Portugal : Kindersex-Skandal: „Wir sind alle schuldig“

In Portugal geht der Prozess um den schlimmsten Kindersex-Skandal des Landes zu Ende

Ralph Schulze[Madrid]

„Egal wie der Prozess ausgehen wird, er sorgt dafür, dass mit der Barbarei des sexuellen Missbrauchs von Heimkindern endlich Schluss gemacht wurde“, sagt Pedro Namora. Er ist jener Anwalt, der die Opfer dieses schlimmsten Kindersex-Skandals in der portugiesischen Geschichte vor Gericht vertritt. Vier Jahrzehnte lang hatte Portugals feine Gesellschaft Waisenknaben aus dem staatlichen Heim „Casa Pia“ in der Hauptstadt Lissabon missbraucht. Die Behörden hatten derweil weggeschaut, obwohl es Hinweise und Hilferufe gab. Damit kam der Verdacht auf, dass höchste Kreise der Gesellschaft in den Skandal verwickelt waren. Ein Pakt des Schweigens wird vermutet, um die Täter zu decken.

Nach vier Jahren gerichtlicher Untersuchung geht der Mammutprozess in Lissabon nun in seine Endrunde. Staatsanwalt Joao Aibeo sieht bisher wenigstens vier der Angeklagten als überführt an, darunter Portugals bekannten TV-Entertainer Carlos Cruz (66). Mit dem populären Show-Moderator sitzen auch ein früherer Botschafter, ein Prominentenarzt, der ehemalige Heimleiter, ein Anwalt und jene Frau auf der Anklagebank, in deren Haus für die Herren „Sexorgien“ mit Heimkindern organisiert worden sein sollen. Die große Mehrzahl der Täter konnte freilich nicht ermittelt werden, da die Kinder die Namen ihrer Peiniger nicht kannten.

Schlüsselfigur dieser Affäre, in der auch Politiker wie der Ex-Sozialminister Paulo Pedroso vorübergehend unter Verdacht gerieten und die Portugals Gesellschaft zutiefst schockte, ist jedoch der Hauptangeklagte Carlos Silvino, alias „Bibi“. Der 52-jährige frühere Heimangestellte, der sich im „Casa Pia“ als Chauffeur, Gärtner und auch Erzieher verdingte, organisierte das schmutzige Geschäft mit den Waisenkindern, beteiligte sich zudem selbst an Missbrauch und Vergewaltigungen. „Bibi“, der einzige geständige Angeklagte, betätigte sich als Zuhälter, erpresste die Kinder, machte sie mit Versprechungen oder auch mit Gewalt gefügig und kassierte von den Sex-Kunden.

„Wir sind alle schuldig“, sagte „Bibi“ reumütig vor Gericht, bat seine Opfer um Vergebung und belastete alle sechs Mitangeklagten, die jedoch ihrerseits sämtliche Vorwürfe bis heute bestreiten. „Bibi“, der selbst im „Casa Pia“ aufwuchs, erzählte derweil, dass der Missbrauch wenigstens seit den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zum Heimalltag gehört habe. „Mit vier Lebensjahren kam ich in das Heim. Seitdem und bis zum 13. Jahr bin ich vergewaltigt worden – durch zwei Lehrer, zwei Erzieher, fünf ältere Heiminsassen und einen Priester.“ Die Aussagen und Ermittlungen in Portugals Kinderschänderprozess, der im November 2004 begann, füllen inzwischen 60 000 Aktenseiten. Rund 630 Missbrauchsfälle an 32 Kindern werden dokumentiert, auch wenn die wirkliche Zahl ein Vielfaches davon betragen dürfte. Im Dezember sollen Ankläger und Verteidiger ihre Plädoyers halten. Die Urteile des Gerichts werden Anfang kommenden Jahres erwartet.

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