Pferdefleisch-Skandal : 50 000 Tonnen Fleisch werden EU-weit gesucht

Der Pferdefleisch-Skandal ist viel größer als bisher angenommen. Eine Menge von 50 000 Tonnen nicht deklarierten Fleischs wird EU-weit gesucht – auch in Berlin. Auch hier wurde ein Unternehmen mit falsch etikettiertem Fleisch beliefert.

Kerstin Schweighöfer, Andreas Oswald
Fleischarbeiter am Fließband eines deutschen Unternehmens.
Fleischarbeiter am Fließband eines deutschen Unternehmens.Foto: dpa

Man muss sich das einmal vorstellen. 50 000 Tonnen. Das ist die Menge des jetzt aus den Niederlanden zurückgerufenen Fleisches. Wie viele Lastwagen wären das? Die Deutsche Presseagentur hat einmal nachgerechnet. Bei einer angenommenen Zuladung von 24 Tonnen Fleisch je Fahrzeug wären dies mehr als 2000 Lastzüge mit je 18 Metern Länge. Dies ergäbe eine Schlange von mehr als 37 Kilometern – ohne Abstand zwischen den Fahrzeugen. Eine Strecke, die per Luftlinie von Köln bis nach Düsseldorf und auf der Straße von Berlin-Mitte bis nach Potsdam reichen würde.

Direktor Marc Jansen vom Dachverband niederländischer Supermärkte CBL ist schockiert: „Das hat es noch nie gegeben.“ 50 000 Tonnen Fleisch, das in den letzten zwei Jahren von einem niederländischen Großhändler in ganz Europa auf den Markt gekommen ist, soll aufgespürt, beschlagnahmt und vernichtet werden. Der Grund: Seine Herkunft ist unklar, dem Rindfleisch könnte nicht nur Pferdefleisch untergemischt worden sein, sondern auch das Fleisch kranker Tiere. Bislang gebe es zwar keinerlei Hinweise, dass die Gesundheit gefährdet sei, betonte die zuständige niederländische Kontrollbehörde für Nahrungsmittel NVWA. Aber als Vorsichtsmaßnahme hat sie doch zu dieser Rückruf-Aktion aufgerufen, die in ganz Europa ihresgleichen sucht.

Im Zentrum des neuen niederländischen Fleischskandals steht Großhändler Willy Selten aus dem südniederländischen Oss. Die Firma war gerade erst im Februar während des Pferdefleischskandals in die Schlagzeilen geraten: Bei Kontrollen stellte die NVWA fest, dass Selten Pferdefleisch unter Rindfleisch gemischt und als reines Rindfleisch verkauft hatte. In der lokalen Presse war von Pferdekadavern die Rede, die auf dem Firmengelände gesichtet worden waren. Bei weiterführenden Untersuchungen stellte die NVWA dann fest, dass die Buchhaltung nicht stimmte und unklar war, woher das Fleisch, mit dem die Firma handelte, stammte.

130 Firmen in den Niederlanden sind betroffen

In den Niederlanden sind 130 Firmen betroffen, in anderen europäischen Ländern weitere 370, vor allem in Frankreich, Portugal, Spanien und auch Deutschland: Dort sollen nach Angaben des Bundesverbraucherministeriums 124 Betriebe betroffen sein: Metzgereien, Händler und weiterverarbeitende Betriebe in allen Bundesländern bis auf das Saarland und Bremen. Falls sie das Fleisch weiterverkauft haben, müssen sie ihrerseits ihre Abnehmer warnen. Weil nicht sicher ist, ob damit wirklich alle Abnehmer aufgespürt werden können, hat die NVWA beschlossen, den Namen der Firma bekannt zu machen – ein höchst ungewöhnlicher Schritt.

Fleischhändler Selten hat die 50 000 Tonnen Fleisch zwischen dem 1. Januar 2011 und dem 15. Februar 2013 verkauft – einer Zeitspanne von mehr als zwei Jahren. Ein Großteil des Fleisches wird längst konsumiert sein.

Es könnte in Tiefkühlpizzas gelandet sein, aber auch in Eintöpfen: Damit sind nicht bloß 50 000 Tonnen Fleisch betroffen, sondern „Hunderttausende von Tonnen an Nahrungsmitteln“, sagte Supermarkt-Branchenmann Jansen.

Dem niederländischen Pressebüro NOVUM zufolge will Fleischhändler Selten gegen die NVWA eine einstweilige Verfügung erlangen. Laut Presseberichten steht Selten vor dem Konkurs.

Kontrollen in Berlin

In Berlin ist ein größeres Unternehmen von Selten beliefert worden, wie die Sprecherin der Senatsverwaltung für Verbraucherschutz sagte. Das Unternehmen sei seinerseits Zulieferer für Firmen, die Convenient-Produkte herstellen. Seit gestern untersuche die Lebensmittelkontrolle, in welchem Ausmaß das Unternehmen beliefert wurde, was von dem Fleisch noch da ist, und in welchen Endprodukten sich das Fleisch befinden könnte. Der Name der Firma werde nicht genannt, da es keine Hinweise auf eine Gesundheitsgefährdung gebe. Die Berliner Firma sei zudem Opfer des Betrugs.

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