mag daher weniger verstaubt klingen als Lindenbergs letzte Alben. Sein Stil aber hat sich nicht im Geringsten verändert. Er ist jetzt allerdings in jenem Alter, da alte Rockhelden für das beharrliche Festhalten an der eigenen Kauzigkeit honoriert werden: das Relikt aus einer Zeit, als es noch keine riesenhaften Musikkonzerne gab, keine Castingshows, mp3-Downloads oder Klingeltöne, klingt für die übersättigten Ohren von heute offenbar frisch und ehrlich.

Dafür, dass er in den Siebzigern die deutsche Musikszene aufmischte, wird Udo Lindenberg selbst von Musikern respektiert, die noch nicht geboren waren, als er seine beste Zeit schon hinter sich hatte. Für die Band aus Bautzen kommt allerdings noch etwas hinzu: "Unsere Eltern waren völlig begeistert, als sie hörten, dass wir mit dem Udo spielen", sagt Silbermond-Schlagzeuger Andreas Nowak. „Er hat ja einiges bewegt in der DDR.“ Als er 1983 in im Palast der Republik spielen durfte, war das ein nationales Großereignis.

Ein bisschen Ehrfurcht hatten die Spätgeboren daher schon, als man gemeinsam "Der Deal" einspielte. "Ich habe mir immer drei mal überlegt, bevor ich ihm etwas vorschlage", sagt Stefanie. "Aber er ist sehr entspannt. Das war ansteckend." Doch Silbermond haben noch etwas anderes vom alten Udo lernen können. Während eines gemeinsamen Konzertes in Dresden kreiste plötzlich ein Tablett mit Eierlikör unter den Musikern auf der Bühne. "Das war das erste Mal, dass wir während eines Auftrittes Alkohol getrunken haben."

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