Phänomen Phubbing : Die Generation Smartphone nervt sich selbst

Menschen, die auf Smartphones starren: Mail checken, Status updaten, Video streamen. Das Smartphone ermöglicht viel - aber es stört auch viel. "Phubbing" wird das unhöfliche Surfen in Gegenwart anderer genannt. Eine Anti-Phubbing-Bewegung feiert ihre ersten Helden.

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Menschen, die auf Smartphones starren: Ein Paar "kommuniziert"
Menschen, die auf Smartphones starren: Ein Paar "kommuniziert"Foto: Afp

So ein Smartphone ist praktisch: Ein Live-Konzert kann man jetzt mitfilmen, anstelle es nur genießen zu müssen. Wer vor dem Gute-Nacht-Kuss noch mal Mails checken will, braucht dazu nicht den Rechner hochzufahren. Und wenn zwei sich im Restaurant streiten, was "Crevette à l'ail" sind, weiß es das Alleskönner-Handy schneller als der Kellner.

Der Smartphone-Check im Kreise anderer ist ein Massenphänomen - und eine Unhöflichkeit, die nur schwer zu bändigen ist. Im Englischen hat sich jetzt das Wörtchen "Phubbing" zur Beschreibung der Smartphone-Sünde etabliert. Phubbing ist eine Kontraktion aus "phone" und dem Verb "snubbing" - es beschreibt also den Zustand, jemanden in der Öffentlichkeit zu brüskieren, indem man sich lieber mit seinem Telefon als mit dem Gegenüber beschäftigt.

Das Smartphone kann ein großer Katalysator zur Selbstreflexion sein. Wer gerne sein Mittagessen auf Instagram teilt oder seinen Arbeitsweg auf Facebook beschreibt - dem ist vielleicht auch irgendwann aufgefallen, dass auch alle anderen im Restaurant ihre Suppen abfotografieren anstatt sie auszulöffeln. Im Netz hat sich in den letzten Wochen daher eine Anti-Phubbing-Gemeinde gegründet, die mal augenzwinkernd, mal aufrüttelnd den Smartphone-Überdruss thematisiert.

Das YouTube-Video „I Forgot My Phone“, vor zwei Wochen hochgeladen, wurde bereits knapp 20 Millionen mal gesehen. Es zeigt Momente, in denen das Handy schöne Erlebnisse zerstört: Da knipsen sich Paare beim Küssen und Freunde schauen sich beim Treffen nicht in die Augen, sondern auf das Display. Autorin und Hauptdarstellerin des Videos ist laut New York Times die US-Schauspielerin und Tänzerin Charlene deGuzman. "Es macht mich traurig, dass es Momente gibt, in denen wir nicht präsent sind, weil wir auf ein Telefon schauen", sagte sie der Zeitung. Die lobt das Video als "direkten Treffer auf unsere Smartphone-obsessive Gesellschaft", gibt aber gleichzeitig Entwarnung: Auch der Fernseher sei mal so stark in Mode gewesen, dass er seinerzeit vor dem Wohnzimmer- als auch Küchentisch stand. Mittlerweile würden amerikanische Familien jedoch wieder beim Abendessen miteinander reden.

Auch die Seite stopphubbing.com sammelt Gründe, mit der schlechten Angewohnheit zu haushalten. In nicht ganz ernsten Erhebungen listet sie Gründe gegen Phubbing auf. Und skizziert, was Phubbing bereits angerichtet hat: So würden 92 Prozent aller Dauer-Phubber früher oder später Politiker werden und 87 Prozent aller Kinder würden lieber miteinander texten statt zu reden. 84 Prozent der Seitenbesucher haben sich bisher gegen Phubbing ausgesprochen, eine tapfere Minderheit mag das Smartphone-Starren. Die Seite buzzfeed spricht von Phubbing als Epidemie - auf ihrem Blog prangert sie Prominente an.

Etikette-Trainer raten, den Smartphone-Gebrauch während des Smalltalks zu vermeiden oder wenigstens anzukündigen. Aber die wichtigste Lektion ist wohl: Ein Smartphone ist immer nur so smart wie sein Nutzer.

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