Paraguay : Im Sojarausch

Riesige landwirtschaftliche Monokulturen gelten in Paraguay als wirtschaftliches Erfolgsmodell. Doch Wälder, Tiere und Kleinbauern bleiben auf der Strecke.

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In Südamerika setzen viele Großbauern auf Soja.
In Südamerika setzen viele Großbauern auf Soja.Foto: Tom Gannam/REUTERS

Dreimal haben sie ihn vertrieben, zusammengeschlagen und sogar ins Gefängnis gesteckt, dreimal kam José-Luis Centurion wieder. Jetzt haust der 29-Jährige in einem Zelt und bestellt zehn Hektar Land in der Kleinbauerngemeinde San Juan im Osten Paraguays. Bohnen, Yucca, Mais und Bananen sind sein ganzer Stolz und die Lebensgrundlage für seine Familie. Doch es sieht nicht gut aus für ihn – und schuld daran sind die Sojabohnen.

Zwischen der Kleinstadt Puente Kyjá und San Juan erstrecken sich die Soja-Monokulturen bis zum Horizont. 40 Grad im Schatten, fast kein Baum, kein Vogel, kein Zirpen der Zikaden, nur eine einförmig grüne Wüste. Ein unangenehm stechender Geruch reizt die Schleimhäute. Ein Traktor mit kranähnlichem Aufsatz versprüht Glyphosat von Monsanto, der US-Firma, deren geplante Übernahme durch den Chemieriesen Bayer auf dessen Hauptversammlung am Freitag für Aufregung sorgen dürfte.

Die Pflanzungen beginnen direkt neben der Lehmpiste, kein Zentimeter darf verschenkt werden – obwohl laut Gesetzgebung eigentlich Baumbarrieren die Straßen und Siedlungen schützen sollten. Das Gesetz wurde erlassen, als 2003 der elfjährige Silvino Talavera starb, einen Tag nachdem er radelnd auf dem Heimweg mit Glyphosat besprüht wurde. Die verantwortlichen Sojabauern wurden zu zwei Jahren Haft verurteilt – auf Bewährung. Ein Kinderleben zählt nicht viel im Sojarausch.

Hunderttausende Bauern haben ihren Job verloren

Die Hälfte der 500 Kleinbauern haben San Juan inzwischen verlassen. Sie vermieteten oder verkauften ihr Land an Sojabauern, Widerspenstige wurden gewaltsam vertrieben, weil die Sojabarone mit gefälschten Landtiteln Räumungsbefehle erwirkten. Andere erkrankten durch den massiven Pestizideinsatz in der Monokultur oder verzweifelten, weil ihre Produkte gegen billige Import-Lebensmittel nicht mehr wettbewerbsfähig waren. Kleinbauern wie Centurión haben im Modell der industriell hochgerüsteten, kapitalintensiven und gentechnisch veränderten Export-Landwirtschaft keinen Platz. Der Anbau von Gensoja, das vor allem als Viehfutter nach Europa exportiert wird, ist unter 150 Hektar nicht rentabel.

900000 Kleinbauern haben nach Schätzungen der vom kirchlichen Hilfswerk Misereor unterstützten Forschungseinrichtung Base im vergangenen Jahrzehnt ihr Land verloren. Die meisten leben heute in den Elendsgürteln rund um die Hauptstadt Asunción. Diejenigen, die die Hoffnung auf ein Stück Land noch nicht aufgegeben haben, besetzen es und leben in Zelten wie Centurión. Als Mahnmal der Ungerechtigkeit in einem Land, das landwirtschaftliche Produkte für über 60 Millionen Menschen exportiert, in dem man aber als Landwirt kein selbstbestimmtes, würdiges Leben führen kann.

Für Politiker und Volkswirtschaftler ist das ein Erfolgsmodell. Seit der Umstellung auf Soja wuchs die Volkswirtschaft des Landes um knapp fünf Prozent jährlich. Die Armut ging dank Sozialprogrammen der Regierung zwar zurück, doch ein Viertel der Bevölkerung ist weiterhin arm, und der Gini-Index, der die Ungleichheit misst, verschlechterte sich seit 1990. Paraguay ist laut Base schon heute eines der Länder mit der höchsten Landkonzentration weltweit. 2,6 Prozent der Großgrundbesitzer kontrollieren 85,5 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche.

Hoffen auf eine Rekordernte

Derzeit wird auf 3,2 Millionen Hektar Soja angebaut. Die diesjährige Ernte verspricht einen neuen Rekord. „Keine Dürre, wenig Schädlinge“, sagt zufrieden der Präsident der Kammer der Exporteure von Getreide- und Ölprodukten (Capeco) José Berea. In seinem klimatisierten Büro in Asunción jongliert er mit Zahlen. „Pro Hektar erzielt die Soja einen Gewinn von 500 US-Dollar“, erzählt er. „Wir exportieren rund neun Millionen Tonnen Bohnen, Öl, Mehl und Pellets.“ 2016 schwemmte der Export 3,1 Milliarden US-Dollar in die Kassen der Soja-Barone. Praktisch steuerfrei. Einkommenssteuern gibt es erst seit 2012. Weil Steuerhinterziehung aber nicht verfolgt wird, erwirtschaften die Agrarexporteure zwar 25 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, wie der Ökonom Victor Raúl Benítez vorrechnet, aber sie zahlen nur zwei Prozent des Steueraufkommens. „Unser Staat raubt sozusagen den Armen, um den Reichen zu geben“, kritisiert der Universitätsprofessor.

