Psychologie : Das Experiment vor Abu Ghraib

Es geschah vor 37 Jahren in der Uni Stanford: Die Wärter stellten sich den Gefangenen feixend auf den Rücken, während diese Liegestützen machen mussten, sie befahlen ihnen, sich auszuziehen und mit bloßen Händen die Klos zu putzen. Das Experiment verleiht einem damals jungen und ehrgeizigen Psychologen heute Starfaktor.

Verena Friederike Hasel

BerlinAls er 2004 die ersten Bilder von Abu Ghraib sah, war ihm, als trete er eine Zeitreise an. Die nackten Gefangenen mit den Kapuzen über ihren Köpfen, die auf allen Vieren hockten, versetzten Philip Zimbardo 33 Jahre zurück in einen Keller unterhalb der Stanford University. „Dort hatte ich das alles schon einmal erlebt“, sagt Zimbardo am Dienstag auf dem „International Congress of Psychology“. 800 Menschen sind ins Berliner ICC gekommen, um ihn zu hören, weitere 400 warten vor der Tür. Zimbardo ist wohl der einzige lebende Psychologe mit Starfaktor, und das liegt allein an sechs Tagen in diesem Keller.

Was damals geschah, hat Oliver Hirschbiegels Kinofilm „Das Experiment“ mit Moritz Bleibtreu verarbeitet. „Probanden für Studie von Gefängnisleben gesucht“, hatte der junge ehrgeizige Psychologe Zimbardo in einer Zeitung inseriert. 24 Interessenten wählte er aus, teilte sie in Gefangene und Wärter und gab ihnen den Arbeitsauftrag, zwei Wochen lang im Keller unterhalb der Fakultät Haftanstalt zu spielen. Daraus wurde schnell Ernst: Die Wärter stellten sich den Gefangenen feixend auf den Rücken, während diese Liegestützen machen mussten, sie befahlen ihnen, sich auszuziehen und mit bloßen Händen die Klos zu putzen, sechs Gefangene erlitten Nervenzusammenbrüche, einer trat in Hungerstreik. „Vorangetrieben wird so eine Entmenschlichung immer durch Äußerlichkeiten“, sagt Zimbardo. Die Wärter versteckten sich hinter Sonnenbrillen und Uniformen, den Gefangenen wurde durch Kapuzen und Tüten das Gesicht genommen – ähnlich wie drei Jahrzehnte später in Abu Ghraib.

Als Zimbardo die ihm seltsam vertrauten Fernsehbilder sah, beschloss er etwas zu unternehmen. Im Prozess gegen eine der Wachen, „Chip“ Frederick, plädierte der Psychologe dafür, dessen Strafe herabzusetzen, da dieser durch die Umstände manipuliert worden sei. Der Richter verhängte die Höchststrafe.

Darüber redet sich Zimbardo im ICC in Rage, ebenso wie über Bushs Rede von den „paar faulen Äpfeln“, die für die Folter von Abu Ghraib verantwortlich gewesen seien. „Nicht die Äpfel sind faul, sondern das Feld“, sagt Zimbardo. Und scheint an die 24 Äpfel zu denken, die er im Keller der Stanford University verkommen ließ. Immer noch reut es ihn, dass er es so weit kommen ließ. „Ich als Versuchsleiter trug die Verantwortung“, sagt er.

In den vergangenen Jahren hat Zimbardo sein Forschungsfeld erweitert, er beschäftigt sich nicht mehr ausschließlich mit dem Bösen, sondern auch damit, was einen zum Helden macht. Und dann erzählt er die Geschichte seiner persönlichen Heldin: Seine damalige Freundin und heutige Frau sei fassungslos gewesen, als sie ihn am fünften Tag im Institut besuchte. „Sie stellte mich vor die Alternative: Entweder ich beende das Experiment oder sie verlässt mich“, sagt er. Am nächsten Morgen schickte der Psychologe die Versuchspersonen nach Hause.

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