Welt : Picasso vom Dach

Max Paulus war ein unbekannter Maler. Seine Erben fanden jetzt ein Meisterwerk

Matthias Oloew[Cloppenburg]

Nach drei Stunden war der alte Herr erschöpft. Die Hüfte schmerzte. „Herr Meyer, wir müssen jetzt aufhören, ich kann nicht mehr sitzen.“ Doch Werner Meyer wollte nicht aufgeben. Er kniete auf dem staubigen Dachboden und wühlte fiebrig in über tausend Bildern und Dokumenten. Was er suchte, war ein Picasso. Eine Zeichnung des Meisters, die irgendwo hier oben liegen sollte. Das jedenfalls hatte ihm der alte Mann erzählt. Und der wusste es von seinem längst verstorbenen Onkel, einem Künstler, dessen Nachlass nun auf diesem Dachboden in der Nähe der niedersächsischen Kreisstadt Cloppenburg lagerte. Er hatte seine Bilder lieber behalten statt verkaufen wollen.

„Herr Meyer, finden Sie nicht auch, dass es hier komisch riecht?“, fragte der Alte, Meyer schnupperte. „Stimmt. Es riecht ein bisschen verbrannt.“ – „Um Himmels willen, mein Hühnchen!“ Der alte Mann sprang von seinem Stuhl auf, hinunter in die Küche. Auktionator Meyer war eine halbe Stunde allein. „Das waren die 30 Minuten Ruhe, die ich brauchte, um die Mappe mit den Expressionisten zu finden“, erzählt Meyer heute – „und darin war auch der Picasso.“ Eine Graphitzeichnung ist das Bild, signiert vom Meister, etwa 40 mal 60 Zentimeter groß. „Das Bild ist echt“, daran hat Meyer keinen Zweifel. Trotzdem will er das unbekannte Werk, das den unbekannten Kölner Maler Max Paulus zeigt, Experten in Paris zur Prüfung vorlegen. Denn nur wenn diese die Echtheit bestätigen, ist das Werk auch wertvoll. Es könnte einer der teuersten Posten sein, den der Cloppenburger Auktionator in seinen 20 Berufsjahren unter den Hammer bringt.

Der weltbekannte Meister und ein unbekannter Künstler aus Köln – wie kamen sie zusammen? Max Paulus hat das Treffen mit Picasso in seinen Erinnerungen beschrieben. Im September 1940 trafen sich beide in Picassos Pariser Atelier. Drei Mal hatten sie sich gesehen und gegenseitig Portraits angefertigt. Paris war von den Deutschen besetzt, aber nicht von der Kunstwelt abgeschnitten. Der spanische Botschafter und Künstlerfreunde hatten das Treffen vermittelt. Beim dritten Treffen, am 24. September 1940, soll Picasso selbst zum Stift gegriffen und Paulus gezeichnet haben. Zum Abschied gab er seinem Gast mit auf den Weg: „Gehen Sie zurück nach Deutschland und sorgen Sie dafür, dass es Frieden gibt.“

Die Geschichte klingt fantastisch. Dass es so gewesen ist, hält der Galerist Heinz Berggruen, der Picasso persönlich kannte, für möglich: „Picasso hat während des Krieges in Paris gelebt und auch Künstler in seinem Atelier empfangen.“ Der Name Max Paulus sagt Berggruen aber nichts. „Paulus war damals als Soldat in Paris“, sagt der Kölner Fotograf und Galerist Egon Hellfeier, „und das Treffen mit Picasso ganz typisch für ihn: Er ging mit seinem Zeichenblock auf die Leute zu und portraitierte sie.“ So habe Paulus das auf seinen Reisen immer gemacht. Auktionator Meyer hat Bilder gefunden, die Emil Nolde, Oskar Kokoschka und Käthe Kollwitz zeigen, aber auch den Chef des NS-Reichssicherheitshauptamtes Reinhard Heydrich und Benito Mussolini. „Wir haben einmal seine Bilder ausgestellt“, erzählt Hellfeier, „und mussten schlucken, als wir den Duce neben Bert Brecht aufhingen.“

Im Nachlass hat Meyer auch Winston Churchill entdeckt. So wie fast alle Portraits ist auch dieses signiert von Paulus – und vom Portraitierten. Auch Nolde hat – ähnlich wie Picasso – Paulus gezeichnet. Egon Hellfeier ist wie Werner Meyer von der Echtheit der Bilder überzeugt. Um die Zeichnungen hat sich Paulus selber nie gekümmert. „Er hatte sie stapelweise ungeordnet im Schrank liegen“, sagt Hellfeier. Jetzt ist Paulus über 20 Jahre tot.

Sein Neffe verwahrte den Nachlass. Die Sammlung hat ihn nicht besonders interessiert. Doch jetzt will er sich, im hohen Alter, eine neue Couch leisten. Das Geld soll eine Auktion mit den Werken seines Onkels bringen.

Die Expertise, ob das Werk echt ist, erstellt die Familie Picasso in Paris. Enkel Claude begutachtet das Werk, Ansprüche haben die Erben nach französischem Recht aber nicht, sagt Heinz Berggruen. Ist die Zeichnung wirklich echt, könnte für den Paulus-Erben in Cloppenburg noch mehr herausspringen als eine neue Couchgarnitur: Auktionator Werner Meyer schätzt den Wert des Bildes auf mehrere zehntausend Euro.

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