Der Soja-Boom war eine Idee multinationaler Konzerne. 2003 schaltete der Schweizer Konzern Syngenta eine Anzeige, in der von der „Vereinten Soja-Republik“ die Rede war. Einem 46 Millionen Hektar großen Soja-Anbaugebiet zwischen Brasilien, Bolivien, Argentinien, Paraguay und Uruguay. Syngenta bewarb damit seine gentechnisch veränderten Samen. Vorreiter aber war Monsanto, das in den 90er Jahren das gentechnisch manipulierte und glyphosatresistente Saatgut Soja Roundup Ready (RR) entwickelte. Es wurde in Paraguay, Brasilien und Argentinien erst als Schmuggelgut vertrieben, und breitete sich nach der Zulassung rasant aus. Die ölreiche Hülsenfrucht galt als eine Art Wunderwaffe. Als möglicher Rohstoff für Biokraftstoff, vor allem aber als Viehfutter für die zunehmend nach Fleisch verlangende Weltbevölkerung. Dank Gentechnik, direkter Aussaat und passgenauer Pestizide schnellte der Ertrag in die Höhe – auf bis zu drei Tonnen pro Hektar.

Auf ihrem Vormarsch verschlang die Sojabohne alles, was im Weg war: Wälder (über zehn Millionen Hektar fielen ihr zum Opfer), Wildtiere, indigene Schutzgebiete, Landarbeiter, die durch Maschinen ersetzt wurden, und zuletzt die Familienbetriebe der Bauern. Die Vielfalt wich einer industriell bearbeiteten Wüste, auf die jährlich 20,5 Millionen Liter Pestizide niedergehen. Heute muss Paraguay den größten Anteil seiner Lebensmittel importieren. „Ich lebe seit 18 Jahren hier. Früher war das ein kleines Paradies mit Wald, fruchtbaren Böden, klaren Flüssen“, erzählt der Direktor der Sekundarschule von San Juan, Roberto Baez. „Heute ist es viel heißer, und man kann wegen der Pestizide nicht mehr im Fluss baden, ohne Ausschlag zu bekommen.“ Bauern klagen, dass ihre Hühner und Schweine sterben, wenn die Pestizide zu ihnen wehen. Viren seien schuld, widersprechen Regierungsbeamte. Einen Tierarzt, der das untersuchen könnte, gibt es nicht.

Umgang mit Pestiziden umstritten

Am örtlichen Gesundheitsposten sind die Statistiken ebenfalls diffus. „Als Pestizidvergiftungen werden nur akute, eindeutige Fälle vermeldet“, erzählt Krankenpfleger Carlos Acosta. „Ausschläge, Atemwegsinfektionen oder Nierenerkrankungen, die hier sehr häufig sind und mit Pestiziden in Zusammenhang stehen könnten, haben eine eigene Rubrik.“ Kausalitäten herzustellen ist wissenschaftlich knifflig. Eine der wenigen, die in Paraguay dazu forscht, ist Stela Leite, Kinderärztin an der Uniklinik von Asunción. Noch ist ihre Studie nicht fertig, in der sie das Blut der Kinder von San Juan auf Tumormarker untersucht hat. Leite hat aber in den Statistiken beunruhigende Zahlen gefunden: „Paraguay hat mit 19 pro 1000 eine sehr hohe Säuglingssterblichkeit, verursacht an erster Stelle durch Infektionen und an zweiter durch Missbildungen, was vor einigen Jahren noch an vierter Stelle stand.“

Der Umgang mit Pestiziden ist politisch sehr umstritten. Verkaufsschlager der in Paraguay eingesetzten Pestizide ist Glyphosat, das von der Weltgesundheitsorganisation 2015 als „vermutlich krebserregend“ eingestuft wurde. Ein Jahr später ruderten andere WHO-Experten zurück. Es sei unwahrscheinlich, dass Nahrungsmittel, die Reste von Glyphosat enthielten, Krebs erzeugten oder dass Glyphosat Veränderungen im Erbgut auslöse. Die Soja-Pioniere in Paraguay treibt längst ein anderes Problem um: die zunehmende Resistenz des Unkrauts gegen Glyphosat, wie Capeco-Präsident Berea einräumt. Nachdem die Bauern erst die Dosis erhöhten, kommen nun giftigere Pestizid-Cocktails zum Einsatz.

Die Reportage wurde unterstützt von Misereor. Monsanto Paraguay ist der Bitte um ein Interview nicht nachgekommen.

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